Lyrik für alle – Rupi Kaurs Online-Schreibworkshop

Vom Online-Workout über Zoom-Yoga bis hin zum virtuellen Musikfestival – das Angebot an Video-Livestreams scheint momentan grenzenlos. Die indisch-kanadische Schriftstellerin Rupi Kaur bietet auf Instagram sogar kostenlose „Gedicht-Schreibworkshops“ an. Doch ist das persönliche Gedichteschreiben immer noch zeitgemäß? Eine Auswertung.

Mit heller Stimme und einem erwartungsvollen Gesichtsausdruck begrüßt die junge Frau im Kuschelpullover ihre Zuschauer*innen aus der Instagram-Community. Wie so oft ist auch bei diesem Video-Livestream ein Bücherregal im Hintergrund zu sehen. Doch statt nur Bücher zu lesen, kann die Frau im Bild sogar von sich behaupten, tatsächlich auch Bücher zu schreiben – und das mit Erfolg. Als indisch-kanadische Schriftstellerin stand Rupi Kaur schon zweimal auf der New-York-Times-Bestsellerliste. Normalerweise füllen ihre Lesungen ganze Theatersäle. Jetzt, in Zeiten von Corona, musste sie sichtlich improvisieren. Doch statt ihre eigenen Werke im Livestream vorzustellen, fordert die 28-Jährige diesmal ihre Zuschauenden heraus – in einem „IG-Live Writing Workshop.“

Das Format „Schreibworkshop“ mag sich pragmatisch anhören, aber der Zweck dahinter liegt tiefer. In ihrem etwa einstündigen Livestream stellt Rupi Kaur zunächst drei Techniken vor, mit denen sich eine Schreibblockade überwinden lässt:

  1. Brief schreiben mit Zufallswörtern – dabei sucht man sich einen beliebigen Adressaten aus und richtet ein paar Zeilen an ihn oder sie. Alle 1,5 Minuten wird nun ein zusammenhangloses Zufallswort eingeworfen (z.B. “peanut”, “box”, “green”), das man im Text verwenden muss. Das Ziel dabei ist, die Textstruktur ein wenig aufzulockern und, im Idealfall, kreativer mit Stilmitteln und Metaphern umzugehen.
  2. Listen-Gedichte – wie bei einer Einkaufsliste schreibt man in dieser Übung Wörter, Wortgruppen oder ganze Sätze untereinander, die nur durch einen Titel am Anfang (oder Ende) der Liste miteinander verbunden sind. Kaur gibt im Video zu, diese Übung sehr oft zu nutzen. Insbesondere, wenn man über ein Erlebnis oder eine Sache schreibe, die recht unklar erscheine, können Listen-Gedichte helfen, den Gedankenstrom zu bündeln und besser auszuloten, so Kaur.
  3. Sonett – in dieser Übung geht es weniger darum, ein streng gereimtes Gedicht wie von Shakespeare und Co. zu verfassen, sondern lediglich um die 14-Zeilen-Struktur, die typisch für ein Sonett ist. In der ersten Zeile wird ein Gegenstand betitelt (z.B. “Tisch”, “Stein”, “Fenster”). Dies ist der Orientierungspunkt für die nächsten 13 Zeilen. Nun versetzt man sich in die Rolle des Gegenstandes und beantwortet anhand dessen Zeile für Zeile den Fragenkatalog, welchen Rupi Kaur im Video vorschlägt. Der bewusst erzeugte Perspektivwechsel soll dabei helfen, Schreibbarrieren zu überwinden und den eigenen Gedanken mehr Platz zu lassen.

Eine Sache wird bei diesen Übungen klar – es geht um das spontane, ungeplante Schreiben von Gedichten. Das mag für heutige Verhältnisse etwas angestaubt, ja fast schon altmodisch klingen. Als habe man nichts Besseres zu tun, als am Schreibtisch zu sitzen und Rilke nachzuahmen. Doch gerade das Schreiben von simplen, ehrlichen Gedichten ist es, was Rupi Kaur zu einer der bekanntesten Schriftstellerinnen auf dem amerikanischen Kontinent machte.

Kaur wurde 1992 im indischen Punjab geboren, bevor sie und ihre Eltern nach Kanada ausgewandert sind. Konfrontiert mit einer völlig anderen Kultur und Sprache, wächst das junge Mädchen in Toronto auf. Um mit all den neuen Eindrücken und Erfahrungen fertig zu werden, die Pubertät und Integration mit sich bringen, fing sie an zu schreiben. Nach ihrem Rhetorik-Studium an der University of Waterloo veröffentlichte Kaur 2014 ihr erstes Buch „milk and honey“ und drei Jahre später „the sun and her flowers“. Beide bestehen aus Kollektionen von kurzer Lyrik und Prosa, untermalt mit simplen Handzeichnungen der Autorin. Dabei sind die Themen so facettenreich wie das Leben – es geht um Verlust, Migration und Trauma, aber auch um Liebe, Heilung und Emanzipation.

Screenshot von Rupi Kaurs Instagram-Schreibworkshop. @rupikaur

Mit ihrem ehrlichen, intimen Schreibstil konnte Rupi Kaur eine breite Leser*innenschaft beeindrucken und wurde zu einer internationalen Bestsellerautorin. Doch statt sich auf dieser Reputation auszuruhen, nutzt sie die Aufmerksamkeit, um Menschen zu ermutigen, sich ebenfalls mit persönlichen Gedanken auseinanderzusetzen und diese zumindest gelegentlich aufs Blatt zu bringen. Schreiben nicht nur als quälende Pflicht, sondern als gedankliche Therapie zu begreifen – das ist der Grundtenor, den Rupi Kaur in ihrem Video-Livestream anklingen lässt.

“Ich schrieb immer und vor allem für mich selbst”

sagte Kaur in einem TIMES-Interview, “Ich schrieb, was ich schreiben und hören musste – das macht es so kraftvoll. Und es ist die Ehrlichkeit dessen, die mich dahin gebracht hat, wo ich heute stehe.“

In dieser Hinsicht wirkt Lyrik kaum mehr wie eine abgehobene Kunst, die nur Wenigen vorbehalten ist. Rupi Kaurs Geschichte zeigt, dass lyrisches Schreiben jeder und jedem von uns helfen kann, innere Denkblockaden zu lösen, Gedanken leichter aufs Blatt zu bringen und mehr Selbstvertrauen im Schreiben von Texten zu bekommen. Es muss nicht immer alles schön klingen und sich reimen. Es geht um neue Perspektiven und neue Erfahrungen, die es wert sind, durch Schreiben erforscht zu werden. Dann läuft sicher auch die nächste studentische Hausarbeit wie geschmiert.

Der Online-Schreibworkshop und weitere Videos von Rupi Kaur sind nach wie vor auf ihrem Instagram-Account kostenlos abrufbar.

Fotos: Rupi Kaur by Baljit Singh /Wikimedia Commons, Rupi Kaur reading from her book milk and honey in Vancouver 2017 by Joe Carlson/Wikimedia Commons
Screenshot of Rupi Kaurs Instagram-Workshop @rupikaur by Hagen Wagner

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