Kopps Propaganda: Corona-Mythen Made in Rottenburg

Impfgegner, Crash-Propheten, Verschwörungsideologen – sie alle haben in der Coronakrise Hochkonjunktur. Der Rottenburger Kopp Verlag gibt diesen Stimmen eine Plattform. Vieles spricht dafür, dass er aus der Pandemie Profit schlagen wird.

Eines muss man diesem Verlag lassen: Er weiß, wie man verkauft. Wer sich davon überzeugen will, stattet dem Onlineshop von Kopp einen Besuch ab. Wenige Klicks genügen dort, um auf unbestimmte Zeit ein Verfolgter zu sein. Selbst beim Quizduell-Spielen tauchen plötzlich Werbebanner für Blutdruck-Salz, Selleriesaft oder Wasserstoffperoxid auf. Doch zum Sortiment von Kopp gehört noch weitaus mehr als alternative Heilmedizin: Kopp ist Deutschlands Verlag Nummer Eins für Verschwörungstheorien, Pseudowissenschaft und Esoterik. Und gerade in Krisenzeiten beweist er ein bemerkenswertes Verkaufsgeschick. Daher bringen sich seine Stammautoren nun in der Corona-Krise in Stellung.

Seinen Sitz hat das Verlags- und Versandhaus in Rottenburg, einer 42.000-Einwohnerstadt, keine 15 Kilometer von Tübingen entfernt. Er beschäftigt zwischen 60 und 80 Mitarbeiter und veröffentlicht pro Jahr rund 50 Bücher. Gegründet wurde das Unternehmen 1994 von Jochen Kopp, einem ehemaligen Polizisten. Als Motiv für die Gründung gibt er an, „unterdrückten Meinungen“ eine Plattform bieten zu wollen, darunter zum Beispiel dem umstrittenen Ufologen Erich von Däniken. Noch heute bestimmt der Gründer allein die Strategie, Ausrichtung und die Inhalte des Verlages.

Die Kopp-Zentrale: 2013 expandierte der Verlag und bezog dieses Gebäude im Rottenburger Gewerbegebiet.
Die Kopp-Zentrale: 2013 expandierte der Verlag und bezog dieses Gebäude im Rottenburger Gewerbegebiet.

In der Flüchtlingskrise wurde der Verlag zum Sprachrohr der Rechten

Jochen Kopps Spürsinn ist es zu verdanken, dass sich der Verlag schon seit einigen Jahren chamäleonartig an Themen aus der medialen Berichterstattung anpasst. Das war nicht immer so. Anfangs erschienen bei Kopp noch primär Werke, die man getrost als gesellschaftliche Randthemen abtun konnte. Dennoch erfreute sich der Verlag schon damals einer treuen Leserschaft. Besonders 9/11 und angebliche Ufo-Landungen waren einst hoch im Kurs. Im Zuge der Flüchtlingskrise 2015 räumte der Verlag mit seinem Nischendasein dann auf. Seither verlegt Kopp vermehrt Bücher, die in der Gesellschaft großen Widerhall finden. In kaum einem Verlag beschworen Autoren so oft den angeblichen „Großen Austausch“, die „Asyl-Industrie“ oder die „Merkel-Diktatur“. Einen ähnlichen Tonfall schlugen Autoren gegenüber den sogenannten „Mainstream-Medien“ oder Greta Thunberg an, dem Gesicht der Fridays for Future Demonstrationen.

Es ist Teil der Firmenkultur des Verlages, stets genau das zu publizieren, was der gesellschaftlichen Mehrheitsmeinung am radikalsten zuwiderläuft. Und das mit Erfolg: Eigenen Angaben zufolge verlassen am Tag zwischen 10.000 und 25.000 Bücher das Warenlager von Kopp. Für das Jahr 2016 schätzte die FAZ den Umsatz des Verlags auf zehn Millionen Euro. Genaue Zahlen veröffentlicht der Verlag nicht. Fest steht aber: Spätestens in der Flüchtlingskrise wurde Kopp zu einer Art Leitmedium der Neuen Rechten. Der mittlerweile verstorbene Ex-FAZ-Journalist Udo Ulfkotte, der zuletzt fast ausschließlich im Kopp-Verlag publizierte, trat zum Beispiel bei Pegida-Kundgebungen auf und lies sich von rechtsextremen Burschenschaften wie der Münchener Burschenschaft Cimbria hofieren. Einige Kopp-Autoren referierten bei der AfD, unter anderem der Ex-Polizist Stefan Schubert bei der AfD-Städteregion Aachen.

In anderen Worten: Der Kopp Verlag ging als Krisengewinner aus der Flüchtlingskrise hervor.

Diese Ansicht vertritt auch Laura-Luise Hammel. In Tübingen promoviert die Politikwissenschaftlerin über Verschwörungstheorien im Umfeld rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen. „Ich schätze den Einfluss des Verlages in der Alternativszene als sehr hoch ein, da er eine Monopolstellung hat“, meint Hammel. „Durch die Fluchtkrise 2015 hat der Kopp Verlag insofern profitiert, als er in dieser Situation sehr erfolgreich eine Nische bespielt hat und zahlreiche Bücher mit alternativen Deutungen zur Fluchtkrise verkauft hat.“

Kopp-Autoren und Corona: Dagegen sein ist alles

Ob Kopp diese Vorreiterrolle in der rechten Szene aufrechterhalten kann? Wer in diesen Tagen beobachtet, wie sich bewährte Autoren des Verlags zur Corona-Pandemie äußern, gewinnt den Eindruck, dass der Verlag genau das versuchen wird.

Zu nennen wäre da zum Beispiel Frederick William Engdahl. Der deutsch-amerikanische Journalist und Buchautor schreibt seit 2006 für den Kopp Verlag. Seine Bücher tragen Titel wie „Die Denkfabriken. Wie eine unsichtbare Macht Politik und Mainstream-Medien manipuliert“ oder „Amerikas heiliger Krieg. Was die USA mit dem „Krieg gegen den Terror“ wirklich bezwecken“. Wie viele in der Szene hat auch er indessen ein Auge auf Bill Gates und seine Investitionen in Impfstoffe und die Corona-Forschung geworfen. In der Zeitschrift „Kopp Exklusiv“ und auf seiner englischsprachigen Website spricht Engdahl vom „allgegenwärtigen Gates“ und zweifelt an der Bedrohlichkeit des Virus. Auf seiner Facebook-Seite geht er noch einen Schritt weiter. Dort moniert er, dass die Menschen gerade wie die Schafe zum Schlachten gebracht würden (siehe Facebook).

„Wie die Schafe zum Schlachten“ – Engdahl hüllt seine Corona-Kritik in anrüchige Metaphern. 

Ein weiterer Stammautor des Kopp Verlages ist Michael Grandt, ein schwäbischer Finanzberater, der sich gerne mit dem Ehrendoktortitel einer rumänischen Universität schmückt. Im vergangenen Jahr veröffentlichte er ein Buch, dessen Inhalt selbst Kopp zu heikel war und daher in einem estländischen Verlag erschien. Sein Name: „Adolf Hitler – Eine Korrektur: Was Ihnen die Geschichts- und Schulbücher verschweigen“. In dem Buch stellte Grandt die Behauptung auf, dass es die Alliierten gewesen seien, die Hitler hochgezogen hätten und daher die Schuld an beiden Weltkriegen trügen. Auch was die Corona-Krise angeht scheut der selbst ernannte „Enthüllungsjournalist“ keine Hitler-Verharmlosungen. Auf seinem Twitter Kanal schreibt er zum Beispiel, die Kritik an den Corona-Protesten gliche der Unterdrückung im Dritten Reich (siehe Tweet). Zwei Monate zuvor lobte er noch die harte Hand des Staates gegen die „wohlstandsverwöhnten narzisstischen jungen egoistischen Nullchecker“, die sich nicht an die Corona-Eindämmungsmaßnahmen hielten.

Kopp-Autor Grandt vergleicht die Kritik an den Corona-Protesten mit der Meinungsfreiheit im Dritten Reich.

Ein weiterer Autor aus den Reihen des Kopp Verlages ist Gerhard Wisnewski. In einem YouTube-Interview auf dem Kanal „Kulturstudio“ behauptet er, die jetzige Situation sei ein „1933 auf globaler Ebene“. Die WHO und China seien gerade dabei eine neue Weltordnung gleich einer „Horrordiktatur“ zu errichten. Somit befinde sich Deutschland bereits im Dritten Weltkrieg, in welchem Corona ein Mittel der hybriden Kriegsführung sei. In den Kommentarspalten seiner Facebook-Seite kann man sich ein Bild davon machen, wer zu der Leserschaft von Wisnewski gehört. Zum Beispiel postete ein User ein Bild, das den Judenstern über der deutschen Nationalflagge zeigt. Daneben ein Zitat, das den französischen Philosophen Voltaire als Urheber ausweist. Tatsächlich stammt das Zitat aus einem Essay des amerikanischen Holocaustleugners Kevin Alfred Strom.  

Und dann ist da noch Thorsten Schulte: Ein Vermögensberater und Crash-Prophet, dessen Buch „Kontrollverlust“ 2017 auf Platz 1 der Spiegel-Beststellerliste landete. Dort sprach er sich unter anderem dafür aus, zur Verteidigung gegen Migranten das Tragen von Schusswaffen zu erlauben. Seit einigen Wochen profiliert auch er sich als Corona-Kommentator. In den Videos auf seinem YouTube-Kanal proklamiert er, dass Corona von den „Regierungen“ als Vorwand genutzt würde, um Diktaturen zu errichten, Zwangsimpfungen durchzuführen und das Bargeld abzuschaffen.

„Angst sells“: Der Kopp Verlag könnte wieder einmal zum Krisengewinner werden

An diesen Beispielen wird eines besonders deutlich: Kopp-Autoren sind in der Corona-Skeptiker-Szene prominent vertreten. Sie veröffentlichen Blog-Artikel, geben vermeintliche Experten-Interviews und bespielen ihre Social-Media-Kanäle mit alternativen Fakten. Es liegt also nahe, dass der Kopp Verlag die Corona-Pandemie, wie andere Krisen zuvor, als Verkaufsargument nutzen wird. Politikwissenschaftlerin Hammel meint dazu: „Ich kann mir gut vorstellen, dass der Kopp Verlag in den kommenden Monaten sein Sortiment in der Buchsparte Medizin und Gesundheit, aber auch bei den Nahrungsergänzungsmitteln am Thema Corona ausrichten wird. Eventuell kann er hier sogar neue Käuferschichten für sich gewinnen, die durch das Thema Corona neu an alternativen Deutungen interessiert sind.“

Sie zieht außerdem Parallelen zu dem amerikanischen Verschwörungstheoretiker Alex Jones und seinem Online-Portal Infowars. Weil immer mehr Menschen lieber Online-Blogs lesen, statt Bücher zu kaufen, hätten sich beide ein zweites Standbein aufgebaut: Webshops. „Der Kopp Verlag verkauft in seinem Webshop schon seit einigen Jahren weitaus mehr als nur die eigenen Bücher“, so die Wissenschaftlerin. „Von Büchern anderer Verlage über DVDs bis hin zu Survival-Ausstattung, Nahrungsergänzungsmitteln und Dekorationsgegenständen kann man bei Kopp heute alles bestellen, was in die Sparten Esoterik, Verschwörungstheorien und alternative Heilmethoden fällt.“

Schon bald könnte der Kopp Verlag an der Leugnung von Covid-19 und der Verteufelung von Hygienemaßnahmen verdienen. Schließlich beruht sein Geschäftsmodell darauf, dass die Kassen klingeln, wenn Krise herrscht. Der Andrang bei den wöchentlichen Corona-Demos lässt erahnen, auf was für eine Goldgrube er damit stoßen könnte. Egal, ob Angstliteratur, Selleriesaft oder Weltuntergangs-Equipment – der Kopp Verlag dürfte so schnell nicht verschwinden. Im Gegenteil: Er wird uns auch weiterhin verfolgen.

Fotos: Jonathan Pflanzer

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