Nicht länger nur zuschauen

Es lässt sich nicht leugnen, dass Rassismus in Deutschland eine Rolle spielt – Hanau und Halle machen das mehr als deutlich und bleiben doch nur die Spitze eines riesigen Eisberges. Rassismus und die mit ihm einhergehende Diskriminierung treffen auch in Deutschland Schwarze Menschen. Gerade deshalb müssen wir uns als Weiße Deutsche mit den Protestierenden in den USA solidarisieren. Wir dürfen nicht einfach nur zusehen. Ein Kommentar.

Acht Minuten und 46 Sekunden. So lange kniete der Polizist Derek Chauvin auf George Floyds Hals und nahm ihm die Möglichkeit zu atmen – und das Recht zu leben. Acht Minuten und 46 Sekunden reichen damit aus, um den institutionalisierten, gewaltvollen Rassismus der USA und dessen Folgen für Schwarze Menschen zu versinnbildlichen. Acht Minuten und 46 Sekunden, die nur schwer anzuschauen sind und fast sprachlos machen würden, wüsste man nicht, dass das, was in dieser Zeitspanne geschieht, viel zu oft passiert.

Es gibt keine passendere Definition von white privilege als die Möglichkeit, das Video von George Floyds Ermordung einfach nur anzuschauen, weiterzuscrollen und nicht länger über das Geschehene nachzudenken. Diese Möglichkeit besteht für Weiße Menschen, weil die im Video gezeigten Inhalte deren Alltag nicht negativ bestimmen.

Wenn wir, als weiße Menschen, nicht wollen, dass acht Minuten und 46 Sekunden für uns etwas verändern, dann tun sie das auch nicht. Wir sollten es aber wollen. Das Video muss auch uns aufschrecken, es muss uns bewusst machen, welche Privilegien wir auf Grund unserer Hautfarbe haben – Privilegien, die bis auf das Level der Grund- und Menschenrechte entscheidend sein können. Es muss uns unseren eigenen Rassismus reflektieren lassen, der schon dann vorhanden ist, wenn wir unsere Privilegien einfach akzeptieren, wenn wir nicht erkennen, dass sie uns unrechtmäßig zugeschrieben werden, und wenn wir nichts gegen sie tun.

Es ist nicht zu verneinen, dass George Floyd sterben musste, weil andere Polizisten nicht eingriffen, als Chauvin auf seinem Nacken kniete. Eine von Floyds Familie organisierte unabhängige Autopsie hat nun gefunden, dass nicht nur Derek Chauvin, sondern auch die beiden anderen Polizisten Ursache für George Floyds Tod seien, weil sie Chauvin halfen, Floyd in den Boden zu drücken. Ein vierter Polizist, der der Szene beiwohnte, griff nicht ein, auch dann nicht, als Floyd immer wieder stöhnte, er könne nicht atmen. Alle vier Polizisten wurden letzte Woche gefeuert, aber bislang nicht verurteilt. Erst zehn Tage nach der Ermordung Floyds liegt nun eine Anklage gegen die drei Chauvin begleitenden Polizisten vor: Beihilfe und Anstiftung zum Mord. Die Anklage gegen Chauvin selbst wurde am gestrigen Mittwoch zudem von einem Mord dritten Grades zu einem Mord zweiten Grades erhöht. Damit drohen ihm jetzt immerhin bis zu 40 Jahre Haft.

Rassistische Strukturen überleben so Tag für Tag, weil wir nicht eingreifen, weil wir sie zulassen. Wir dürfen nicht, den Polizisten gleich, durch Zusehen und zusätzliches Ausüben von Druck, Beihilfe zur Ermordung und Diskriminierung Schwarzer Menschen und anderer People of Color leisten. Wenn wir im Fall George Floyd Gerechtigkeit einfordern, dann setzen wir ein Zeichen, dann fordern wir gleichzeitig, dass allen Opfern rassistischer Gewalt Gerechtigkeit zugestanden wird, und dass Täter in vollem Maße zur Rechenschaft gezogen werden.

Diese Gerechtigkeit fordern die Protestierenden. Nach über 400 Jahren Sklaverei, Unterdrückung, Leid, Masseninhaftierung, schlechterer Schule, schlechteren Wohngegenden, geringerer Löhne und weniger Chancen und Möglichkeiten, müssen diese Forderungen endlich erhört werden.

Die wenigen gewaltsamen Proteste sind keine „acts of domestic terror“, wie Trump sie bezeichnet, sondern „the language of the unheard“, wie Martin Luther King Jr. schon 1967 erklärte. Sie in den Mittelpunkt zu stellen ist eine Strategie, die versucht, der Bewegung als Ganze jegliche Legitimität abzusprechen. Die Mehrheit der Proteste verläuft friedlich, ihre Dringlichkeit aber wird von einem verständnis- und empathielosen Präsidenten verschärft, der Schlagstöcke, Tränengas und Blendgranaten und das Militär einsetzen lässt, um sich den Weg zur Selbstinszenierung (vor der St. John’s Church und generell) freizumachen. Sich gegen Trump und mit den Protestierenden zu solidarisieren, heißt zu sagen: Wir hören euch. Wir sehen euch. Wir stehen an eurer Seite. Wir wissen, dass die Zeit für Gerechtigkeit längst überfällig ist.

Keine weiteren, devastierenden Verletzungen von Menschenrechten sollten mehr hingenommen werden. Acht Minuten und 46 Sekunden – mehr sollten nicht nötig sein, um zu zeigen, wie dringend es nötig ist, endlich die Brutalität eines Systems, das Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert, zu beenden. Denn diese acht Minuten und 46 Sekunden waren acht Minuten und 46 Sekunden zu viel. Weil diese Zeitspanne einer Gesellschaft mit vielen, zu lauten white supremacists offenbar nicht ausreicht, etwas zu verändern, muss sie benutzt werden, um dem Rassismus und rassistischer Gewalt den Kampf anzusagen, auf sie aufmerksam zu machen und um sich auf die Seite derer zu stellen, die bereits gegen sie protestieren. Die acht Minuten und 46 Sekunden müssen ein Weckruf sein, der uns rassistische Strukturen und Aussagen überall auf der Welt, auch in Tübingen, beenden lässt.

  1. WAS JEDER EINZELNE GEGEN RASSISMUS TUN KANN:
  1. Sich über Rassismus und Aktionen dagegen informieren
    (z.B. Black Lives Matter Berlin, Black Lives Matter, Black Visions, Black Visions and Voices, hier und hier).
  2. Rassismus im Alltag und anderswo als solchen benennen und sich klar gegen entsprechende Aussagen äußern.
  3. Den eigenen Rassismus reflektieren und erkennen.
  4. Betroffenen zuhören und ihre Stimmen verstärken; sie aktiv wissen lassen, dass man hinter ihnen steht.
  5. Über Rassismus reden.
  6. Bücher von Diskriminierten lesen und ihre Filme schauen.
  7. Petitionen gegen Rassismus unterschreiben (z.B. hier).
  8. Spenden (z.B. 1, 2, 3, 4, uvm.); wem dafür die finanziellen Mittel fehlen, der kann dieses Video streamen).
  9. Diskriminierung bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes melden.
  10. Online und offline demonstrieren gehen (z.B. auf diese, oder auf diese).
  11. Einer Initiative beitreten oder Projekte mitorganisieren (z.B. über Bündnis Toleranz oder Stiftung-evz).
  12. Die Opfer jeder rassistischen Gewalttat nicht vergessen, an sie erinnern und ihre Familien unterstützen.
  13. Die Polizei rufen, wenn man rassistische Gewalt in der Öffentlichkeit erlebt und sich durch eigenes Einschreiten selbst in Gefahr bringen würde. Gleichzeitig aber auch das Verhalten der Polizei reflektieren. Wenn sich die Beamten rassistisch verhalten, eine Dienstaufsichtsbeschwerde einreichen oder Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstatten. Außerdem sich als Zeuge oder Zeugin anbieten.

Foto: Kristina Remmert

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