Das digitale Semester – Von der anderen Seite des Computers

Aus den Augen eines Studierenden kam man sich in den letzten Monaten wie in einem schlechten Film vor. Statt der gewohnten Vorlesung, bei der man mit seinem Nachbarn ein kurzes Pläuschchen halten kann, hört man sich jetzt Podcasts an oder klickt sich durch eine PowerPoint Präsentation. Statt Seminaren starrt man sich aus schlecht aufgelösten Kamerabildern entgegen. Doch die Situation ist nicht nur für uns eine enorme Umstellung, sondern auch für unsere Dozent*innen. Eine dieser Lehrenden ist Frau Professor Dr. Hotz-Davies, die Direktorin für Gender und Diversitätsforschung an der Universität Tübingen ist und die viele bestimmt aus Veranstaltungen der Englischen Literatur oder Gender Studies kennen. Sie hat mit Kupferblau über die aktuelle Situation gesprochen.

Die letzten paar Monate seit Ausbruch der Corona Pandemie und seit Beginn des digitalen Sommersemesters kamen uns Studierenden eher surreal vor. Wie haben Sie das anfangs wahrgenommen?

Ich glaube surreal trifft das Ganze eigentlich ganz gut. Es ist eine sehr ungewöhnliche und auch anstrengende Situation. Plötzlich sieht man sich gefühlt tausend E-Mails beantworten und fragt sich, ob das nun der eigentliche Job ist. Ebenso kann man die Entwicklung von neuen Wahrnehmungsparametern beobachten. Wenn man jetzt fünf Leute sieht, wie die zusammenstehen und sich glücklich in den Arm fallen, fragt man sich sofort, was bei denen jetzt los ist oder ob sie irgendwelche Richtlinien missachten. Ich denke die Eigenwahrnehmung und Wahrnehmung anderer hat sich dahingegen schon verändert.

Was war Ihrer Meinung nach bei der Digitalisierung des Semesters die größte Herausforderung?

Also für mich persönlich ist das Wort „Herausforderung“ falsch. Es war für mich irgendwie klar, was gehen wird und was nicht. Und dann muss man halt eine Reihe von Entscheidungen treffen. Es gibt solche, die tatsächlich versucht haben, den Präsenzunterricht direkt in eine digitale Version umzufunktionieren. Und es gibt solche, und da gehöre ich dazu, die eigentlich versucht haben, das zu entzerren und viele Arbeitsaufträge zu kombinieren, sodass man einerseits Zoom Meetings hat, aber auch ganz einfach die Leute mehr schreiben, was in unserem Fach gar nicht so schlecht ist. Ich denke, beide Wege können funktionieren und haben ihre Berechtigung. Bei den beiden Vorlesungen, die ich dieses Semester mache, gestalte ich das jetzt als Audiopodcast. Damit können sich Leute auch mal was zweimal anhören und sind nicht an eine Vorlesungszeit gebunden. Und das macht mir sogar sehr viel Spaß. Ich sitze da und flüstere in mein Mikrofon hinein und denke mir, ok, ich rede da jetzt mit 250 Leuten, aber in meinem Kopf habe ich das Gefühl, dass ich sehr intim mit einer Einzelperson spreche. Der Preis dafür ist, dass man gar kein Gefühl dafür haben kann, was auf der anderen Seite gerade passiert.

Natürlich ist mir Präsenz bei allem lieber, da sich viele Sachen klären, indem man einfach mal irgendjemanden auf der Wilhelmsstraße trifft. Ganz viele Abläufe sind jetzt einfach sehr langsam geworden, der Spielraum für Missverständnisse ist viel größer, wenn man sich nur durch E-Mail verständigt. Alternativen wie Zoom sind auch nicht wirklich besser, da man sich kaum einander ins Wort fallen kann und warten muss, bis man aufgerufen wird, was die Spontaneität von Kommunikationsmechanismen stört.

Glauben Sie, dass in diesem Prozess dann auch gewisse Lerninhalte verloren gehen?

Das hängt natürlich wieder davon ab, was für einen Unterricht man macht. Bei solchen, die einen Unterricht konzipiert haben, der Inhalte auf Arbeitsgruppen verteilen kann, um gewisse Dinge auszuarbeiten, kann es sein, dass es sich sehr gut übersetzen lässt. Für mich selber ist es so, dass man bei mir auch relativ viel Unwissen tolerieren muss. Und tolerieren, dass man gemeinsam auf etwas „zurobbt“, wo man eigentlich darauf angewiesen ist, dass sich langsam etwas entwickelt. Idealerweise kommt der Moment des Glücks, wenn man gemeinsam an einem Punkt angekommen ist, wo alle im Kurs wissen, dass man da allein nie hingekommen wäre. Und an diesen Punkt kommt man per Zoom, also aus meiner Erfahrung, jedenfalls, nicht hin. Man kann gewisse Dinge austauschen und die bleiben dann halt im Raum stehen. Aber dass man diesen Glücksmoment hat, dass man gemeinsam auf ein Ergebnis kommt, dass wird sich eher nicht einstellen.

Wir Studierende haben in den Online Seminaren oft das Gefühl von Entfremdung, da man während der Meetings kein persönliches Gespräch anfangen kann. Passiert bei Ihnen und Ihren Kolleg*innen mehr Austausch oder empfinden Sie auch dieses Entfremdungsgefühl?

Ich würde sagen, dass jetzt der Austausch nur dann passiert, wenn er wirklich notwendig ist. Was mir persönlich sehr fehlt, ist der ganz normale kollegiale Austausch, der einfach so passiert, weil man sich über den Weg gelaufen ist oder weil man sich gemeinsam beim Mittagessen getroffen hat. Häufig ist es ja so, dass Probleme oder Sachen, die man besprechen möchte, sich schön langsam nebenbei herauskristallisieren, wenn man gerade über etwas anderes spricht. Bei einer Kommunikation, die ganz streng zielgerichtet ist, passiert das eher nicht. Von daher werde ich sehr froh sein, wenn ich wieder in der nicht-virtuellen Welt auf meine Kollegen und Kolleginnen und auf meine Studierenden stoße.

„Das wahrscheinlich Entfremdendste an der ganzen Sache ist, dass man einerseits übermäßig kommuniziert, aber eigentlich auch den Eindruck hat, dass man gerade keinen Kontakt hat oder der Kontakt der Bruchteil von dem ist, was er eigentlich sein könnte und sollte.“

Viele befürworteten ein sogenanntes „Nullsemester“, da es fachabhängig ungleiche Bedingungen gab und von sozialen und auch finanziellen Nachteilen die Rede war. Fanden Sie es dennoch wichtig, dass man so gut es ging versucht hat, normal weiterzumachen oder wäre ein „Nicht-Semester“ berechtigt?

Naja, also jetzt haben wir das, was wir haben und wir haben den Schluss gefasst, ok, jetzt machen wir weiter. Da muss ich sagen, dass es tatsächlich besser funktioniert als ich anfangs dachte. Insofern bin ich im Nachhinein froh, dass wir es angetreten haben. Wobei es natürlich eine gewisse Großzügigkeit geben muss in Regelungen, was Rücktritte und Beurlaubungen betrifft. So für mich selber bin ich eigentlich überrascht, dass es machbar war und dass ich es persönlich auch schaffe, obwohl ich kein begeisterter „Internet-Kommunizierer“ bin. Gewisse Dinge habe ich auch dazugelernt.

Jedoch sagen viele Studierende, dass dieses Semester viel mehr Arbeit ist, weil einfach jeder irgendwelche Schreibaufgaben verteilt hat. Das ist einerseits wahr. Aber man sieht vielleicht auch, dass man sich nicht einfach „wegducken“ kann. Da könnte man sagen, dass das gut ist, dass die Studierenden endlich immer vorbereitet sind. Aber ich denke, Sie sind ja Erwachsene und es muss auch mal möglich sein, als erwachsener Mensch eigene Prioritäten zu setzen, ohne dass man gleich „auffällt“. Ich will Leuten eigentlich viel lieber die Freiheit lassen.  Mir macht dieses erhöhte Überwachtsein der Studierenden eher Angst, als dass es mich erfreut.

 Empfinden Sie persönlich auch ein erhöhtes Stresslevel?

Eindeutig. Wie bereits erwähnt, liegt das auch an den langen Kommunikationsschleifen und ich habe das Gefühl, ich bekomme in den vielen Arbeitsstunden weniger gebacken. Dadurch, dass alles viel länger dauert und viel langsamer vorangeht, muss man hinter allem unwahrscheinlich hinterher sein. Man hat das Gefühl, man ist von siebzig Aufgaben gleichzeitig umgeben und man sollte keine einzige aus dem Blick verlieren. Man sollte keine E-Mail übersehen und kein Zoom Meeting vergessen. Und das ist im Alltag ja auch so, da vergesse ich mein Seminar im Normalfall auch nicht, nur da sitze ich halt im Normalfall auch nicht zuhause im Home-Office, sondern gehe in einen Hörsaal. Ich finde, alles im Kopf zusammen zu halten, ist auch irgendwie anstrengender.

Was hat Ihnen bis jetzt geholfen, den Optimismus über die jetzige Situation beizubehalten?  Und was würden Sie den Studierenden auf den Weg mitgeben?

Also, ich habe an mir selber festgestellt, dass ich ganz offensichtlich ein grundsätzlich optimistischer Mensch bin, so hätte ich mich zuvor gar nicht eingeschätzt. Da hätte ich gedacht, dass ich eher realistisch bzw. ein bisschen skeptisch bin. Aber ich denke, ich habe mir irgendwie so eine Ergebenheit angewöhnt, dass ich denke, ich lebe einfach so von Tag zu Tag und mach einfach das, was als nächstes zu tun ist. Ich versuch jetzt nicht grübelnd und mit nächtelangem Internet-Gesurfe dem Geheimnis des Coronavirus auf die Spur zu kommen. Ich pflege auch keine Verschwörungstheorien oder ähnliches. Man sieht, dass diese Situation auch ein Stück weit zu Tage fördert, was die Ressourcen sind, die wir haben – sowohl national, international, politisch, wirtschaftlich wie auch persönlich. Mein optimistischer Aufruf an die Studierenden wäre eigentlich, dass sie sich auf ihre Möglichkeiten zurückbesinnen und sich überlegen, was denn eigentlich ihre Ressourcen sind: Was ist es eigentlich, was mich auch ein stückweit resilient macht, sodass ich das aushalten kann. Da gehört das Kontakthalten dazu. Also ich telefoniere zum Beispiel viel mehr als früher, ich rufe jetzt Kolleg*innen, die mir am Herzen liegen, ab und zu mal an.

„Es macht viel mehr Sinn, sich auf das zu konzentrieren, was man kann, statt sich in einem ständigen Grübeln zu verlieren.“

Ich kann verstehen, dass die Frustration auch groß sein kann, trotzdem sollte man das nicht mit etwas draußen in der Realität verwechseln. Und vor allem sollte man die Dinge auch mit Humor sehen. Selbstironischer Humor besteht darin, dass man einerseits eine Situation in ihrer Schrecklichkeit versucht zu begreifen, aber andererseits auch irgendwie bereit ist, das Komische daran zu sehen und zu erzeugen. Corona hat ungemein die Kreativität für Leute beflügelt und manchmal ist diese Fähigkeit, Dinge humorvoll zu sehen, ein ungemeines Geschenk.

Vielen Dank für das Interview.

Foto: Ineke Schlüter

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