Das Online Semester ist Vieles…

…aber vor allem ist das Online Semester an der Universität Tübingen dieses Jahr anders. Das geht zumindest aus den Studierendenumfragen hervor, die das Campusmagazin Kupferblau in der Woche vor den Pfingstferien durchgeführt hat. Die verschiedenen Ergebnisse der Umfrage werden in diesem Artikel zusammenfassend dargestellt.

Ein Word Dokument. Zwei Seiten, nicht allzu komplex oder lang – aber dennoch werden die wichtigsten Fragen des Online Semesters relativ überdeckend abgefragt: Das Online Semester 2020 Studierendenumfrage*. Eine parallele Umfrage  wurde ebenfalls für Dozentinnen und Dozenten erstellt. Von den 15 Umfragen, die verschickt wurden, hat das Campusmagazin hier eine einzige Rückmeldung bekommen. Was sich daraus jetzt schließen lässt, lassen wir einfach mal offen stehen – und beschränken uns in diesem Artikel auf einen Überblick zu der Sichtweise der Studierenden auf das Online Semester.

Ist das Planen von Arbeitszeit online möglich?

„Mehr oder weniger. Auf jeden Fall ist alles etwas unübersichtlicher, wenn alles in einem PC steckt, die verschiedenen Gesichter auf dem Bildschirm aber immer etwas anderes von einem wollen.“

Für manche scheint das Zeitmanagement während des Online Semesters eher schwierig. Diese Studierenden können sich das Wochenende nur freihalten, wenn Uploads rechtzeitig da sind. Sie berichten davon, dass der Stoff oft erst mit einem Tag Verspätung aufrufbar sei und dass, durch zusätzliche Anforderungsbereiche wie Tests und zusätzlichen Webinaren, mit einem höheren Zeitaufwand zu rechnen sei. Zudem seien Online-Angebote oftmals nicht zeitlich eingeschränkt und würden den normalen Rahmen von 1,5 Stunden sprengen.

Andere berichten von einem ausgeglicheneren Uni-Alltag. Hier finden Seminare und Vorlesungen synchron zu den vorgesehenen Terminen statt, sodass sich der zusätzliche Arbeitsaufwand nicht zu sehr von dem „normalen“ unterscheidet. Meist ist der Stoff rechtzeitig da, in seltenen Fällen wurde alles schon zu Beginn des Semesters zur Verfügung gestellt.

Deutlich wird, dass die meisten Dozierenden sich darum bemühen, Standards und Routinen einzuhalten bzw. ihren Studierenden diese zu ermöglichen. Es scheinen also beide Extreme vorhanden zu sein:

„Es hängt vom Dozierenden ab. Manche sind immer oberpünktlich, andere teilen in der letzten Minute mit, dass die Sitzung ausfällt oder das Material wegen technischer Schwierigkeiten nicht hochgeladen wird.“

Ein*e Studierende*r hält zusammenfassend fest: „Es braucht eine Weile – aber nach einiger Zeit kann man besser einschätzen, was wie viel Zeit in Anspruch nimmt.“ Dies lässt sich in den Zusammenhang mit einem höheren Organisationsaufwand stellen. Denn: „Man muss immer wieder neu planen und checken, welche*r Dozierende auf welcher Plattform wieder Neues hochgeladen hat“.

Wirklich Probleme mit (neuen) Online Formaten scheint kein*e Studierende*r zu haben, da die meisten gut mit den Formaten umgehen können. Sie berichten von einem gelegentlichen Absturz von Programmen, oder vereinzelten Problemen mit Kamera und Ton, aber größtenteils laufe es rund.

Der Organisationsaufwand ist deutlich höher. Man muss immer wieder neu planen und checken, welcher Dozierende auf welcher Plattform wieder Neues hochgeladen hat.

Kommunikation – mit den Dozierenden und der Uni

Den Studierenden ist klar, dass die Dozierenden zu Beginn des Semesters kurzfristig handeln mussten und nicht wirklich auf die Situation vorbereitet waren. Allerdings erscheint manchen problematisch, dass im Prinzip die alten Inhalte unverändert über Ilias oder Moodle vermittelt werden – da habe sich nicht viel verändert!

„Man muss ganz ehrlich auch sagen, dass viele Dozierende keinen blassen Schimmer haben, wie sie über Ilias hinaus digitale Lernplattformen und -möglichkeiten nutzen können.“

Wie dem auch sei – die meisten Dozierenden sind laut unserer Umfrage offen für Anregungen. Gerade jetzt, nachdem anfängliche Komplikationen aus dem Weg geräumt sind. Das Thema ‚Corona‘ werde zudem in manchen Fällen auch inhaltlich aufgegriffen (zum Beispiel wird in der Rhetorik eine Vorlesung zur Corona-Krise angeboten). Das Problem sei eher, dass die Dozierenden in der neuen Situation viele Fragen organisatorischer Art oft nicht direkt beantworten könnten. Vieles verschiebe sich, weil sie selbst nachfragen, oder im Seminar neue Klausurpläne entwickeln müssten, oder schlichtweg, weil die Corona-Situation ungewiss sei.

Ihre Informationen erhalten die Studierenden meist über Dozierende, andere (informierte) Studierende oder über den Mail-Verteiler der Uni oder deren Facebook- und Instagram-Seite. Zum Teil auch noch über die Seiten von Kupferblau oder denen des StuRa.

Belastung

„Ich merke, dass 1,5 Stunden Online-Vorlesung (mit ihren Audio-Störungen und hängenden Bildschirmen) sehr viel ermüdender sind als 1,5 Stunden Vorlesung im echten Leben.“

Während wenige Studierende keinen inhaltlichen Mehraufwand erkennen und die 1,5h Online-Vorlesungen einfach als ermüdend betrachten, sind andere sich einig, dass die Aufbereitung des Inhalts „definitiv anspruchsvoller“ ist, da zur eigentlichen Veranstaltung ungewöhnlich viele Zusatzaufgaben kommen.

Denn: In Vorlesungen stellten viele Dozierende zu ihren Folien Audio-Kommentare ein, oder gleich ihre ganze, vertonte Vorlesung. Hierzu gebe es häufig Texte zu lesen, die sehr umfangreich seien.

Was bislang mündlich im Seminar besprochen wurde, müsse jetzt jede*r Einzelne selbst Woche für Woche verschriftlichen und einreichen. Es müsse mehr gelesen werden, ohne dass es erklärende Kommentare der Dozierenden gebe. Gerade Seminare bestünden viel mehr aus Eigenlektüre. Ein*e Studierende*r würde sogar behaupten, dass der Aufwand für Vor- und Nachbereitung locker um 20-25% angestiegen sei.

„Wenn man 20 Wochenstunden hat und zu jeder Veranstaltung wöchentlich irgendetwas abgeben muss, ist das ein riesiger Mehraufwand – einfach, weil man vieles selbst lesen oder sich aneignen muss.“

Es ist zwar klar, dass es Verfahren geben muss, um Leistungen zu messen, sonst könnten Dozierende nicht nachprüfen, „ob jemand die wöchentliche Vorlesung wirklich anschaut oder nur in der Ilias-Gruppe abhängt, ohne jemals was zu tun“.

Jedoch scheinen Studierende oft das Gefühl zu haben, dass die Dozierenden keinen Blick dafür haben, wie die veränderte Lernumgebung und die geringe Balance durch die Freizeit (durch Kontaktbeschränkungen), dazu führt, dass das Lernen eher schwieriger und anstrengender sei. Es seien viele Dozierende augenscheinlich der Meinung, dass man durch die Situation auf einmal mehr Zeit und Konzentration für die Uni hätte.

Weniger Kontakte heißt nicht automatisch mehr (Frei-)Zeit für Studierende. Oft ist das Online-Semester sehr viel anspruchsvoller, da Inhalte selbst erarbeitet werden müssen.

Persönlicher Umgang mit Covid19 und den Einschränkungen

Ein weniger gemischtes Meinungsbild lässt sich bezüglich der (emotionalen) Aufbereitung der Situation erkennen. Hier behauptet nämlich die Minderheit, wirklich Zeit dafür zu haben, sich anzupassen. Dies läge zum Teil auch daran, dass die Entfernung zu Familie und Freunden problematisch sei.

„Zur emotionalen Anpassung bleibt neben all der organisatorischen Anpassung tatsächlich nicht mehr viel Zeit, vieles passiert gehetzt.“

Von Seiten der Uni wünschen sich die Studierenden – trotz relativ umstandsloser Fristverlängerungen für Abgaben und der  transparenten Handhabung der Informationsweitergabe durch „hochoffizielle E-Mails“ – etwas mehr Resonanz. Anstelle der „klinischen“ und abstrakten Kommunikation wäre eine Botschaft an die Studierenden und Dozierenden in z.B. einer Video-Botschaft einfach anders und persönlicher gewesen. Ein solcher Auftritt hätte den Studierenden die Situation etwas nahbarer und authentischer gemacht.

Sonstiges

  • Viele Studierende haben durch die Corona-Krise vorerst ihre Jobs in der Gastronomie aufgeben müssen. So erfolgt die Sicherung der Lebensumstände häufig durch die finanzielle Unterstützung der Familie.
  • Studierende setzen sich kritisch mit der langsamen Öffnung auseinander. Sie befürchten eine erneute Abriegelung.
  • Es gibt Ängste unter Studierenden, dass Kontaktbeschränkungen und daraus entstehende emotionale Belastungen sich auf die Studienleistungen auswirken könnten.
  • Trotz allem kann die ‚erzwungene‘ Digitalisierung als Chance gesehen werden.

Ein letztes, motivierendes Zitat für alle, die gerade eine schwierige Zeit durchmachen:

„Tatsächlich geht es mir auf der emotionalen Ebene momentan grundsätzlich sehr gut. Ich denke, das kommt auch daher, dass man eben merkt, dass wir alle ‚im selben Boot‘ sitzen und unseren Alltag alle gleichermaßen irgendwie meistern müssen. Das erzeugt ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.“

Beitragsbild: Marko Knab
Fotos:
Ellen Lehmann

*An der Umfrage haben 10 Studierende teilgenommen. Zu deren Studienfächern gehören unter anderem: Anglistik, Germanistik, Medienwissenschaften, Politikwissenschaften, Rhetorik und der Master of Education.

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