Jiddisch – Zeit für Tacheles

Jüdische Kultur ist in Deutschland seit der Nazizeit leider im Alltag kaum noch präsent – denkt man jedenfalls. Dass viele Ausdrücke und Wörter, die wir benutzen, dieser faszinierenden uralten Tradition entspringen, weiß man oft nicht. Unser Autor hat sich ein paar Gedanken gemacht zum Erbe der jiddischen Sprache im Deutschen.

Eine Klausur steht bevor? Eine Arbeit ist abzugeben? Ja, dann Hals- und Beinbruch! Aber Moment mal, warum wünscht man jemandem den Bruch solch wichtiger Körperteile? Was steckt dahinter? Ein Aberglaube? Bloßer Sarkasmus? Alles weit gefehlt.

Hals- und Beinbruch kommt eigentlich aus der Verballhornung des jiddischen Hassloche Uwroche, auf Deutsch „Erfolg und Segen“, und ist wie dutzende andere jiddische Ausdrücke in die deutsche Alltagssprache gelangt. Wobei die Transliteration in unser Alphabet nie ganz exakt sein kann: Denn das hebräische Alphabet, in welchem Jiddisch geschrieben wird, kennt eigentlich keine Vokale.

Die Bewohner von Aschkenas

Jiddisch ist die jahrhundertealte Sprache der Aschkenasim, der ursprünglich mittel-, ost- und nord-europäischen Jüdinnen und Juden, welche heute circa 70% der jüdischen Weltbevölkerung darstellen. Zu ihnen gehörte auch die ehemalige jüdische Gemeinde Tübingens vor der Nazizeit. Aschkenasim bedeutet nichts anderes als „die Bewohner von Aschkenas“ – und das wiederum, ist grob die heutige Region Deutschland. Albert Einstein, Hannah Arendt, Fritz Bauer und Kurt Tucholsky sind zum Beispiel einige Vertreter*innen dieser ethno-religiösen Unterkategorie des Judentums im deutschsprachigen Raum. Bekannte Namen wie Zuckerberg oder Spielberg kommen ebenfalls hierher.

Das Jiddische selbst entstand durch den Kontakt der mittelalterlichen Jüdinnen und Juden in Zentraleuropa mit der deutschen Sprache, reflektiert aber auch zahlreiche Einflüsse aus verschiedenen slawischen, baltischen und anderen Sprachen. So gibt es auch heute noch eine lebhafte jiddisch-sprachige Musikszene, Klezmer genannt, welche oft auf zentral- und osteuropäische Musikeinflüsse gepaart mit hebräischen Melodien und Inhalten zurückgeht. So wie das Deutsche dereinst die Sprache der Jüdinnen und Juden, die hier lebten beeinflusste, wirkte umgekehrt das so entstandene Jiddisch mit seinen vielen hebräisch-stämmigen Wörtern auch auf das Deutsche.

Unerkannt doch tief verwurzelt

Durch den Holocaust gibt es Jiddisch, wie es früher im Schtetl (Städtlein) in ganz Mittel- und Osteuropa gesprochen wurde, in Deutschland leider kaum noch. Die größten Hochburgen findet man heute in den USA (z.B. in Williamsburg im New Yorker Stadtteil Brooklyn) und natürlich in einigen Orten Israels. Dort haben insbesondere die orthodoxen Juden aschkenasischer Herkunft dieses Erbe erhalten. Jedoch konnten selbst der mörderische Rassenwahn der Nationalsozialisten nichts daran ändern, dass viele jiddische Ausdrücke – oft gänzlich unerkannt – im Deutschen überlebt haben und so das reiche kulturelle Erbe einer einst tief in Deutschland und Europa verwurzelten Kultur bezeugen. Die meisten dieser Wörter benutzen wir, ohne uns ihrer jiddischen bzw. hebräischen Wurzeln bewusst zu sein. Wer hat nicht schon einmal „gezockt“ (von zchoke, „lachen“), „Stuss“ geredet (von schtus, „Unsinn“), sich etwas „geschnorrt“ (von Schnorra, der jiddischen Bezeichnung für ein Instrument umherziehender Bettelmusikanten), „Zoff“ gehabt (aus dem hebräischen sa’af, „Streit“) oder war „pleite“ (von plejtje, der „Flucht“ eines Schuldners)?

Wer schon mal mit jemandem Tacheles (tachlis, „Zweck“ oder auch „Klartext“) geredet hat, oder mit der/dem Liebsten geschmust hat (von Schmuos, „Gerücht“, auch im Sinne von „vertraulich reden“) oder sogar bis zum Techtelmechtel (tachti, „heimlich“) gegangen ist, der denkt sicherlich selten über die Wurzeln dieser Ausdrücke nach. 

Das Jiddische hat in seiner jahrhundertelangen Geschichte viele Wandlungen durchgemacht und trotz der Randexistenz, welche viele Jüdinnen und Juden oft führen mussten, eine erstaunlich vielfältige, facettenreiche und interessante Kultur gebildet. Diese wurde nicht nur durch die jeweilige Mehrheitssprache beeinflusst, sondern stand oft auch im Austausch mit anderen marginalisierten Sprachgruppen. So zum Beispiel mit dem Rotwelschen, einem deutschen Soziolekt armer und oft rechtsloser Bevölkerungsteile wie der Bettler und Prostituierten. Oder auch dem Romani, der Sprache der Roma. Ausdrücke wie „Kaff“ (für ein kleines Dorf), „Ganove“ oder „Bock haben“ gelangten zum Beispiel über eine ganze Verkettung solcher Einflüsse in die deutsche Sprache.

Melodische Sprachklänge

Und so überlebt in unserer Alltagssprache ein kleiner Teil einer oft vergessenen Kultur, welche einst auch hier in Tübingen heimisch war. Eine Sprache, die mit ihren wunderschönen melodischen Klängen und ihrer einzigartigen Mischung aus Sprachelementen verschiedenster Länder auch heute noch zum Lauschen anregt und es wie keine andere schafft, einen tief im Herzen zu berühren – selbst, wenn man die Worte nicht versteht. Das kann man sehr tow (gut, schön) finden – aus dem Wort hat man schließlich in Berlin „dufte“ und im Ruhrgebiet „töfte“ gemacht.

Wer Interesse am Klang des Jiddischen hat, kann sich hier das jiddische Volkslied „Arum dem Fayer“ (Um das Feuer) gesungen von der Klezmerband Shpielberg als Beispiel anhören: https://www.youtube.com/watch?v=ZNpHdy_issY

Foto: Gizem Güler

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