Sommer ist, was in deinem Kopf passiert

Dieses Zitat, es stammt aus dem Lied Sommer von den Wise Guys, bewahrheitet sich gerade in diesen Monaten. Die Tage werden immer wärmer, die Pfingstpause rückt heran… Und von den klassischen Sommeraktivitäten keine Spur. Dieses Jahr gibt es keine Gillfeten, keine spontanen Treffen im Bota, keine Italienurlaube und keine Alpenüberquerungen. Sommer 2020 wird wohl der langweiligste, den wir je hatten – könnte man meinen! Aber wenn wir schon nicht richtig weg kommen, dann müssen wir uns eben weg denken.

Jeder von uns hat wunderschöne, farbenfrohe Erinnerungen an viele Erlebnisse aus den letzten Jahren. Was wir jetzt tun müssen, ist, den Staubwedel rausholen, diese Erinnerungen abstauben und wieder zum Leuchten bringen! Tagträumen ist das neue In den Urlaub fahren.

Wenn Sommer das ist, was in unseren Köpfen passiert, dann sollten wir die besten Sommer, die wir je hatten, in unseren Köpfen wieder auferstehen lassen.

Im Folgenden findet ihr drei solcher Tagtraum-Urlaube, die euch hoffentlich viel Kraft und eine klitzekleine Corona-Auszeit geben.

1. Hoch hinaus

Die Sonne brennt dir auf der Haut, trotzdem geht ein kalter Wind. Das Gewicht deines Rucksacks zieht an deinem Rücken, macht dich langsamer, macht die müder. Die Anstrengung der letzten Kilometer sitzt dir in den Knochen, du spürst jeden Höhenmeter. Die Blase, die du gestern Abend entdeckt hast, ist bestimmt schlimmer geworden. Dein T-Shirt klebt verschwitzt an dir. Trotzdem – du fühlst dich großartig!

Denn dort, keine hundert Schritte vor dir, ragt die Berghütte empor. Dein Tagesziel. Der Grund, warum du heute Morgen die letzte Unterkunft verlassen hast – der einzige Grund? Nein! Tausend Schritte liegen hinter dir, tausend Atemzüge dünner Höhenluft, tausend unbeschreibliche Augenblicke – und damit tausend Gründe, diese Wanderung zu machen. Der Weg ist das Ziel!

Einfach weit weg in die Berge denken

Als du die Hütte betrittst, atmest du einmal tief ein, nimmst auch diese Atmosphäre in dir auf; aus dem Schuhraum riecht es nach den getragenen Wanderstiefeln der letzten Jahrzehnte. Die Holztreppe ist abgewetzt. An einer Wand hängt der Hinweis, Hüttenschlafsäcke zu benutzen. Du stößt die Luft aus. Immer wieder schön! Immer und immer wieder.

Der Hüttenwirt begrüßt dich, obwohl er dich noch nie gesehen hat, wie einen alten Bekannten. Er fragt, wie der Weg war, er lobt das Wetter, verteufelt aber auch den eisigen Wind. Dann fragt er dich, wo’s morgen noch hin geht. Ihr sprecht über deine Reisepläne, er rät dir, morgen zeitig aufzubrechen. Es soll ein noch schönerer Tag als heute werden, du solltest jede Sekunde an der Luft genießen. Dann weist er dir ein Bettenlager zu. Als du dich umdrehst, klopft er dir noch einmal freundschaftlich auf die Schulter. „Schön, dass du’s heute hergeschafft hast.“ Sagt er, und meint es ernst.

Das Lager sieht aus wie überall: Riesige Stockbetten reihen sich aneinander, an jedem Fußende liegt zusammengefaltet eine Pferdedecke. Einige Betten sind belegt, aber nicht alle. Du fragst dich, mit wem du heute Nacht wohl das Zimmer teilen wirst. In einer Ecke siehst du einen Kinderrucksack, und musst lächeln. Es ist toll, wenn schon Kinder auf Berghütten gehen. Sie werden hier Dinge erleben, die sie nie mehr vergessen werden.

Dann schaust du dich nicht mehr weiter um, sondern machst, dass du unter die Dusche kommst. Eisiges Wasser braust auf dich herab, so eisig, wie es eben nur in den Bergen ist. Du beißt die Zähne zusammen. Dann wirfst du dir so schnell es geht deine Klamotten über. Viel hast du nicht dabei – schließlich muss jedes Kleidungsstück über den Berg getragen werden; Das T-Shirt, in dem du morgen weiterlaufen wirst. Dein Fleecepulli. Dicke Socken. Langsam wird dir wieder warm.

Es ist fünf Uhr, als du dich nach unten in die Schankstube begibst. Hier ist es stickig, es riecht nach Holz und Almdudler. Du setzt dich auf eine Bank und beobachtest die Leute: Eine kleine Familie mit zwei Kindern, drei junge Erwachsene in Hoodies, ein älteres Pärchen. Ein paar Einzelgänger. Alle haben sie eines gemeinsam: Die von der Sonne, von der frischen Luft und von der Freude geröteten Wangen. Nein, mehr noch: Sie leuchten. Sie strahlen.

Als du eingetreten bist, hat der Hüttenwirt dir eine kleine Karte gegeben, und dich gebeten, Abendessen zu bestellen. Heute gibt es Suppe, Spaghetti Bolognese, Schlutzkrapfen, Reste von gestern mit Ei angebraten…Die Auswahl ist bodenständig und übersichtlich und es wird wunderbar schmecken. Essen gibt es zwischen sechs und sieben, normalerweise viel zu früh für dich. Heute aber spürst du schon ein sanftes Nagen des Hungers. Die anstrengende Wanderung macht sich bemerkbar. Du wirst sogar ein wenig müde.

Jemand setzt sich zu dir, und ihr fangt an, euch ganz entspannt zu unterhalten. In den Bergen ist man per Du, das ist ja klar. Man spricht über den Berg, was Wetter, die Politik…einer von euch trinkt heiße Schokolade, der zweite ein Bier. Man hat sich das verdient nach diesem Tag, da seid ihr euch einig. Obwohl ihr euch nicht kennt, versteht ihr euch sofort. Das Wandern hat euch zu Freunden gemacht, bevor ihr euch überhaupt kanntet.

Freunde, Freude, Fernweh

Das Essen kommt, ihr esst gemeinsam. Es tut gut, etwas Warmes, Nahrhaftes in den Magen zu bekommen. Zu Mittag gab es die obligatorische Wanderverpflegung: Brot und Äpfel, manchmal einen Müsliriegel am Wegrand. Du seufzt tief. Du genießt.

Auch nach dem Essen bleibt man noch lange in der Stube zusammen. Es ist noch nicht einmal acht, trotzdem fühlst du dich, fühlt ihr euch alle so, als wäre es bereits weit nach Mitternacht. Die kleine Familie fängt an, ein Kartenspiel zu spielen, und du setzt dich mit deinem neuen Bekannten dazu. Den zwei jüngsten fallen fast am Tisch die Augen zu, aber sie wollen partout nicht ins Bett gehen. Heute ist das okay.

Ihr sitzt noch lange zusammen, die älteren trinken drei, vier Schnäpse zusammen. Ja, denkst du dir, so lässt es sich aushalten. Du magst das Zusammengehörigkeitsgefühl hier oben, die urige Hütte, du magst das Gefühl in deinen schweren Muskeln, du magst die Luft. Du bist zu Tode erschöpft, als du an diesem Abend hoch in dein Lager stapfst. Nach dem Zähneputzen breitest du rasch und leise deinen Hüttenschlafsack auf dem Bett aus, und fällst, so wie du bist, hinein. Es ist halb elf, dein Kopf berührt die Matratze, und du dämmerst bereits weg. Nur ein Gedanke schlendert noch durch deinen Kopf, ganz gemütlich, überhaupt nicht eilig: Du freust dich schon auf den nächsten Tag.

2. la dolce vita

Du wachst auf, weil in der Küche Töpfe klappern. Warme Sonnenstrahlen versuchen, sich ihren Weg durch die Vorhänge zu bahnen. Staub glitzert in der Luft. Es riecht nach Strand und Sommer und Meer. Du atmest ganz tief ein, streckst all deine Knochen und spürst, wie sich ein Lächeln auf deinem Gesicht ausbreitet. Ja, du fühlst dich gut hier. Das ist ein toller Urlaub.

mehr Meer bitte

Gähnend schlurfst du aus dem Zimmer und steckst den Kopf in die Küche der Ferienwohnung. Da steht einer dieser Menschen, mit denen du ans Meer gefahren bist –deine Mutter, dein Onkel, deine beste Freundin, dein Bruder, deine bessere Hälfte…Dein Begleiter strahlt dich an, freut sich, dass du wach bist, freut sich, dich zu sehen, freut sich, mit dir hier zu sein. Dein Lieblingsheißgetränk wartet schon auf dich, daneben eine kleine Auswahl an Frühstsücksdelikatessen – diese italienischen Hörnchen, Käse, Obst…alles, was das Herz begehrt. Ihr frühstückt auf der Terrasse, eine sanfte Brise weht dir um die Nase. Oh, bella italia…

Ein reumütiges Grinsen schleicht sich auf das Gesicht deines Gegenübers: Gestern habt ihr euch ein bisschen gestritten. Es war wieder ein Tag, an dem ihr viel von dem gemacht habt, was die andere Person wollte.  Umso besser, denkst du dir! Denn damit ist heute dein Tag!

Und euch stehen wirklich alle Möglichkeiten offen: Das Wetter ist traumhaft, keine Wolke trübt den südeuropäischen Himmel. Den Strand ist keine fünf Gehminuten von eurer Wohnung entfernt, und er ist so malerisch, wie du ihn dir immer erträumt hast; weicher Sand, sanfte Wellen, kühles Wasser entlang einer scheinbar endlosen Küste…

Aber auch das kleine, italienische Dorf hat seine Reize. All die hübschen Häuser, die geschwungenen und verwinkelten Gassen. Es gibt wenige von diesen Andenkengeschäften, dafür umso mehr Läden, in denen echtes, regionales Kunsthandwerk angeboten wird: Bilder, Skulpturen, Schmuck, Geschirr. Du magst diese kleine Buchbinderei, wo die schönsten Farben und Materialien zum binden benutzen. Und dann die Lebensmittelgeschäfte…wenn du nur an den Geruch der italienischen Kräuter denkst, läuft dir schon das Wasser im Mund zusammen. Leuchtend gelbe Zitronen, die so mild sind, dass du sie pur essen kannst. Knallrote Tomaten. Echte Tomaten, die nach Tomate und Sommer und Süden schmecken. Gemüse, Kräuter, Pasta soweit das Auge reicht. Vielleicht kocht ihr heute ja zusammen? Geht auf den Markt, kauft das ein, worauf ihr Lust habt, noch einen guten italienischen Vino…

Oder doch einen Wandertag? Ihr könntet einfach drauflosfahren, in den nahen Bergen aussteigen und die Flora und Fauna bewundern. Du denkst an die satten Farben der Blumen, an den weichen Waldboden und an den Geruch nach Pinien und Lorbeer…Danach, wenn ihr den ganzen Tag in der heißen, trockenen Luft unterwegs wart, dann könntet ihr euch auch gleich was gönnen: Etwas außerhalb soll es dieses phantastische Restaurant geben. Die Pizzeria gleich neben eurer Ferienwohnung ist besser als alles, was ihr in Deutschland so findet, keine Frage. Aber ihr könntet auch mal richtig italienisch essen gehen. In Italien. Das wäre doch was.

Italiens Sonne grüßt dich!

Eine letzte Idee kommt dir noch, als du an diese historische Altstadt ganz in der Nähe denkst. Dort gibt es auch ein tolles Museum, mit einer Ausstellung, die dich brennend interessiert. Warum nicht den Urlaub mit ein bisschen Kultur verbinden, fragst du dich. Das hat auch noch nie geschadet. Und danach doch noch ein langer Strandspaziergang? In den Sonnenuntergang hinein? Barfuß, damit du den Sand zwischen den Zehen spüren kannst?

Du machst die Augen zu und lehnst dich im Stuhl zurück. Du lässt die Sonne deine Nase streicheln, atmest tief ein, und genießt einfach den Moment. Egal, wofür ihr euch entscheidet: Heute wird ein atemberaubender Tag.

3. Spontan so schön

Die Ziffern der Uhr zeigen halb fünf, als du energisch den Laptop zuklappst, und aus ganzem Herzen seufzt. Stundenlang hast du jetzt gebüffelt, hast gelesen, angestrichen und zusammengefasst. Jetzt reicht es. Jetzt ist gut. Dein Kopf raucht. Was anfangen mit diesem angefressenen Tag? Nur nichts Produktives mehr jetzt, nur nichts für die Uni! Um deinen Gedanken Nachdruck zu verleihen, schiebst du den Laptop von dir weg. Weit weg. Noch einmal: Es reicht für heute!

Du könntest es mal mit Netflix versuchen, aber eigentlich hast du keine Lust, schon wieder in den Bildschirm zu starren. Auch dieser Roman, der gestern noch so spannend war, macht dich gerade irgendwie nicht an. Du hast genug von Buchstaben. Du linst zum Fenster heraus, beäugst kritisch den bewölkten Himmel. Ob es heute noch anfängt zu regnen? Kühl ist es auf jeden Fall, das stellst du fest, als du das Fenster aufmachst, um das erste Mal seit viel zu langer Zeit an der frischen Luft zu schnuppern. Ein Spaziergang würde deinem steifen Körper jetzt guttun, nur willst du nicht länger allein sein. Hast du heute überhaupt schon mit jemandem geredet?

Unzufrieden greifst du nach deinem Handy. Im selben Moment ploppt eine Nachricht auf.

„Bin für heute durch mit Uni! Jemand Bock auf Österberg?“

Jackpot! Ein Fünkchen Energie leuchtet in der erschöpften Dämmerung auf, und wird schnell heller und wärmer, während nicht nur du, sondern gleich noch zwei von deinen Freunden zusagen. Du springst auf, schnappst dir Rucksack, Geldbeutel, Hausschlüssel und was du noch so brauchst, und bist auch schon aus der Tür raus. Es ist wirklich kühl, aber plötzlich stört dich das gar nicht. Du kuschelst dich in deine Jacke und ziehst voller Vorfreude los. Ein kleiner Abstecher zum Supermarkt deines Vertrauens, und du deckst dich mit deinem Lieblingsgetränken ein: Bier, Wein, Club Mate oder Cola? Vielleicht ist dir heute sogar nach Sekt? Plötzlich erscheint dir nichts unangemessen, nichts zu verwegen.

Ein Picknick wie es sich gehört

Am Österberg warten sie schon auf dich, deine Lieblingsmenschen. Einer war so schlau und hat eine Picknickdecke mitgebracht, auf die ihr euch nun lümmelt. Ein Mädchen grinst verlegen und deutet auf drei riesige, prallgefüllte Tupperdosen. „Ich hatte keine Lust mehr zu lernen“, gibt sie zu „und da konnte ich nicht anders.“

„Prokrastinationsbacken?“ vermutest du, denn du kennst sie ja. Bei dem Anblick grummelt dein Magen. Hast du heute überhaupt schon was gegessen? Ja, da war was, heute Morgen. Ein Apfel? Eine Scheibe Brot? Du weißt es nicht mehr. Umso glücklicher greifst du jetzt zu, und fühlst dich gleich noch ein Stückchen besser.

Es tut so gut, deine Freunde zu sehen. So unglaublich gut. Hier kannst du einfach sein, wer du bist, bist akzeptiert und akzeptierst die anderen. Du fühlst dich wohl. Euer Gespräch plätschert munter dahin, schlängelt sich wie ein kleiner Bach von einem Thema zum nächsten, bleibt nie stehen. Einmal lachst du über irgendwas komplett Banales, ihr alle lacht, laut und herzhaft. Du fragst dich am Rande, wann du das letzte Mal so aufrichtig und ausgelassen gelacht hast. In dir drinnen bildet sich langsam eine helle, warme Blase, ein Glücksgefühl macht sich in dir breit.

„Komisch“, sagt einer von ihnen, und spielt mit seinem halb vollen Becher herum. „Ich hab von dem Tag echt nicht viel erwartet, aber jetzt ist es einer der besten seit langem.“

„Ja“ sagt ein anderer. „Die Besten kommen immer am unerwartetsten.“

Die Blase in dir schwillt an.

Sterne sehen beim Tagträumen

Es wird jetzt schneller kühl, und ihr rückt näher zusammen. Wollt noch nicht gehen, wollt nicht, dass dieser Abend zu Ende geht. Schon seit Stunden sitzt ihr hier, lacht, esst, trinkt und redet. Du legst dem Menschen neben dir den Arm um die Schultern, ziehst ihn näher zu dir. Weil dir kalt ist, oder weil du ihn vermisst hast, das spielt keine Rolle. Ihr seid so gute Freunde. Ihr solltet sowas öfter machen, stellt ihr fest. Viel öfter.

Als du an diesem Abend, oder besser, in dieser Nacht irgendwann aufbrichst, ist es schon lange dunkel. Du zitterst am ganzen Körper. Morgen wirst du garantiert mit einer fetten Erkältung aufwachen.

Aber das ist okay. An diesen Abend wirst du dich noch lange, vielleicht dein Leben lang erinnern. Denn an diesem Abend warst du verdammt nochmal sehr glücklich.

 

Fotos: Clara Eiche

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