Von Testplätzen und Marsmännchen

Privates und Berufliches zu trennen, ist manchmal gar nicht so einfach. Vor allem als Student. Vor allem in einer Pandemie. Wenn Giovanni zur Arbeit fährt, kann er einem Thema nicht entfliehen, unter dessen Fuchtel sich gerade eine ganze Gesellschaft befindet – natürlich geht es um: Corona.

Giovanni studiert im 6. Semester Medizin und arbeitet in der Fieberambulanz in Tübingen. Auf dem Festplatz der Paul Horn-Arena – ironischerweise direkt neben dem Autokino – können sich Menschen, die möglicherweise an COVID-19 erkrankt sind, testen lassen. Zusammengewürfelte Container und viele Absperrungen sollen die dorthin pilgernden Menschen in Reih und Glied durch die Ambulanz schleusen. Per Auto oder zu Fuß kommen die Patient*innen, füllen Testbögen aus, werden in verschiedene Wartebereiche geschleust, bevor ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin der Fieberambulanz schließlich einen Abstrich macht – natürlich unter strengen Hygiene-Vorschriften. Das Team besteht aus Ärzt*innen, aber auch Medizin- oder Molekularmedizinstudierenden, die vom Deutschen Roten Kreuz finanziert werden.

Der Medizinstudent Giovanni während der Arbeit in der Fieberambulanz.

Am Anfang war noch Chaos

Seit März hat die Fieberambulanz nun ihre Tore geöffnet. Während sich in der zweiten Woche knapp 330 Patient*innen testen ließen, sind es momentan nur noch ein Drittel davon. Doch nicht nur Menschen mit Corona-Symptomen kommen hier her. Das Ziel der Ambulanz: „Die ‚normalen‘ Patient*innen vor Covid zu schützen und die ärztliche Versorgung aufrecht zu erhalten. Zum Beispiel können dann Krebspatient*innen trotzdem normal zum Hausarzt“, erklärt Giovanni.

Seit Mitte März arbeitet der 21-Jährige neben seinem Medizinstudium in der Fieberambulanz, füllt Desinfektionsmittel auf, schleust Patient*innen von Container zu Container, macht Abstriche und archiviert Patientendaten. Anfangs herrschte noch etwas Chaos, denn Vorbilder für eine Ambulanz dieser Art gab es in Deutschland nicht. Auch Schutzkleidung, Masken und Desinfektionsmittel waren Mangelware.

„Am Anfang wusste ich nicht, wie jemand mit Covid aussieht; am Ende konnte ich sie dann fast an der Art des Hustens unterscheiden. Es war learning by doing für alle“, resümiert Giovanni.

Eine spontane Merkelraute der helfenden Studierenden auf der Fieberambulanz.

Abgeschnitten von Zuhause

Dass er ausgerechnet in der Fieberambulanz arbeitet, hatte verschiedene Gründe. Zum einen baute die Ärztin, die er als Praktikant begleitete, die Ambulanz mit auf. Zum anderen hat ihn die Situation in Italien geprägt.

Eine Rückkehr zu seiner Familie in seine Heimatstadt Verona ist gerade unmöglich. Während die Lage zu Beginn der Pandemie in Italien bereits sehr kritisch war, nahmen viele Deutsche das Virus nicht sehr ernst. Nicht einfach für Giovanni. „Ich habe den Lockdown in Italien gesehen und ich konnte nicht zuhause bleiben, ich wollte einfach nur helfen. Am Anfang war das schlimm für mich. Meine Schwester ist Psychiaterin und hat in Italien auch in der Klinik geholfen. Sie hat meine Eltern seit Weihnachten nicht mehr gesehen und ich hab es ja mitbekommen, wie in Italien die Bundeswehr die Leichen abtransportiert hat. Mein  Vater kannte viele, die gestorben sind. Auch wenn es hier noch nicht so schlimm war.“

Zu den Verschwörungstheorien, die gerade vielfach kursieren, sagt er nichts und schüttelt nur den Kopf. Obwohl sein Vertrag ausläuft, wird er weiterhin in der Fieberambulanz arbeiten – ehrenamtlich. Weil er helfen möchte. Vielleicht, weil er auch ein bisschen stolz darauf ist. Und ganz vielleicht spielt auch sein Arbeitsoutfit eine Rolle. Weiße Schutzkittel, hellblaue Masken, breite Schutzbrillen und Hauben auf dem Kopf– ein bisschen wie eine Mischung aus Küchenhilfe und Marsmännchen. Auf jeden Fall authentisch.

Fotos: Tabea Siegle

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