Das Leben ist kein Bananenbrot

Warum man Palmers brutale Aussage nicht mit einem Streit über ein Stück Bananenbrot vergleichen kann – und warum man es vielleicht trotzdem tun sollte. Eine Glosse.

„Ich sag es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären, aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankung“, meint der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer am Dienstagmorgen im Sat. 1-Frühstücksfernsehen. Am Dienstagabend sagt er dann gegenüber der dpa, falls er sich „da missverständlich oder forsch ausgedrückt“ habe, tue es ihm leid. Eine solche Entschuldigung bringt nach dem Gesagten ungefähr so viel wie ein kleines Pflaster auf einer tiefen, offenen Fleischwunde. Oder wie das Klebeband, das einen zerbrochenen Spiegel zusammenhält. Oder wie das „Sorry“ meines Partners nach einem viel zu ernst gemeinten „Ich hasse dich“ wegen Bananenbrot.

Unter den momentanen Bedingungen lässt sich so manche im oft hitzigen Streit getroffene Aussage zweifelsohne entschuldigen. Das gilt für Auseinandersetzungen im Privaten und die öffentliche Debatte. Wenn mein Partner meint, ich äße im Moment sehr viel, dann sagt er das deshalb, weil ich gerade das letzte Stück Bananenbrot genieße, das er so gerne gehabt hätte. Wenn ein gewisser Politiker der Grünen die Corona-Maßnahmen für Jüngere lockern und Ältere isolieren möchte, liegt das vermutlich daran, dass er persönlich die wirtschaftlichen Folgen des Shutdowns für gefährlicher hält als die Spaltung der Gesellschaft. Von solchen neuen Ideen und divergierenden Meinungen sollte man sich nicht reizen lassen, sondern sie als Chance verstehen, einen Kompromiss zu finden – sowohl im Privaten als auch in der Öffentlichkeit.

Beim nächsten Mal teile ich dann eben das Bananenbrot.

Allerdings scheint der Streit hier weitere Funktionen zu haben: Erstens ermöglicht er dem Partner auch, sich als vollkommen rücksichts- und respektloser, kalter Idiot zu erweisen. Zweitens ist er ein offenbar beliebter Zeitvertreib. Wer also aus Langeweile provoziert und beleidigt, hat gleichzeitig etwas zu tun und die Möglichkeit, den eigenen Idiotismus zur Schau zu stellen. Dies lässt sich dann jedoch nicht mehr als unterhaltsame oder zielführende Diskussion verstehen. Eine solche Bezeichnung wäre fatal, weil der Idiot dann denken könnte, seine Meinung wäre tatsächlich relevant – oder sogar fundiert. 

In der sozialen Isolation vergisst offenbar so mancher, was das Wort „sozial“ bedeutet, wie man andere mit Respekt behandelt und wie man sich in einer Solidargemeinschaft verhält. Wegen des Kontaktverbots ständig nur den Partner um sich zu haben, kann zwar eine die Beziehung stärkende Gelegenheit sein, sich näher zu kommen. Wenn sich dabei allerdings herausstellt, dass der Liebste willentlich brutal wird und verletzt, die Beziehung sabotiert, den Solidaritätsgedanken attackiert und damit die partnerschaftliche Gemeinschaft aufs Spiel setzt – kurz, wenn er sich so verhält, dass auch kein kleinstes Fünkchen Liebe mehr übrigbleibt, dann ist seine Aussage nicht zu entschuldigen.

Nicht, wenn es um Bananenbrot geht und erst recht nicht, wenn es um Menschenleben geht.

Wenn ich wüsste, dass mein Partner mich hasst, weil ich sein Stück Bananenbrot gegessen habe, würde ich ihn wahrscheinlich in die Wüste schicken. Vielleicht sollten wir das mit unserem Oberbürgermeister auch mal versuchen – dann haben wir möglicherweise doch noch eine Chance auf eine sozialere Gesellschaft nach Corona.

Sorry, das ist mir jetzt so rausgerutscht. Falls ich mich „da missverständlich oder forsch ausgedrückt“ habe, tut es mir leid.

Foto: Thomas Dinges

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