Knappe Kiste

Das zweite Adventswochenende bescherte allen Basketballfans des Ländles eine ganz besondere Freude: Derbytime! Anhand der Historie der letzten Partien nicht unbedingt ein Freudentag für alle Tübinger. Umso mehr allerdings für unsere Autorin Charlotte,  die bekanntlich seit jeher den Ulmern die Daumen drückt. Ein Tübinger Heimspiel aus Sicht eines Auswärts-Fans.

Die Ulmer Fans sind früh angereist und ihr Block ist schon eine Stunde vor Spielbeginn komplett gefüllt. Allgemein scheint es so, als wären sie lauter und motivierter als die Tübinger. Nur Ulmer Gesänge sind wirklich zu hören, schon die ganze Zeit schallt es „Wir wollen den Derby Sieg“ und „Tiger in den Zoo“ durch die fragwürdig pink gefärbte Paul Horn Arena. Diesem Innenarchitekten sollte die Lizenz entzogen werden, genauso wie dem Hallen-DJ, der zwar die unrhythmischen Gesänge der Ulmer übertönt, aber mit seinem Techno- Gedröhne keinen Ticken besser ist.

Es zieht, mir ist kalt und ich versuche mir warme Gedanken beim Anblick der sich aufwärmenden Spieler zu machen. Wenigstens die scheinen Spaß zu haben – da sieht man einen Jared Jordan einen kurzen Plausch mit Karsten Tadda halten und alle begrüßen Isaiah Philmore als wäre er nie weg gewesen. So langsam finden sich auch Tübinger Fans ein und das Maskottchen Walter. Der ist wohl das coolste Maskottchen der Liga, das muss man den Tübingern lassen. Den „Ulmer“-Rufen dröhnt nun inzwischen ein „Schweine!“ entgegen, typische Derby-Stimmung, alles in bester Ordnung.

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Ein Start mit dem niemand gerechnet hätte

Auch diese Saison zieht David wieder gegen Goliath in den Krieg. Während die Tigers sich einen im unteren Ende der Tabelle abstrampeln, können die Donaustädter und Vizemeister bisher ausschließlich Siege vorweisen. Beachtlich ist auch eine Art „Spielertausch“, der beiden Teams zugutekommt: Philmore, ein Ex-Ulmer, spielt seit dieser Saison in Tübingen, während Augustine Rubit inzwischen vom Rohdiamanten zum Brillanten-Spieler geschliffen wurde und seine zweite hervorragende Saison in Ulm bestreitet. Die Starting Five lässt sich auf beiden Seiten gut sehen: Green, Washburn, Jordan, McGhee und Stewart möchten sich gegen Günther, Morgan, Butler, Babb und Braun beweisen.

Ich lehne mich zurück und erwarte einen angenehm deutlichen Sieg für die Ulmer. Die Distanz in der Tabelle stützt meine Diagnose, doch die Wahrheit sieht gänzlich anders aus. Barry Stewart eröffnet das Spiel mit einem sauberen Dreier – wer hätte gedacht, dass die Tübinger auch mal gleich zu Beginn treffen und das „Warmwerfen“ auslassen. Es folgen vier atemberaubende Minuten. Ulm ohne Wurfglück, Stewart und Washburn legen jeweils noch einen Dreier nach und ich sitze auf meinem viel zu engen Presseplatz und denke mir nur WTF?!

Die erste Auszeit auf Ulmer Seite musste kommen, ein Start von 11:3 für Tübingen kann so schließlich nicht akzeptiert werden. Trotzdem beißen die sonst defensiv recht zahmen Kätzchen weiter, was sie zwar kurz vor Ende des Viertels an die Teamfoul-Grenze, dennoch aber zum Sieg über die ersten zehn Minuten bringt. Zur Pause steht es  27:24 für Tübingen, ich muss meine persönliche Punktebilanz überdenken und bin froh nicht darauf gewettet zu haben. Ansonsten lässt das Pausenprogramm keinen Raum für Erholung vom Schock. Die Tanzgruppe „Schleudergang“ verstört mich mit ihren Bewegungen zu Trommelrhythmen nur noch weiter. Zum Glück ist da ja noch Walterchen, immerhin kann der tanzen.

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„Nur“ ein Ausgleich

Viertel zwei startet krautig, aber mit weiterhin bissigen Tigern. Die Ulmer müssen sich inzwischen ganz schön umschauen. Es scheint so, dass die fast punktgleichen Ex-Spieler der jeweiligen gegnerischen Mannschaft Philmore und Rubit durch sich übertrumpfende Leistungen einen Kampf der Giganten liefern. Die kleinen Stars der beiden Teams, Jordan (1,85m) und Günther (1,84m), bleiben hingegen punktetechnisch eher unauffällig. Süß, wie die beiden immer versuchen sich zu decken, Zwergenaufstand ist da garantiert.  Beide Mannschaften schaffen es nicht, sich einen Vorteil zu erspielen und es geht mit 43:43 in die Halbzeitpause. Während in Ulm jeder Spieler eingesetzt, geworfen und getroffen hat, sind Stewart mit zehn Punkten und Philmore mit neun auf der Tübinger Seite die Top Scorer.

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Spannender Kampf bis zum bitteren Ende

Die Pause scheint beiden Teams gut getan zu haben, mit neuer Energie und einer großen Portion Wahnsinn betreten sie erneut das Parkett. Rubit ist absolut on fire, gräbt sich wie ein Maulwurf durch die Spieler unterm Brett und versenkt auch noch den allerschwierigsten Wurf im Korb. Tübingen ist erstaunlich gut in ihrer Defensivarbeit, was zwar einiges an Fouls zur Folge hat, dem Team aber nicht zum Verhängnis wird. Auch die eingesammelten Freiwürfe schaffen sie heute ausnahmsweise mal gut zu verwandeln (Trefferquote gesamt 17/19; 89%), was zu einem zusätzlichen Punkteaufschwung führt. Gerade als es so aussieht als würde man auch dieses Viertel mit einem Gleichstand beenden, drückt Hobbs mit dem Läuten der Uhr von weit hinter der Dreierlinie ab und versenkt den Ball zuverlässig. Das 63:66 zur Pause tut dem Ulmer Ego gut.

Im letzten Viertel erkämpfen sich die inzwischen zu Raubkatzen transformierten Tigers den 70:70 Ausgleich. Das ist unter anderem einem frechen Steal mit folgendem Monsterdunk von Washburn zu verdanken. Inzwischen sind auch wirklich alle Tiger-Fans aufgewacht und die Halle tobt. Niemand scheint den Sieg sicher in den Händen zu halten. Dennoch lässt die Konzentration beider Mannschaften nach, Coach McCoy entscheidet sich nach diversen Fehlpässen und fehlendem Wurfglück für ein Timeout. Dem Erfolg bringenden Dreier von Berry folgen zwei versenkte Dreier von Babb und einem weiteren von Günther.

Knapp drei Minuten vor Spielende scheint sich ein Sieger abzubilden. Morgan muss wegen seinem fünften Foul vom Platz, macht aber nichts, da er mit 20 Punkten Topscorer des Spiels ist. Eine Chance für die Tigers? Nein, denn der Ulmer Kader ist zu breit mit Spitzenspielern aufgestellt. Zudem darf man sich so viele Fehler und Airbälle in der Crunchtime nicht erlauben, liebe Tigers. Ausgerechnet der nicht müde werdende Augustine Rubit bricht den Tübingern am Ende das Genick und besiegelt das Spiel mit 79:89. Ein bitteres Ende wenn man bedenkt wie eng die Sache bis zur 35. Minute war, heute hätten die Tigers es mehr als verdient gehabt sich den Derbysieg zu holen.

Fotos: Christopher Kübler.

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