Kopftuch und Vorurteil

Filmfestivals standen im Jahre 2015 nicht selten im Zeichen der Weiblichkeit und Immigration. Kaum verwunderlich angesichts der politischen Lage in Europa. Zahlreiche Festivalbeiträge rankten sich daher um das Thema – so auch Philippe Faucons „Fatima“. Der Film folgt dem alltäglichen Leben dreier eingewanderter Frauen, rückt jedoch die titelgebende Mutter klar in den Mittelpunkt. Trotz guter Ansätze hinterlässt „Fatima“ einen leicht zwiespältigen Eindruck: Zu viele Themen werden in der nur mäßigen Laufzeit von 79 Minuten angerissen.

Fatima (Soria Zeroual) spricht gebrochenes Französisch und säubert als Putzfrau Büros. Sie ist bescheiden und lebt nur für ihre Töchter. Sie selbst, so scheint es, würde für ein besseres Leben ihrer Kinder alles geben. Nesrine (Zita Hanrot), 18-jährige Medizinstudentin, und Souad (Kenza-Noah Aiche), ein 15-jähriger rebellischer Teenager, könnten kaum unterschiedlichere Töchter sein. Der Vater und Ehemann (Chawki Amari), der getrennt von Fatima lebt, findet nur wenig Beachtung im Leben der Frauen und bleibt daher im Film namenlos. Fatima unterstützt bedingungslos ihre Familie

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Traditionen sind zwiespältig

Während des Filmverlaufs werden die drei Frauen immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert. Sei es eine Mietwohnung, die der ältesten Tochter aufgrund der ethnischen Herkunft verwehrt bleibt, oder Schikanen des Arbeitgebers. Selbst Ärzte sind nicht befreit von Vorurteilen. Die Gesellschaft in die die Charaktere sich einzugliedern versuchen, wahrt nach außen hin eine Fassade der Offenheit – in Wahrheit herrschen jedoch Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit. Ebenso viel Widerstand erfahren die Frauen aus ihrer eigenen Kultur. Sie werden vom Vater beziehungsweise Ehemann gedrängt und dazu angehalten, den Schein des Traditionellen und der Gottesfürchtigkeit aufrecht zu erhalten.

Die Authentizität des Films ist seine größte Stärke. Er scheint direkt aus dem wirklichen Leben der Protagonisten zu stammen. Dies ist auch notwendig, um die dargestellten alltäglichen Situationen glaubhaft zu transportieren. Dialoge sind realitätsgetreu und umgangssprachlich. Die Darsteller spielen durchweg sehr überzeugend und keinesfalls aufgesetzt – manch ein Zuschauer vermag sich sogar in ihnen wiederzuerkennen. Handwerklich gibt es wenig an Faucons Film auszusetzen, Musik und Schnitt verstärken die kühle melancholisch-depressive Grundstimmung von „Fatima“ sehr wirksam.

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Zu weit gegriffen

Letztendlich scheitert Regisseur Philippe Faucon an seinen eigenen zu hochgesteckten Zielen und so rutscht der Film teilweise in die Mittelmäßigkeit ab. Faucon kann sich nicht entscheiden, ob er dem Publikum einen Spiegel vorhalten oder lieber möglichst viele Probleme islamischer Frauen ansprechen möchte. Bevor eines von beidem mit genügend Tiefe angegangen werden kann, läuft bereits der Abspann über die Leinwand. Ein Film, der gewiss Viele ansprechen würde, aber nicht über eine oberflächliche Betrachtung hinausgeht.

FATIMA, Frankreich / Kanada 2015 –Regie: Philippe Faucon. Mit: Soria Zeroual, Zita Hanrot, Kenza Noah Aĭche, Chawki Amari. 79 Min.

Text: Julian Ruf

Diese Filmkritik entstand im Rahmen des FestivalTV der Französischen Filmtage im Filmkritikworkshop von Hanne Detel, Institut für Medienwissenschaft, Uni Tübingen.

Fotos: copyright Pyramid Distribution

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