WEIRD & WUNDERBAR

Tübingen einmal anders betrachtet: So sehen internationale Studenten ihre Wahlheimat

Deutschland ist wunderschön. Die Landschaften sind einzigartig, unsere Trink- und Esskultur bekannt in der ganzen Welt. Doch wie gut kennen wir dieses Deutschland, wie gut kennen wir uns selbst?

von Lisa Wazulin

Jedes Land, jede Stadt hat mit Vorurteilen zu kämpfen. Doch wie sieht es mit Deutschland aus, wie wirken die Deutschen, vor allem wir, die Tübinger, auf andere? Tragen in „Good old Germany“ wirklich alle Lederhosen und trinken Bier? Aus der Sicht der „Krauts“ natürlich nicht, aber wie steht es mit den internationalen Studierenden, die sich täglich mit fremden und ungemein merkwürdigen Gewohnheiten der Deutschen auseinandersetzen müssen?

Die Angst vor der Erkältung

Die allgemeine Verwirrung der internationalen Studenten setzt bereits in den ersten Tagen nach ihrer Ankunft ein. Allein der alltägliche Weg zur Uni wird für manche zu einer Entdeckungsreise der besonderen Art. Beim morgendlichen Gang vom Hauptbahnhof zur Wilhelmstraße stechen besonders die Apotheken ins Auge. Wieso gibt es an jeder Ecke einen Laden für Medikamente? Sind alle Deutschen durchgehend krank oder sind sie womöglich alle tablettensüchtig? Die Antwort liegt klar auf der Hand: Nicht umsonst ertönt im Hörsaal grimmig der Ausruf: „Es zieht!“, wenn auch nur ein Hauch von Luft den Raum durchströmt. Schon allein der Ausdruck macht für viele internationale Studenten keinen Sinn: Wer oder was zieht denn da? Und wieso haben die Deutschen Angst vor Luft? Die permanente Angst der Deutschen, zu erkranken, sei es nur an einer Erkältung, spiegelt sich auch in der Hausschuh-Kultur wieder, die mit Eifer streng zelebriert wird. Kalte Füße sind ein absolutes No-Go, das es zu vermeiden gilt, koste es was es wolle! Wer keine Hausschuhe trägt, dem wird mit einem mitleidigen Blick eine Erkältung prophezeit, die dann, beim tatsächlichen Eintreten mit verschiedensten Medikamenten aus der Apotheke um die Ecke bekämpft wird! Wird man daher unter der Woche von der heimtückischen bösen Erkältung heimgesucht, ist eine Rundumversorgung durch den Notfalldienst einer ausgewählten Apotheke gewährleistet. Doch warum gibt es so etwas wie einen Notfalldienst? Warum haben diese angeblich lebenswichtigen Apotheken nicht einfach ganztägig geöffnet?

Die deutsche Arbeitswoche: ein Traum?!

Offenbar setzen die Deutschen ihre Prioritäten doch anders als gedacht und verzichten für einen früheres Schichtende auf ihre Gesundheit. Denn die deutsche Arbeitswoche beginnt pünktlich montagmorgens und endet freitagabends! Dies hat zur Folge, dass nun plötzlich samstags und sonntags die Busse, an die man sich gerade gewöhnt hatte, zu völlig anderen Zeiten fahren! Der Samstag ist seltsam: Die normalen Arbeitszeiten ändern sich allein für diesen einen Tag, Café Lieb oder Keim schließen um 12 Uhr, die Supermärkte sind teilweise leergekauft und es sind auf einmal doppelt so viele Leute in der Altstadt als zuvor. Mysteriöser wird es dann am Sonntag: Alle Läden sind geschlossen! Die Deutschen kennen anscheinend das „24h open“-Schild nicht, sie haben offensichtlich beschlossen, einen ganzen Tag lang nichts zu tun! Doch ganz an ihre eigenen Regeln scheinen sie sich nicht zu halten, denn die Restaurants und Bars haben auch sonntags geöffnet.

Die Liebe zum Bier

Das war ja dann wohl wieder klar, dass die Deutschen nicht mal einen Tag auf ihr geliebtes Bier verzichten können! Schließlich trinken die Deutschen das flüssige Gold „since they were babies!“ und sind daher mit dem erfrischenden kühlen Getränk aufgewachsen. Aber in  welchem Land kann man sonst so viel Bier trinken, wie man möchte, rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, ohne dass man schräg angesehen wird? Ein Land, in dem man jederzeit wegen jedem Wehwehchen versorgt werden kann, sei es auch nur wegen einer mickrigen Erkältung!

Ja, Deutschland ist mit seinen Eigenarten manchmal schwer zu verstehen, aber es ist eben nicht nur „weird“ – sondern auch wunderbar.

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