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Kein durchschnittlicher Dr. Sommer

Sex: Was ist das eigentlich? Für Dr. Christoph Ahlers nichts Geringeres als die intimste Form menschlicher Kommunikation. Zum Semesterende füllte die 36. Veranstaltung von Querfeldein e.V. mit dem Berliner Sexualtherapeuten trotz sommerlicher Mittagshitze das Ribingurumu.

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Vom Kritisieren und Verreißen

Denis Scheck war am Sonntag zu Besuch bei Querfeldein im Ribingurūmu in Tübingen. Gut aufgelegt und gewohnt provokativ war er der Erfolgsgarant des Abends und krempelte die deutsche Literaturlandschaft um, wobei er dem Publikum einen Einblick in das Leben und Leid eines Literaturkritikers verschaffte.

In Manier seiner Sendung betritt Denis Scheck mit einem Stapel Bücher unter dem Arm den Raum und setzt sich in einem großen Sessel. Um ihn herum volle Bänke und Stühle und erwartungsvolle Blicke. Geführt von den Fragen des Querfeldein-Moderators entsteht bald ein Gespräch, in dem das Gesicht des ARD-Literaturmagazins Druckfrisch immer mehr aufblüht. Immer wieder unterstützen dabei kurze Filmausschnitte aus Schecks Sendung seine Erzählungen. Gleich zu Beginn stellt er fest: „Ein Literaturkritiker besteht nur, wenn er nicht lügt.“

Fantasy, Playboy, Übersetzen – Die Jugend

Denis Scheck4

1964 in Stuttgart geboren, begann Denis Scheck früh damit, sich auf der deutschen Literaturbühne einen Namen zu machen. Als 13-Jähriger gründete er die Literaturzeitschrift Newlands und übersetzte neben Fantasy- und Horrorbüchern auch Interviews für die deutsche Ausgabe des Playboys. Ein netter Nebeneffekt sei dabei gewesen, die Bücher umsonst zu erhalten, erzählt der gebürtige Schwabe. Nachdem er in seiner Jugend als Übersetzer kostenfrei in einem Stuttgarter Haus samt vollem Weinkeller wohnen durfte und Honorare über 2000€ erhielt, ging Scheck davon aus, als literarischer Übersetzer reich und berühmt zu werden. Auf den Boden der Tatsachen kam er dann während seiner Studienzeit in Tübingen zurück, als sich plötzlich keiner mehr für das „arrogante und elitäre Arschloch“, wie Scheck sein damaliges Selbst bezeichnet, interessierte. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: „Viele meinen, ich hätte mich seither nicht geändert.“

Was ist große Literatur?

Diese Frage beantwortet der Literaturkritiker fast schon, als sie noch nicht ganz ausgesprochen war: „Große Literatur ist für mich ein Text, der mich zwingt, in eine neue Richtung zu blicken und Perspektiven wahrzunehmen, die man bisher freiwillig nicht eingenommen hat.“ Als Beispiel zieht er die Kafka-Biografie Reiner Stachs heran, deren letzter Band nach 18 Jahren Arbeit dieses Jahr veröffentlicht wurde. „Ich dachte, Kafka sei ein 1 Meter 60 großes Männle aus Prag gewesen, das kritzelte und früh starb. Stach zeigte mir, dass Kafka 1,81 groß, bei den Frauen beliebt war und mit 40 von ihnen Sex hatte. Das hat mir den Kopf zurechtgerückt.“ Literatur sei außerdem die Befreiung schlechthin, die einen in die Haut eines anderen schlüpfen lässt.

Alte Schlachtrösser und ethnisch-disperse Autoren

Die Gegenwartsliteratur Deutschlands bezeichnet Denis Scheck als reich und vielfältig, was vor allem daran liegt, dass zum ersten Mal vier Generationen gleichzeitig schreiben. Darunter „alte Schlachtrösser“, beispielsweise Günther Grass, die vielen Zuwanderer, die zu schreiben beginnen, und Unterhaltungsliteraten auf Niveau, wie Walter Moers, Cornelia Funke oder Frank Schätzing. „Wir haben eine Vielfalt in der Literatur, wie sie noch nie da war“, ist sein Resümee. Diese Einschätzung Schecks verdeutlicht sich, als er in der zweiten Hälfte des Abends einige seiner jetzigen Favoriten vorstellt, darunter Bücher wie die Pfaueninsel von Thomas Hettche oder Kruso von Lutz Seiler.

Druckfrisch – lustig, locker, anders

Dass Denis Schecks Druckfrisch eine etwas andere Literatursendung ist, verdeutlicht sein Ziel, die vorherrschende Ernsthaftigkeit vom Genre der Literaturkritik zu nehmen. Dies wird durch Lockerheit und Provokation durchzusetzen versucht. Ein Bestandteil davon sind die immer wieder eingebauten Gags mit Wasser, die nach einem nicht eingeplanten Sprung Schecks in das Hafenbecken von Nizza entstanden. Außerdem trägt er in jeder Situation einen Anzug, auch wenn er sich zu einem Interview mit dem Autor Kristof Magnusson in einen Whirlpool setzt. „Solange Reich-Ranicki lebte, musste ich etwas anderes machen und die Figur des Literaturkritikers ironisieren“, erklärt Scheck diese Stilelemente seiner Sendung.

„Bestseller sind der kleinste gemeinsame Nenner des Massengeschmacks“

Literaturkritiker gibt es, weil jedes Jahr über 90.000 Neuerscheinungen herausgegeben werden und für diese „Flutwelle von Büchern“, wie Scheck das nennt, Orientierungsmöglichkeiten gegeben werden müssen. Bestsellerlisten seien dabei nicht ernst zu nehmen, denn „die besten Bücher sind keine Bestseller, oder will man, wenn man gut essen geht, eine der zehn meistverkauften Mahlzeiten haben?“ Genau so seien Literaturpreise oft Irrwege. Zur Verdeutlichung führt Scheck auf, dass es in Deutschland über 700 Literaturpreise gibt. „So viele, dass selbst ich einen bekommen habe.“ Auch der Nobelpreis bleibt von ihm nicht verschont. Er ärgert sich darüber, dass „etwas so vielschichtiges und komplexes wie die Literatur“ mit einem einzigen Preis bedacht werden kann und das die Jury nur aus fünf, auf Lebenszeit gewählten „Rollatorenwettläufern“ besteht.

Vom Brechtbau und E-Books

Bei der Fragerunde zum Abschluss des Literaturabends richtet sich das Interesse auf einen aktuellen Diskurs, nämlich den Sinn von E-Books. Denis Scheck hat dabei eine besondere Meinung. Ihm ist es egal, ob ein Buch als E-Book oder auf Papier verkauft wird: „Mir ist der Inhalt wichtig! Das E-Book wird die Welt der Literatur nicht neu erfinden.“ Es überrascht allerdings nicht, dass das Publikum auch Fragen zur Tübinger Studienzeit des Literaturkritikers stellt. So wird Scheck, der in Tübingen unter anderem Germanistik studierte, über den damaligen Zustand des heute berüchtigten Brechtbaus befragt. „Er war zu meiner Zeit schon hässlich, aber wir haben auch nichts zur Verschönerung beigetragen“, antwortet er und fügt dann ein Zitat von Robert Gernhardt hinzu: „Dich will ich loben, Hässliches, / Du hast so was verlässliches.“ Danach war das Programm zwar beendet, aber der Abend noch lange nicht vorbei. Noch einige Zeit stand der Literaturkritiker Denis Scheck den Besuchern Rede und Antwort, außerdem verkaufte und unterschrieb er die von ihm mitgebrachten Bücher.

Druckfrisch zum Anschauen: http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/druckfrisch/index.html