„Dich schickt der Himmel!“

Highfield, Southside, summerbreeze… – Festivals sind für viele junge Leute fester Bestandteil der Sommersaison. Der Haken: Die Kosten! Die Lösung: Arbeit mit Vergnügen verbinden – mit Ferienjobs auf Festivals! „Catering auf Großveranstaltungen“ nannte sich ganz harmlos das Angebot, dank dem es unsere Autorin, eher dem Genre alternatives Blumenkind zuzuordnen, auf eines der größten Metalfestivals Deutschlands verschlug. Was sie als Kaffeefee inmitten bär(t)iger Metalheads erlebte, könnt ihr hier nachlesen…

von Rena Föhr

Kolossal ist das erste, was mir bei seinem Anblick durch den Kopf schießt. Seine Statur: Zwei Meter und zwei Zentner. Sein Mantel: Schwarz. Ledern. Bodenlang. Sein Haar: Wallend. Ein pechschwarzer Vorhang. Und darunter zwei blaue, verschlafene, doch durchaus freundliche Augen. Strahlend-sanft, ja nahezu religiös-verklärt scheint der Blick durch den schwarzen Vorhang. „Dich schickt der Himmel!“, juchzt der Koloss schließlich entzückt. Innerlich seufze ich erleichtert auf, während ich frischen, dampfenden Kaffee in einen Becher fülle. Catering auf Großveranstaltungen – was wie ein allzu normaler Studentenjob anmutet, erhält auf Festivals eine ganz neue Dimension. Aufstehzeit: 5.00 Uhr. Einsatzfeld: Keine schicke Bar, sondern der Zeltplatzdschungel. Arbeitsausrüstung: Nicht etwa Tablett und Block, sondern ein Wanderrucksack, umgebaut zu einem mobilen Kaffeeautomaten. Ein bisschen mulmig war mir ja schon gewesen vor der Aufgabe, riesigen furchteinflößenden Gestalten Kaffee schmackhaft machen. Jedoch, ganz ohne Ironie: Es fängt ja mal gut an!

Also auf zur nächsten potentiellen Kundschaft. Die besteht aus einer Crew von sieben langmähnigen Schweizern. Neben steilem Umsatz bringt mir diese Begegnung auch noch ein ganz besonderes Kompliment ein. „Ja mei, weißt…“ sinniert ein blondgelockter Bär aus dem Nachbarland, „iach find dein Dialekt wirkli so lustiach!“ Danke, gleichfalls! Die netten Gesellen melden sich bald wieder. Doch nicht nur um Nachschub werde ich diesmal gebeten, sondern auch um Umweltbewusstsein – „in dieselben Becher noch mal. Wir sind Naturfreunde!“ Die nächsten Kaffeejunkies wiegen in etwa zehn mal so viel wie mein voll beladener Kaffeerucksack, will heißen, sie sehen mal wieder sehr… äh… massiv aus. „Kannst scho näherkommen, wir sind nur zwei halbnackte Metaller!“, dröhnt es beruhigend aus dem Zelteingang. Mein Lächeln verwandelt sich in ein Prusten, als ich sehe, dass beim Attribut „halbnackt“ auch Eier in Bodenhaltung, die aus der legeren Unterbekleidung herausbaumeln, inklusive sind…

Nicht zu vergessen: Die Gäste aus den neuen Bundesländern. Ein Wohnwagenkomplex aus Thüringen sowie eine Zeltkommune aus dem Dresdner Umland sorgen sich sogar um mein leibliches Wohl! „Sag mal, trinkst du auch genug?“, fragt mich besorgt ein schwarzgekleideter Sachse. „Das ist wischtisch bei dieser Hitze! Wir hädde Energydrinks und africola. Nimm dir was mit, Mädel!“ Sehr international geht es übrigens zu. Neben zahlreichen Holländern (meist ganz klischeedienlich samt Wohnwagen) sind auch ein paar italienische Rocker am Start. Sie wollen Espresso und das einzige, was sie auf Deutsch artikulieren können: (Meine) Telefonnummer. Die kriegen sie nicht, denn ich muss mich nun um zwei erstaunlich zarte Franzosen kümmern, die sich mit café au lait das Früstück versüßen lassen wollen.

Kaffeefeeee!“ schallt es mir auch noch Stunden später lieblich hinterher, als die Sonne und die Temperaturen weit gestiegen sind und ich eher schwerfällig-schweissdurchtränkt über den Acker stapfe. Also, wie jetzt – Love and Peace auf einem Metalfest? Nun ja. Ton und Typen sind natürlich manchmal etwas rau – aber eigentlich nur untereinander. Ich bekomme davon so gut wie nie etwas ab. Ich in meinem bunten Hippiekleidchen bin die Kaffeefee, die der Himmel schickt. Die Prinzessin der dunklen Bären. Und da kommt mir schleichend, aber unabwendbar die Erkenntnis: Metaller sind zuckersüß!

 

Unsere Redakteurin arbeitete auf dem summerbreeze-Festival als mobile Verkäuferin bei der Firma Goldkorn. Diese bietet verschiedene Arten von Festival-Jobs: Man kann auch im Thekenverkauf, als Fahrer/in oder – nach entsprechender Erfahrung – in der Verkaufs-/Produktionsleitung tätig werden. Weitere Informationen gibt es unter www.goldkorn.org.

Tell me a story!

Eine Woche im Zeichen der Frau. Vom 18. bis 24. November 2010 strahlte das Tübinger Kino „Museum“ 27 Spiel- und Dokumentarfilme aus aller Herren Länder aus, die eines gemeinsam hatten: Sie machten Frauenschicksale zum Thema.

Von Lena Bühler

Ein junges Ehepaar beginnt zu streiten. Der Streit eskaliert, als er sie ohrfeigt. Sie möchte gehen, doch er wirft sie zu Boden und schlägt weiter auf sie ein. Sie wehrt sich, kann aber nichts ausrichten. Er packt sie bei den Haaren, stößt ihr Gesicht auf den harten Fließenboden. Zweimal. Blutend lässt er sie in ihrem gemeinsamen Haus zurück. Verstörende Szenen wie diese sind in dem in Venedig prämierten Film „Scheherazade – Tell me a story“ zu sehen, der in seinem Herkunftsland Ägypten für heftige Kontroversen sorgte. In Tübingen wurde der Streifen im Rahmen des Filmfestes „FrauenWelten“ gezeigt, welches dieses Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feierte.

Nur harter Tobak?

Ziel dieser Filmtage ist es, auf Missstände aufmerksam zu machen, unter denen Frauen auf der ganzen Welt zu leiden haben. „Scheherazade“ beispielsweise thematisiert die noch immer untergeordnete Rolle von Frauen in islamischen Ländern, auch wenn die Gesellschaft noch so sehr von westlichen Werten geprägt zu sein scheint. Doch nicht alle Filme waren derart schwer verdaulich. In erster Linie wurden Geschichten von starken Frauen erzählt, die sich in außergewöhnlichen Situationen wiederfinden. Dies konnte dann berührend, grotesk, schockierend, aber auch ungemein lustig sein. So wie in der satirischen Komödie „The Kids Are All Right“, in der das Auftauchen des Samenspenders das Ehe- und Familienleben eines lesbischen Paares völlig auf den Kopf stellt.

Filme führen nicht zum Umdenken“

Organisiert werden die „FrauenWelten“ von „Terre des Femmes“, einer Frauenrechtsorganisation, die 1981 in Hamburg gegründet wurde und deren Hauptsitz sich seit 1990 in Tübingen befindet. Der Internationale Tag „NEIN zu Gewalt an Frauen“ am 25. November läutete das Ende der „FrauenWelten“ ein. Irene Jung, Organisatorin des Filmfestes und Christa Stoll, Geschäftsführerin von „Terre des Femmes“, luden zu einer abschließenden Pressekonferenz im Rathaus. „Die Reaktion des Publikums war durchweg positiv, sämtliche Gäste waren begeistert“, resümierte Christa Stoll: „Die Nachfrage ist im Vergleich zu den vergangenen Jahr deutlich gestiegen.“ Trotzdem waren auch kritische Stimmen zu hören: „Kein Mensch sieht sich so einen Film an, um geläutert zu werden“, sagte ein Rottenburger Realschullehrer nachdem er sich den Film „Scheherazade- Tell me a story“ angesehen hatte. „Eine überraschende Konfrontation, zum Beispiel in Form einer Sneak Preview, wäre viel effektiver.“ Nichtsdestoweniger wurde nach der Pressekonferenz nach einer Ansprache des Oberbürgermeisters Boris Palmer vor dem Tübinger Rathaus die Fahne von „Terre des Femmes“ gehisst. Dies geschieht am 25. November auf der ganzen Welt, um symbolisch jenen zu Gedenken, denen vor 11 Jahren der Tag „Nein zu Gewalt an Frauen“ gewidmet wurde: Den „Schwestern Mirabal“, die 1960 aufgrund ihres Widerstands gegen den Diktator der Dominikanischen Republik bei einem Attentat von der Regierung getötet wurden.

 

Ich glaub mich tritt ein…. Känguru!?

Verdutzte Gesichter beim Anblick des Tagesgerichts zu Semesterbeginn unter den Tübinger Studenten. Wenige hatten jemals zuvor Känguru gegessen und nun gibt es das sogar in der Mensa. Berührungsängste gab es jedoch kaum. So etwas  Außergewöhnliches will probiert werden!

Von Anna Nisch

Gewöhnlicherweise steht auf dem Speiseplan der Unimensa Tübingen gut bürgerliche Kost, wie Schweineschnitzel, Kartoffelgratin und natürlich die obligatorischen Käsespätzle und Maultäschle. Ist einfach, geht schnell und mag jeder! Mit einer Auswahl von zwei Tagesgerichten wird man sowohl dem Fleischfanatiker als auch dem Vegetarier gerecht. Wählerische bedienen sich beim Wahlessen bei größerer Auswahl, größeren Kombinationsmöglichkeiten, größerem Preis. Damit aber trotzdem keine langweilige Routine im Speiseplan einkehrt, hat sich das Studentenwerk etwas einfallen lassen und lockte zum Semesterbeginn die hungrigen Studenten mit Kängurugulasch.

Der Andrang an diesem Tag war nicht gering und die Schlange vor „Menü I“ wurde stetig größer. Das kuriose Gericht hat wohl den gewünschten Effekt erzielt und die Neugierde der Studis geweckt. Rein optisch sah das Känguru auf dem Plastiktablett dennoch nicht viel besser aus, als jede andere Mensamahlzeit. Vielleicht hätte man einfach mal richtige Teller nehmen können, um die Exklusivität des Essens noch mehr hervorzuheben? – Ach, sind ja nur Studenten!

Jedenfalls spaltete das Känguru die Meinungen der Tübinger Konsumenten. Einige waren ganz angetan und freuten sich darüber, ihren Freunden berichten zu können, welch außergewöhnliches Mittagessen sie hatten. Andere verzogen widerum das Gesicht, was nicht zwangsläufig am Fleisch selbst, sondern auch an der Zubereitung gelegen haben könnte. Ob man im drei Sterne Restaurant das Känguru auch unter undefinierbarer brauner Soße versteckt? Aber selbst die Soße macht die Mensa zu einer spektakulären Zutat, indem sie ihr einen originellen Namen verleiht: Teufelssoße. Genial!

Doch beim Känguru allein blieb es nicht. Einige Wochen später wurde auch Strauss zu Gulasch verarbeitet. Ob diese Änderung des Speiseplans eine Reaktion auf das Mensaranking 2010 von UNICUM ist? Schließlich war Tübingen leider nicht unter den ersten zehn besten Mensen Deutschlands. Wer hätte das gedacht? Eine weitere Kränkung war vielleicht, dass die Mensa des Studentenwerks Heildelberg Platz eins abgeräumt hat. Aber wenn dem so sein sollte, ist australisches Fleisch der Garant für eine gute Platzierung im neuen Jahr und sticht die regionale Konkurrenz aus? War das Fleisch, das den Studenten vorgesetzt wurde überhaupt Känguru oder galt es auch hier nur einen Namen zu erfinden?

Wie lautet ein bekanntes Sprichwort doch so schön: „Tischler bleib bei deinen Leisten!“ Statt originelle Zutaten auf den Plan zu stellen, reicht uns Studenten schon eine ganz einfache, GENIEßBARE, warme Mahlzeit! Trotzdem muss man klarstellen, dass niemand etwas gegen Abwechslung hat. Reicht man aber zu dem ausgefallenen Kängurufleisch Spätzle und gemischten Salat, war es das auch schon wieder mit der Abwechslung. Den größten Gefallen würde man dem studentischen Klientel aber schon tun, wenn man eines gewährleisten kann: Gut schmecken soll‘s! Danke.

A Nightmare on Erstifahrt

Es geht in die Schwäbische Alb oder bis in den Schwarzwald. Doch die Landschaft ist nur Kulisse, wenn sich eine Gruppe von Studienanfängern zur Erstifahrt einfindet.

von Hendrik Rohling

Eine abgelegene Hütte irgendwo im Ländle, ein Wochenende zwischen den letzten sonnigen Tagen und einbrechender Kälte. Nach und nach treffen die Erstsemestler ein. Die Zutaten für Chili con Carne oder Käsespätzle, sowie ausreichende Mengen an Bier und Wein hat die Fachschaft bereits eingekauft. Erste Kennenlernspiele werden begonnen: Es wird „Psychiater!“ gerufen oder man richtet vermeintliche Werwölfe hin. Alles ganz entspannt.

Doch langsam dreht sich die harmlose Atmosphäre, wenn einzelne Studienanfänger unter zunehmender Einwirkung von Alkohol ihr wahres Ich nicht mehr verbergen können. Ein Mörderspiel deutet bereits auf das Grauen voraus: Auf listige Weise bringen sich anfangs unschuldig erscheinende Erstis mit Kruzifixen, Wandgemälden oder Klobürsten gegenseitig um. Theatralisch sinken die Getöteten nieder und performen ihre letzten Atemzüge, bevor sie wieder aufstehen und aus dem Spiel entlassen sind. Und dann? Ein Spiel, das auf beängstigende Weise ausartet? Jemand, der nicht mehr aufsteht? Eine echte Leiche? Ein wirklicher Mord? In einem Horrorfilm wäre das zwingend für eine gescheite Handlungsführung. Inzwischen wäre die Hütte auch plötzlich eingeschneit und von der Außenwelt völlig abgeschnitten. Weitere Morde würden folgen. Und der Mörder? Jeder könnte der Mörder sein…

Ansonsten geht es auf den Erstifahrten jedoch ganz beschaulich zu. Was sollte man auch anderes erwarten, wenn Schwaben und Wahlschwaben an einem Wochenende im Herbst in einer gemütlichen Hütte irgendwo im schönen Ländle zusammentreffen, um sich kennenzulernen. Übermüdung und Alkoholintoxikation, auch „Kater“ genannt, kommen vor, enden allerdings in der Regel nicht tödlich. Ein scheinbar unspektakuläres Szenarium also und kein Stoff für einen Horrorfilm?

Ein wenig Dramatik dürfen wir schon erwarten. Oscarverdächtig wäre es wohl kaum, wenn sich die Interaktion der Figuren in Fragen erschöpft wie: Woher kommst du? Was ist dein Zweitfach? Bachelor oder Lehramt? Trotz mäßiger Dialoge und oberflächlicher Figurenzeichnung geben wir aber nicht auf. Schließlich hat es Roland Emmerich auch nach Hollywood geschafft. Zum Glück können wir dem Plot unseres vermeintlichen Blockbusters noch ein wenig Würze verleihen durch die fachspezifische Note, die jedem Erstiausflug eigen ist: Neustudierende am Brechtbau zum Beispiel werden von einer Fachschaft überrascht, die jenseits der 13 Kästen Bier und 7 Fässer Wein ein Programm anzubieten hat: In verschiedenen Workshops erhalten die Erstis Einblicke in die Fachschaftsarbeit, die Hochschulpolitik oder die Tübinger Kneipenkultur. Angehende Mathematiker hingegen legen mit Gabeln merkwürdige Figuren und lassen Uneingeweihte über den nicht vorhandenen Sinn rätseln. Philosophiestudenten versuchen sich in ihrem Halbwissen über Nietzsche oder Platon gegenseitig zu überbieten, beruhigen sich aber schnell nach überhitzten Debatten und machen gemeinsam Musik.

Doch einen Horrorfilm ergibt das leider nicht. Es sei denn Freddy Krüger hätte sich an unserer Uni immatrikuliert und sich für eine Erstifahrt angemeldet. Ansonsten müssen wir wohl umdisponieren und unseren Stoff an einem anderen Ort suchen. Vielleicht sind im Keller des Rektorats noch ein paar Leichen versteckt.

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