Veni, non vidi, vici

Der Kapitän der Blindenfußball-Nationalmannschaft studiert in Tübingen  

Wie ist es für einen Blinden in Tübingen zu studieren? Wir haben den blinden Studenten Alexander Fangmann (24) nicht nur zur Uni begleitet, sondern auch zum Blindenfußball-Training.
 

 

von Sascha Geldermann

Alexander Fangmann rennt zielsicher auf das Tor zu und spielt den Ball dabei geschickt von einem Fuß zum anderen. Er sieht nichts, aber das Hören reicht ihm. Kurz vor dem Tor schießt er – und das Leder landet fast unhaltbar im Netz. „Ich sollte endlich mal einen halten“, stöhnt Trainer und Torwart Jonas Hallanzy (21), als er den Ball wieder aufs Feld wirft und dieser rasselnd über den Platz rollt. Alexander rennt sofort hinterher. Das Rasseln ist schließlich die wichtigste Orientierung, die der blinde Student auf dem Fußballplatz hat.
 

Und wieder ein Tor für Alexander Fangmann. | Bild: Geldermann

Wären nicht die Augenbinden der Spieler, könnte ein Beobachter nur schwer erkennen, dass hier auf dem Rasenplatz des Sportwissenschaftlichen Instituts Blindenfußball trainiert wird. So sicher bewegen sich Alexander und sein Mitspieler Jörg Fetzer (38) über den Platz. Und auch im Unileben fällt Alexanders Blindheit nicht sofort auf. Der 24-Jährige studiert Allgemeine Sprachwissenschaft und Rhetorik und sitzt in diesem Semester jeden Donnerstag Abend im Seminar „Rhetorik der Wiedervereinigung“. Obwohl schon die Mitte des Semesters erreicht ist, wird ein Kommilitone erst jetzt auf Alexanders Blindheit aufmerksam: „Bist du schon die ganze Zeit in diesem Kurs?“.
 
Wieso sollte Alexander in mitten der anderen Studenten auch auffallen? Viele haben wie er einen Laptop vor sich aufgebaut – nur dass seiner auf einem flachen blauen Gerät steht. Diese sogenannte Braillezeile ist mit dem Laptop verbunden und gibt alle Wörter über kleine Metallstäbchen in Blindenschrift aus. Lesen ist für Alexander also kein Problem, „nur Grafiken kann ich nicht erfassen“, wie er selbst erklärt. Das Tippen klappt auch fehlerfrei. Auf diese Weise kann er alle Texte durcharbeiten, Prüfungen wie jeder andere Student ablegen und auch Referate halten. Bei den Referaten lässt er sich einfach Stichpunkte von seinem Laptop vorgeben. „Also nicht wundern, wenn ich beim Vortragen Kopfhörer trage“, sagt Alexander und fügt schmunzelnd hinzu „ich höre da keine Musik“. 

An diesem Donnerstag wechseln Alexanders Hände schnell zwischen Braillezeile und Tastatur, während er den Seminarstext liest und sich Notizen dazu macht. Ein Referat wird gehalten. Während Alexander die Texte der Dozenten vorab per E-Mail bekommt, kann er das Handout zum Referat nur einstecken, um es später „von einem Zivi der Uni einscannen zu lassen.“ Dennoch hört Alexander aufmerksam zu, als die Referenten über Demonstrationen in Leipzig reden. Es ist still in dem Seminarraum des Brechtbaus. Plötzlich piept Alexanders Laptop. Ein Neustart ist erforderlich. „Ich benutze für die Braillezeile und die Sprachausgabe momentan nämlich noch Demosoftware“, erklärt Alexander. Seine alte Sofwarte läuft mit Vista nicht und jedes Update kostet 200 Euro, deren Bewilligung durch die Krankenkasse noch aussteht.

So muss Alexander seinen Laptop alle 40 Minuten neu starten- und das obwohl er ihn ständig braucht. Nicht nur für das Studium, sondern auch für seine Arbeit als AstA-Referent, bei der er sich um Behinderte und chronisch kranke Studenten kümmert. Vor allem blinden Studieninteressierten kann er die Universität Tübingen nur empfehlen: „Gerade die Wilhelmstraße ist schön linear aufgebaut. Da kann man sich gut zurechtfinden.“ 
 

Blindenfußball hat viele Besonderheiten

Den Laptop nutzt Alexander aber auch, um im Internet zu surfen. Hier hat er auf einer englischen Website 2006 auch zum ersten Mal von Blindenfußball gelesen und daraufhin selbst beim Unisport vorgeschlagen, ein Training dafür anzubieten. So hat erst Jule Hallanzy die blinden Studenten trainiert, bis im letzten Jahr ihr Bruder Jonas diese freiwillige Aufgabe übernommen hat. Bei dem Training in Tübingen geht es aber hauptsächlich um Spaß. Dementsprechend ist die Atmosphäre auch locker und nach dem Training „sitzen wir gerne noch gemütlich beisammen und reden“, wie Jonas sagt.

Doch sowohl Alexander als auch sein Mitspieler Jörg, Gründer der studiVZ-Gruppe „veni, non vidi, vici!“, spielen auch für den „MTV Stuttgart“. Im letzten Jahr sind sie mit dieser Mannschaft deutscher Vizemeister geworden und in diesem Jahr konnten sie sich sogar vor Marburg, Köln und Dortmund an die Tabellenspitze setzen und die deutsche Meisterschaft holen. Diese großen Meisterschaftsspiele haben eigentlich nichts mit Training auf dem abschüssigen Rasenplatz gemeinsam als die Augenbinden der Spieler und dem Rasseln des Balls.

Bei Turnieren spielt Alexander nämlich auf Handballfeldern, bei denen „Banden verhindern, dass der Ball einfach ins Aus geht“, wie er beschreibt. Hier stehen pro Mannschaft vier Feldspieler auf dem Platz, während der sehende Torwart nur zwei Meter aus dem Tor heraus darf. Die Spieler hören auf das Rasseln des Balls und rufen „Voy“ bevor sie einen Gegner angreifen. Das ist das spanische Wort für „Ich komme!“ und dient der Fairness. „Geht ein Spieler in den Zweikampf, ohne dieses Wort zu rufen, zählt das als Faul“, führt Alexander weiter aus. 

Guides an der Mittellinie und hinter dem Tor unterstützen die Spieler. Sie rufen ihnen unter anderem die Entfernung bis zum Tor zu. Hier in Tübingen übernimmt das Jonas, der beim Trainieren der Torschüsse vor jedem Schuss gegen die beiden Pfosten haut, damit die Spieler das Tor besser orten können. Alexander ist seit seinem achten Lebensjahr blind: „Wahrscheinlich durch einen Infekt, der sich auf die Netzhaut ausgeweitet hat.“ In den letzten 16 Jahren hat er sich daran gewöhnt, ohne Augenlicht auszukommen und sich auf seine Ohren zu verlassen. Das Rasseln des Balls und das Schlagen gegen die Pfosten genügen ihm, um Jonas abermals alt aussehen zu lassen. Dem Torwart helfen auch seine Augen nicht, als der Ball an ihm vorbei fliegt.

Wer Blindheit immer mit Hilflosigkeit verbunden hat, wird von Alexander eines Besseren belehrt. Sein Studium macht ihm keine Probleme und beim Blindenfußball hat er schon viel erreicht. Schließlich ist er seit 2007 der Kapitän der Nationalmannschaft. Direkt im ersten Jahr als Kapitän stand Alexander auch schon in Athen auf dem Fußballplatz und kämpfte um den EM-Titel. Dass die deutsche Mannschaft damals den siebten und damit letzten Platz belegt hat, findet er nicht schlimm: „Schließlich waren wir zum ersten Mal dabei.“ Bei der diesjährigen EM in Frankreich will er aber besser abschneiden, zumal die beiden besten Mannschaften auch zur WM zugelassen werden. Und als Alexander beim Training auf dem Tübinger Rasenplatz schon wieder einen Ball im Tor versenkt, wirkt dieses Ziel wahrlich nicht unerreichbar.


 

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