Die soziale Hierarchie-Etablierung

KRAWALL UND REMMIDEMMI BEIM TÜBINGER BILDUNGSSTREIK 2009

Vom 15. bis zum 19. Juni diesen Jahres fand der Tübinger Bildungsstreik 2009 statt. Schüler und Studierende übten Kritik an Defiziten und sozialen Ungerechtigkeiten des Bildungssystems. Gipfel der Aktionswoche war eine Demonstration am Mittwochvormittag.

Von Greta Gramberg



Kaffee in der Linken, Zigarette in der Rechten und ein sonniges Plätzchen auf der Treppe am Eingangsportal – der 17. Juni schien ein vollkommen gewöhnlicher Mittwochmorgen für einen Studenten vor der Tübinger Neuen Aula zu sein. Völlig gewöhnlich bis sich der Platz um den Brunnen von einer Minute auf die nächste zu füllen begann und eine riesige Menge junger Menschen die Wilhelmstraße blockierte. Die Überdachungen der Bushaltestellen wurden plötzlich von brüllenden jungen Männern frequentiert und man fand sich in einem Urwald von Plakaten wieder. Diese bemerkenswerte Szene wurde begleitet von Farin Urlaubs Stimme, die die Frage schmetterte: „Junge, warum hast Du nichts gelernt?“ Die Antwort gab erfreulicherweise ein Plakat mit der Aufschrift „Bildung? Hätt’ ich auch gern!“

„Bildung? Hätt’ ich auch gern!“

Wir gehen natürlich rein hypothetisch von einem unwissenden Studenten aus. In der Realität dürfte höchstwahrscheinlich jeder Tübinger Studi über den Bildungsstreik informiert gewesen sein. Die lang angekündigte Demonstration begann am 17. Juni um 8.30 Uhr am Hauptbahnhof und endete um 12.30 Uhr auf dem Holzmarkt. Der Startschuss der Aktionswoche stellte das Ract! Festival am Wochenende zuvor dar. Auf ihm fanden zwei Workshops zur Erarbeitung und Ausformulierung der Forderungen statt. Highlights waren 68er-Aktionen wie die Rektoratsbesetzung am Dienstagnachmittag und ein Sitzstreik am Schimpfeck. Außerdem wurden eine Diskussion in der Neuen Aula mit Rektor Engler sowie Vorträge am Demonstrationstag selbst organisiert. Ziel der Veranstaltungen war es, ein Forum für die Kritik am aktuellen Schul- und Hochschulsystem zu bieten.

Organisator der Aktionswoche ist das Bündnis für einen Tübinger Bildungsstreik, dessen Aktivisten am Demotag leicht an den quietschgelben Bildungsstreik-Shirts zu erkennen waren. Es besteht unter anderem aus etwa 40 Mitgliedern der Fachschaftsvollversammlung, der Freien SchülerInnen Organisation sowie der Hochschulgruppe [‚solid].SDS.

Hauptforderung von studentischer Seite war die Abschaffung der Studiengebühren, durch die Menschen aus bildungsfernen Schichten zusätzlich abgeschreckt würden. „Bildung und Studium dient nicht nur dem Einzelnen, denn man braucht mündige Staatsbürger. Bildung hat unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit ein Existenzrechtrecht“, sagt Fabian Everding von der [‚solid].SDS Hochschulgruppe. Ein weiterer Kritikpunkt liegt beim Filterungsprozess bei der Zulassung für Masterstudiengänge. Momentan bekommen nur 30 Prozent der Bachelor-Absolventen die Möglichkeit zum weiterführenden Studium. „Das ist hochgradig problematisch, weil der Bachelor aus der Sicht mancher kein vollständiger Studienabschluss ist“, erklärt Everding. Dadurch steige der Konkurrenzdruck unter den Studierenden und deren Zukunftsangst. Der 27-Jährige hält es für eine „krasse Selektion und Ungerechtigkeit, dass nach Marktkriterien gedacht wird.“ Florian Wolf, Mitglied der Fachschaftsvollversammlung, sieht im Selektionsprozess des Bildungssystems gar eine „soziale Hierarchie-Etablierung“. Das dreigliedrige Schulsystem diene als Vorsortierung.

„Soziale Hierarchie-Etablierung“

Wenige Tage später kann das Bildungsstreikbündnis kurzfristige Erfolge verbuchen: Unirektor Bernd Engler ging auf einige der Forderungen ein – die tatsächliche Umsetzung muss abgewartet werden. Konsens bestand beim Abbau von Zulassungsbeschränkungen, der unbeschränkten Anzahl von Masterstudienplätzen und einer Abkehr vom Bachelor als Regelabschluss. Der Verschulung des Hochschulbetriebs werde momentan schon durch die Erweiterung der Bachelor-Regelstudienzeit auf acht Semester entgegengewirkt. Auf die anderen Forderungen, unter anderem nach Abschaffung der Studiengebühren und der Regelstudienzeit, ging Engler allerdings nicht ein.

Im Wahljahr 2009 hofft das Bündnis auf noch mehr Resonanz auf höchster Ebene. Die Parteien sollen dazu gezwungen werden, sich zu diesem Thema zu verorten. „Wir möchten die Bildungsgerechtigkeit präsent halten. Das bringt nicht nur für Tübingen Vorteile“, so Fabian Everding.


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