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Spielwiese und Sprungbrett

Ein Blick hinter die Kulissen des Brechtbautheaters

Die Kupferblau schaut einer Theatergruppe des Brechtbaus über die Schultern

von Hendrik Rohling 

 

 

„Komm mal her, Evchen!“ befiehlt Dorfrichter Adam mit einer Zeigefingerbewegung. Evchen jedoch möchte nicht herkommen und versucht ihn erfolglos mit den Worten „Lassen Sie mich!“ abzuweisen. Es ist 19.30 Uhr. Wir befinden uns im Keller des Brechtbaus vor der hauseigenen Druckerei. Die Gruppe „Ars Bene Agendi“ probt eine modernisierte Fassung von Kleists „Der zerbrochne Krug“, die Mitte Juli im Brechtbautheater aufgeführt werden soll.

Auf einem Tisch an der Wand mit dem Skript in den Händen sitzen Daniel Michalos und Ansgar Höckh, die bei dieser Inszenierung gemeinsam Regie führen. Sie erklären die Situation der einzelnen Szenen, markieren die Raumaufteilung mit Kreppstreifen auf dem Boden, nehmen kleinere Korrekturen im Script vor oder übernehmen provisorisch die Rollen von nicht anwesenden Schauspielern. „Das bisschen Adam“, meint Daniel ironisch und springt für die Rolle des Dorfrichters ein, bis Oliver Schröder erscheint, der eigentlich für die Technik verantwortlich ist, aber gleich die Rolle übernehmen darf.

„Das Brechtbautheater ist eine echte Spielwiese. Man kann sich hier ausprobieren“, meint Ansgar, der sich hier seit etwa zehn Jahren als Schauspieler und Regisseur engagiert. „Als Regisseur ist man hier aber nicht nur für die Regie verantwortlich, sondern für die Gesamtorganisation, einschließlich der Auswahl des Stückes, der Suche nach passenden Schauspielern, Bühnenbild, Werbung und Musik. Es ist Projektmanagement auf hoher Ebene.“

Das Brechtbautheater, an dem heute in der Regel jede Woche des Semesters ein Stück aufgeführt wird, existiert schon seit über 30 Jahren. Es wurde allerdings  schon Theater im Brechtbau gespielt, bevor man den mit Holz verkleideten Theaterwürfel, der maximal 99 Plätze fasst, errichtete. Wo dieser steht, war früher die Garderobe des Hauses. Alles, was die Einrichtung des Theaterraums betrifft, einschließlich der Beleuchtungs- und Soundtechnik, wurde selbst durch Einnahmen der Theaterproduktionen finanziert und in Eigenleistung installiert. Zusätzlich wurde das Brechtbauhausfest eigens zur finanziellen Unterstützung des Theaters ins Leben gerufen.

Derzeitig gibt es acht verschiedene Gruppen, die am Brechtbautheater spielen. Darunter sind vier deutsche, zwei englische, eine spanische und eine russische. Lediglich die spanische Gruppe wird von einem Dozenten geleitet. Ansonsten wird alles selbstständig von Studenten organisiert und gespielt. „Das Brechtbautheater ist völlig studentisch. Das bedeutet, dass man rein kommt, wenn man sich an die Leute wendet“, erklärt Ansgar. Er rät: „Man sollte gleich am Anfang des Semesters herkommen und nicht aufgeben.“

„Ich habe durch einen Bekannten von der anglo-irischen Theatergruppe erfahren, dass Leute gesucht werden“, erklärt Kate Stier, die im zerbrochnen Krug die Schwester von Ruprecht spielt. Für sie bedeutet die Darstellung einen Neueinstieg in die Schauspielerei, nachdem sie früher schon am LTT gespielt hat. Von der Inszenierung ist sie begeistert. „Das Stück wird in die Moderne gehoben und umgesetzt als Richtershow à la Babara Salesch“, erklärt sie.

Das spielerische Ausprobieren steht am Brechtbautheater im Vordergrund. Es ist allerdings auch ein Karrieresprungbrett. Einige Schauspieler, Regisseure und Techniker haben es geschafft: Einst waren sie in ihrer Freizeit am Brechtbautheater tätig, nun haben sie ihr Hobby zum Beruf gemacht. Auch Ansgar und Daniel wollen den Sprung wagen. Im September beginnen beide in London ein Masterstudium im Bereich der Theater- oder Filmregie.

 

Die Brechtbautheatergruppen

Anglo-Irish Theatre Group, Ars Bene Agendi, Die Zuwiderstehlichen, Kaprizy Tjubingenskogo Universiteta, Los Titiriteros, Provisional Players, Spielwut, Wir Boni

Kontakt über  http://www.brechtbautheater.de/  (da findet man auch weitere Links zu den einzelnen Gruppen) oder mittwochs 17 Uhr: jour fixe im Brechtbautheater

 

 


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