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Die DHM Karate wurden 2009 in Tübingen ausgetragen
Die „Deutschen Hochschulmeisterschaften Karate 2009“ führten am 16. Mai studentische Kämpfer aus ganz Deutschland in die Sporthalle des sportwissenschaftlichen Instituts. Nach den Vorrunden, begannen um 19 Uhr die Finalkämpfe, in denen die 154 Karateka um den Sieg in den Disziplinen Kumite und Kata kämpften.
von Sascha Geldermann
Noch zehn Sekunden dauert der Finalkampf. Lydia Holler liegt nur einen Punkt zurück. Die 19-Jährige gibt noch einmal alles. Ihre Faust schnellt auf ihre Gegnerin zu. Doch diese weicht aus, kontert selbst mit einem Schlag und holt sich noch einen weiteren Punkt. Noch fünf Sekunden. Lydia sieht hilflos aus. „Du hast doch Füße“, ruft ihr eine Freundin aus dem Publikum zu. Und dann kommt Lydias Fuß. Ohne Vorwarnung fliegt er auf den Kopf ihrer Gegnerin zu, trifft, bringt Lydia drei Punkte ein und damit den knappsten Sieg der gesamten „DHM Karate 2009“.
„Ich weiß gar nicht, wo mein Fuß auf einmal herkam“, bringt Lydia nach dem Kampf völlig außer Atem hervor. Die Studentin aus Leipzig sieht erschöpft aus, aber auch überglücklich. Schließlich ist sie gerade die Deutsche Hochschulmeisterin im Kumite der Frauen geworden. Also in der Disziplin, in der sich zwei Kämpfer mit Stoß-, Schlag- und Tritttechniken treffen müssen, um Punkte zu bekommen. Wie erklärt sich Lydia ihren Sieg? Die Antwort kommt erst nach langem Luftholen: „Ich habe einfach alles irgendwie versucht.“
Doch so einfach wie es bei ihr klingt ist Karate nicht. Kampfrichter Marcel Glienke (31) nennt viele Kriterien, die erfüllt werden müssen, um einen Punkt zu bekommen: Die Haltung muss stimmen, das Timing passen und vor allem Konzentration gezeigt werden. „Wer sich nach einem gelandeten Treffer wegdreht oder auf eine andere Weise unkonzentriert wirkt, bekommt keinen Punkt“, erklärt Glienke und fügt nach einer bedeutungsschaffenden Pause hinzu: „selbst wenn er sonst alles richtig gemacht hat.“

Beim Kumite geht es hart zur Sache - aber auch fair. | Bild: Geldermann
Konzentration ist also ein Grundpfeiler des Karatesports. Noch wichtiger als beim Kumite ist sie sogar noch beim Kata. Hier führen die Sportler nämlich genau festgelegte Angriffs- und Abwehrtechniken gegen mehrere imaginäre Gegner aus. Bei Susnica Milutin wird die Konzentration besonders auf die Probe gestellt. Während er schnelle Schlag- und Tritttechniken demonstriert, ist es totenstill in der Halle. Plötzlich fängt ein Handy an zu klingeln, eine Zuschauerin kramt hektisch in ihrer Tasche, ein Lachen geht durch die Menge. Dieses Klingeln hätte gar nicht unpassender sein können - doch Susnica verzieht keine Miene. Ruhig führt er seine Techniken zu Ende, wirft sich auf den Boden und beendet seine Vorführung mit einem spektakulären Sprung, um letztendlich Deutscher Hochschulmeister im Kata der Männer zu werden.
Vielleicht hat er das Klingeln gar nicht gehört. Denn „beim Kata ist man so konzentriert, dass man von den Zuschauern gar nichts mehr mitbekommt“, erklären Stefanie Weißenberger (21), Tanja Schubert (24) und Sonja Ulmer (21). Und die drei Studentinnen müssen es wissen. Schließlich haben sie im Team Kata gemeinsam den zweiten Platz für Tübingen geholt. Jetzt beobachten sie die anderen Finalkämpfe und sind „einfach nur glücklich“ über ihren Sieg.
„Karate beginnt und endet mit gegenseitigem Respekt.“
Neben Konzentration ist aber auch Respekt wichtig. Das ist nicht nur an den Verbeugungen aller Kämpfer zu sehen, sondern wird auch immer wieder von Wolfgang Weigert (55) betont, der Vize-Präsident des Deutsches Karate Verbandes ist. Er fasst das so zusammen: „Karate beginnt und endet mit gegenseitigem Respekt.“ Und dabei sieht er so aus, als hätte er diesen Grundsatz in den 40 Jahren, in denen er diesen Sport schon betrieben hat, förmlich in sich aufgesogen. Denn so wie er hier elegant gekleidet im Ehrengastbereich steht und Sekt trinkt, sieht er nicht überheblich aus – strahlt aber Autorität aus.
Und dann fängt Weigert wieder an, von seiner Lieblingstugend zu reden: „Hätten alle Menschen so viel Respekt voneinander, wie die Karateka, dann gäbe es in unsere Gesellschaft keine Probleme.“ Er hält kurz inne und wechselt zum ersten Mal das Thema, um die hervorragende Organisation der DHM zu loben. Denn weder in der Vorbereitung noch jetzt habe es Probleme gegeben. Das bestätigt auch Ingrid Arzberger (42), die sich als Leiterin des Hochschulsports besonders darüber freut: „Schließlich hätte ich den Kopf dafür hinhalten müssen, wenn etwas nicht richtig gelaufen wäre.“
Die einwandfreie Organisation ist hauptsächlich Studenten zu verdanken, die im Rahmen des Seminars „Sport konzipieren, organisieren und evaluieren“ die „DHM Karate“ vorbereitet und auch heute alle Hände voll zu tun haben. Die Medien wollen mit Infos versorgt werden, die Zuschauer mit Kuchen und die Kinder mit Unterhaltung. Daher führt Ria Eitel (21) draußen auf dem sonnigen Rasenplatz Marko (6) und Luka (9) durch zehn Stationen. Nachdem die beiden Jungen auf Balken balanciert, japanische Schriftzeichen gemalt und Lufttritte ausgeteilt haben, bewerten sie das Kinderprogramm so: „Das hat einfach nur Spaß gemacht“.

„Capoeira ist die Kunst, Kampf zu tanzen“. | Bild: Geldermann
„Spaß“ gibt auch Bernarda Bilic (29) als Grund dafür an, warum sie seit über 20 Jahren von Karate besessen ist. Heute haben sich die zwei Jahrzehnte Training ausgezahlt, denn Bernarda erkämpfte sich den Sieg im Kumite der Frauen in der Gewichtsklasse unter 61kg. Und auch für Professora Ricki ist „Spaß“ einer der wichtigsten Anreize. Die 27-Jährige, die eigentlich Ulrike Arsenic heißt, kämpft allerdings nicht auf der DHM mit, sondern sorgt kurz vor der Siegerehrung um 21 Uhr mit ihrer Capoeira-Gruppe „Quilombolas de Luz“ für eine kämpferische Showeinlage.
„Capoeira ist die Kunst, Kampf zu tanzen“, beschreibt Professora Ricki den brasilianischen Tanz. Dabei steht die Gruppe in einem Halbkreis, trommelt im Einklang und singt beschwörend. Immer wieder lösen sich zwei Sänger aus der Gruppe, um sich tänzerisch zu bekämpfen. Arme und Beine der Tänzer fliegen so knapp aneinander vorbei, wie es nur langes Training möglich machen kann. „Die große Schwierigkeit ist es, gleichzeitig auf den Text, auf die Musik und auf den Gegner zu achten“, erklärt Professora Ricki, die selbst aus Brasilien kommt und schon seit ihrer Kindheit von Capoeira fasziniert ist. Und dann fügt sie hinzu: „Dabei ist Konzentration enorm wichtig.“
Konzentration, Spaß, Respekt – diese drei Worte hallen am 16. Mai immer und immer wieder durch die Sporthalle. Kein Kämpfer, der nicht zumindest einen dieser Begriffe nennt. Doch was davon macht Karate denn nun wirklich aus? Lydia Holler fasst das nach ihrem knappen Finalsieg so zusammen: „Das Tolle an Karate ist, dass einfach alles zusammenkommt.“
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