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Burschis, Bier und wenig Bürger

Die Verbindungen suchen den Dialog 
 

Am 16. Mai luden Burschenschaften in Tübingen zum Bürgerfrühschoppen – als Ersatz für das in diesem Jahr ausgefallende Maieinsingen. 

 

von Sascha Geldermann, Marie Kaiser, und Sebastian Milpetz
 

Es ist der erste warme Sonntag im Jahr. Der blaue Himmel strahlt über der Burse am Hölderlinturm. Alle Bierbänke sind besetzt, die freiwillige Feuerwehr serviert Bratwürste und Bier. Eine rotgekleidete Blaskapelle hebt an – und wird prompt von schrillen Pfeifen übertönt. Denn linke Demonstranten haben sich den Burschenschaften gegenüber auf den Treppen der Burse versammelt. Hier sitzen sie und überwachen erhöht das Geschehen.

Die Burschenschaften hätten allerdings mit mehr Protest gerechnet. Auch Oberbürgermeister Boris Palmer hatte Angst, bei seiner Gastrede die „eine oder andere Tomate“ abzubekommen. Es sind längst nicht so viele Demonstranten gekommen wie beim Maieinsingen der vergangenen Jahre. Dieses ist in diesem Jahr ausgefallen, „um den Polizisten zu ersparen, zu Hundertschaften auszurücken“, wie Palmer erklärt. Heute sind nur wenige Polizisten in Zivil präsent, dafür fordert aber das Ordnungsamt schon eifrig die Personalien der Demonstranten ein.


Vor der Burse versammelten sich Burschis und Demonstranten. | Bild: Geldermann

Die Begrüßungsrede Palmers stößt bei den Burschenschaften auf Zustimmung. Die Demonstranten sind allerdings eher enttäuscht: „Palmer hat sich nicht stark genug von den Verbindungen distanziert und hätte mehr Kritik äußern müssen.“ Einige Kritikpunkte spricht der Bürgermeister aber ganz offen an und nimmt dabei auch die Zwischenrufe der Demonstranten auf. So fordert er von den Burschenschaften eine klarere Abgrenzung vom rechten Gedankengut. „Ich bin Ausländer“, schallt es da aus den Reihen der alten Herren, was mit allgemeinem Gelächter quittiert wird.

Die Demonstranten werfen den Burschenschaften außerdem die Ausgrenzung von Frauen vor. Palmer geht darauf in seiner Rede sofort ein: „Das ist vom Grundgesetzt her aber auch nicht verboten…“ - „…aber scheiße!“, tönt es von der Treppe. 

Nach der Rede betont Palmer noch einmal, dass Burschenschaften und Bürger in Dialog miteinander treten sollen. Genau das war ja eigentlich auch der Sinn der Bürgerfrühschoppens. In dieser Hinsicht ist Dr. Max Gögler, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises Tübinger Verbindungen, aber enttäuscht: „Ich freue mich über die Beteiligung der Burschenschaften, aber es könnten mehr Bürger da sein.“

Diese sind wirklich nur spärlich erschienen. Auf den Bierbänken drängen sich fast nur Männer mit den Mützen und Schärpen der Tübinger Burschenschaften. Heike Hänsel, Bundestagsabgeordnete der Linken, fasst das folgendermaßen zusammen: „Das ist kein Bürgerfest, sondern ein Burschenschaftsfest.“ Während der Bürgermeister dazu keine klare Position bezieht, zeigen die Demonstranten natürlich Freude darüber. Für Heike Hänsel ist dies ein klares Zeichen dafür, dass die Burschenschaften „überflüssig“ sind. Diskussionen mit ihnen habe sie schon oft erfolglos geführt.

Auch die meisten Burschenschaftler wissen selbst nicht genau, wie sie den Dialog mit den Bürgern herstellen können. Eine kleine Gruppe am Grillstand drückt das so aus: „Wir sind hier einfach spontan hingekommen und trinken ein bisschen Bier.“ 

Es gibt jedoch auch Ausnahmen. Mit Paul Masanobu Wakai von der Burschenschaft Normannia ist der Dialog nämlich möglich: „Die Verbindungen brauchen eine kritische Öffentlichkeit.“ Außerdem fordert er eine ganz deutliche Distanzierung der Verbindungen von der rechten Szene. Er würde sich den Dialog mit den Bürgern wünschen, aber hält den Frühschoppen dafür wenig geeignet: „Das bestärkt nur das Vorurteil, dass Burschenschaften nur Besäufnisse organisieren können.“  


 

 
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