Artikel
SoSe2009
Als Maria Gott erfand | Als Maria Gott erfand |
|
Die alternative Heilsgeschichte Von Greta Gramberg Maria ist weiß Gott keine Jungfrau, als sie Jesus zur Welt bringt. Ihr werter Gatte Josef ist ja ein warmer Bruder. Aus lauter Verzweiflung stürzt sich die frisch Vermählte in die Arme des smarten Wanderpredigers Johannes - der Täufer – und lässt sich von ihm schwängern. Doch ihr Ehebruch darf im altmodischen Nazareth nie an die Öffentlichkeit gelangen, sonst droht ihr der Tod durch Steinigung. Josefs Homosexualität ist ebenso wenig gern gesehen. In ihrer gegenseitigen Abhängigkeit werden die beiden einst Entzweiten zu Verbündeten – und erfinden die Geschichte ihres Lebens… „Ziemlich verwirrende Beziehungskiste“ würde manch einer sagen und dabei an die platte, vorhersehbare Handlung einer Telenovela denken. Der offensichtlich religiöse Stoff macht die Situation jedoch etwas interessanter, aber auch heikel. Eine Art alternative Heilsgeschichte erzählt uns Jürgen Wertheimer mit seinem Roman Als Maria Gott erfand und kassiert im Gegenzug harsche Kritik ein. „Blasphemie“ schreien die einen, den „Sex-Autor“ beschimpft ein anderer. Der Verfasser - seit 1991 Professor für Literaturwissenschaft und Komparatistik in Tübingen - versteht die Aufregung um sein Werk und seine Person nicht. Für Jürgen Wertheimer stellt sich die Frage der theologischen Wahrheit und Unwahrheit eben nicht. „Der Roman ist eine ausgestaltete Geschichte“, sagt er und diese sei nun mal nicht unwahrscheinlicher als alle anderen publizierten oder unterschlagenen Testamente. Und laut Nachwort wissen auch „die professionellen Betreiber der Religionsanstalten … in Wirklichkeit gar nichts“. Wertheimers Maria ist keine ätherische Heilige. Sie ist der Mittelpunkt eines Jesus-Christ-Superstarwahns, den sie selbst entfacht und der ihrer Kontrolle entgleitet. Maria ist Frau, sie hat Bedürfnisse, sie hat etwas zu sagen – und fordert das alles ein. Die himmlische, unnahbare und unmenschliche Madonna – dagegen möchte der Autor protestieren. „Maria hat nur das Recht, als Mutter in der Gegend herumzustehen“, sagt er und spricht von einer „Zwangssterilisierung“. Darum gibt er ihr auch das Recht, ihre Sexualität auszuleben. Verglichen mit seinem biblischen Pendant sorgt auch der Messias für Überraschung. Von Kindesbeinen an in dem Bewusstsein zu leben, dass man der Gottessohn ist, hinterlässt Spuren. Jesus kann sich nicht immer in die Rolle fügen, die ihm seine Mutter auf den Leib geschrieben hatte. Nach einer turbulenten Kindheit, in der er durch seinen Narzissmus auffällt, flüchtet er in ein buddhistisches Kloster und kehrt als reiferer Heiland zurück. Dieser Heiland ist jedoch alles andere als eine ideologische Figur. Er hat kein ersichtliches Ziel und bietet keine Identifikationsmöglichkeiten sondern nur Projektionsfläche für Andere. Der Messias bleibt eine weiße Wand. Seine Figuren seien so ambivalent wie wir alle, so Wertheimer und „müssen sich entwickeln dürfen“. Neben diesem menschlich-persönlichen Interesse an Maria hat der Universitätsprofessor allerdings noch eine politische Intention: Er möchte kritisch darauf aufmerksam machen, dass Religion ein „gewaltiger Schwamm aus Macht“ ist. Nur mit Mitteln der Fiktion, der Erzählung, der Legenden und Mythen, aber auch der Drohung greife die Kirche „massiv in intimste Bereiche des Individuums ein“ und das sei nicht in Ordnung. Selbst in Zeiten, in denen für Kirchenvertreter „sogar der Holocaust eine Interpretationssache ist“ findet Als Maria Gott erfand kaum ein Forum, um dieses Problem zu kommunizieren. Es gab bisher nur zwei Lesungen in Tübingen. Den umliegenden konservativen Gemeinden und Buchhandlungen sei das Thema zu heikel. Und das obwohl Herr Wertheimer im Nachwort „auf den Beistand der heiligen Jungfrau“ hofft.
Powered by !JoomlaComment 3.26
3.26 Copyright (C) 2008 Compojoom.com / Copyright (C) 2007 Alain Georgette / Copyright (C) 2006 Frantisek Hliva. All rights reserved." |
|||||||
| < zurück | weiter > |
|---|
