Wo allein nicht einsam ist

Die Quarantäne schlägt den meisten mehr oder weniger stark auf das Gemüt. Kein Ausgehen, Bummeln, Shoppen oder mit Freunden und Kollegen was trinken gehen – wo bleibt da das eigentliche Leben? Es gibt jedoch solche, die mit der Krise an sich kein Problem haben.

Während andere mit dem Schicksal hadern, ihre Freiheit eingeschränkt zu sehen, sind manche insgeheim recht zufrieden mit der Situation: Die Introvertierten, die Stubenhocker. Es kann ein ungemein großer Druck sein, in einer Gesellschaft funktionieren zu müssen, wenn man am liebsten gar nicht erst das Haus verlassen möchte. Der Druck, Leistung zu bringen und sich unter Menschen zu zeigen, um einer Betätigung nachzugehen oder sozialen Standards gerecht zu werden, fällt plötzlich weg. Auf einmal ist es völlig in Ordnung, ja sogar erwünscht, daheim zu bleiben und möglichst wenige Kontakte zu hegen.

Es ist ein Teufelskreis, der im Hinterkopf bohrt und nagt wie ein tief unter den Dielen versteckter, hyperaktiver Hamster.

Während die Welt im Normalbetrieb lief, war dies ein ständiger Faktor, der jenen auf das Gemüt schlug, die sich von einem Tag in den nächsten in ihre kleine, aber heimelige Komfortzone gemummelt haben. Je länger man so vermeintlich zufrieden vor sich hinvegetiert, desto stärker wird die Last der Aktivitäten und Pflichten, welche auf diese Weise prokrastiniert werden.

Jedes Wochenende eine neue Hürde: „Kommst du mit in die Stadt? Morgen Abend in den Club?“ „Nein, ich bleib heute mal daheim, bin etwas müde, fühl mich nicht so nach rausgehen, aber viel Spaß euch.“

Introverts in quarantine.

Schon eher mein Tempo

All das fällt plötzlich weg. Jetzt geht keiner mehr abends weg. Die Bars haben zu, die Clubs sind dicht. Welch Wonne, welch Wohltat! Kein Druck mehr, rauszugehen. Kein Gefühl mehr, ständig was zu verpassen, nicht dabei gewesen zu sein.

Die Welt bewegt sich auf einmal nicht mehr schneller als man selbst. Schule, Studium und Beruf laufen im Homeoffice und es herrscht ein allgemeines Verständnis dafür, wenn etwas mal nicht so gut funktioniert. „Klar, die Quarantäne macht uns allen zu schaffen.“ Man bejaht ganz zerknirscht, doch hüstelt gedanklich, dass eigentlich fast alles so ist wie immer.

Ein bisschen Gesellschaft bleibt ja noch. Hin und wieder ein kurzer Kontakt beim Einkaufen gehen an der Kasse, ein Zunicken beim Spazierengehen, ein Winken bei Bekannten, bei denen man sowieso nie richtig wusste, ob man sich nun die Hand geben oder umarmen soll und dann das ganze vermischt, sodass daraus am Ende ein undefinierbarer Haufen an Peinlichkeit entsteht, der einen noch Jahre später verfolgt. Am besten um drei Uhr morgens. Nein, steril lautet die Devise, endlich völlig legitim.

Dafür hat man nun voll und ganz die Zeit, sich selbst mal richtig kennen zu lernen. Wer ist eigentlich diese Person, mit der man sein ganzes Leben verbringt? Was interessiert sie? Was denkt sie, wenn nicht ständig etwas auf dem Plan steht? Kann sie sich überhaupt selbst leiden? Wenn nicht, dann ist immerhin noch ein wenig Zeit übrig, sich auch damit auseinanderzusetzen. Ein Seelischer Frühjahrsputz. Einfach mal ordentlich sauber machen, um mit sich ins Reine zu kommen.

Wenn all der triviale Kontakt weg fällt und man nicht mehr von einem Smalltalk zum nächsten springt, kann man sich auch wunderbar auf die Gespräche mit den übrigen, wenigen Leuten konzentrieren. Und dabei möglicherweise sehr viel tiefere Ebenen erreichen.

Jede Krise birgt eine Chance

Der Kontakt mit allen anderen findet nämlich eher online statt: in Zoom, Discord, Skype oder Webex. Da muss man nicht ständig reden. Oder sich Gedanken machen, ob man heute verpennt aussieht, ob die Schminke sitzt, was wohl die anderen von einem halten mögen – man macht einfach die Kamera aus. Problem erledigt.

Auch den Arbeitsweg spart man sich, vor allem die Pendler, die es teilweise doch sehr weit haben. Um sich dann acht Stunden mit Leuten rumzuschlagen, die sie eh nie wirklich leiden konnten. Und dann noch der Rückweg!

Wenn man sowieso am liebsten nur daheim in trauten Gefilden ist, ist allein der Gedanke an diese Distanz ermüdend. Gleich einem Vampir, der einem so lange die Energie absaugt, bis man endlich wieder daheim in sein Bett fallen kann. Und das, obwohl die Batterie schon beim Aufstehen praktisch leer war.

In der Quarantäne sitzt man nahezu den ganzen Tag über auf der Ladestation und wärmt sich den Hintern.

Möglicherweise war es für die Introvertierten unter uns immer schwer, einen Einstieg in das laufende Geschehen einer Gesellschaft zu schaffen, die unglaublich schnelllebig geworden ist. Der Sprung in eine reißende Flut würde so manchen verzagen lassen. In Zeiten der Corona-Krise kann man es daher etwas langsamer angehen. Erstmal mit den Zehen das Wasser prüfen, um dann langsam hineinzuwaten. Wir alle sind verschieden, jeder hat sein eigenes Tempo.

Die Krisenzeiten haben viele Veränderungen gebracht, die den meisten erstmal lästig und unangenehm erschienen. Ein zweiter Blick lohnt sich. Wie so oft ist vieles nur eine Frage der Perspektive.

Fotos: Cedric Kirchhöfer
In Kooperation mit Michelle Pfeiffer.

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