Wer war eigentlich … Elfriede Aulhorn?

Tagtäglich kommen wir an Orten vorbei, die nach historischen Persönlichkeiten benannt wurden. Doch wer waren diese Menschen und was leisteten sie, dass Straßen, Plätze und Denkmäler zu ihren Ehren erbaut wurden? Dieses Mal geht es um eine bemerkenswerte Frau namens Elfriede Aulhorn, die trotz früher Schicksalsschläge die erste Professorin Tübingens wurde. Hier erfahrt ihr, wer sie war und was sie erreicht hat!

Wer schon einmal mit dem Bus  oder ganz sportlich, mit dem Fahrrad den Schnarrenberg zu den Universitätskliniken hochgefahren ist, dem ist der Name Elfriede Aulhorn vielleicht schon begegnet. Zwischen der HNO-Klinik, der Augenklinik und der BG-Klinik führt nämlich die Elfriede-Aulhorn-Straße entlang. Doch wer war diese Frau, nach der nicht nur diese Straße benannt ist, sondern zu deren Ehre auch ein Preis gestiftet wurde?

Von Hannover über Umwege bis nach Tübingen


Elfriede Aulhorn kam am 8. Januar 1923 als Elfriede Andreae in Hannover zur Welt. Nachdem sie die Schule mit dem Abitur abgeschlossen hatte und einen einjährigen Arbeitsdienst abgelegt hatte, begann sie während des zweiten Weltkrieges ihr Medizinstudium an der Universität in Freiburg. Ihrer akademischen Laufbahn konnte sie allerdings nur kurze Zeit folgen. Nach einem Jahr wurde sie zum Kriegsdienst eingezogen und verbrachte die letzten Jahre des Krieges als Sanitäterin. Am Ende des Krieges arbeitet sie in der führenden Position eines Sanitätsfeldwebels im Hamburger Luftschutzbunker.

Elfriede Aulhorn im Jahr 1970. (Quelle: Universitätsarchiv Tübingen, S35/1,446)

Nach Ende des Krieges setzte Elfriede Aulhorn ihr Medizinstudium dann an der Universität in Göttingen fort. Für damalige Verhältnisse war das nicht selbstverständlich. Die Universitäten standen einem Frauenstudium Mitte des 20. Jahrhunderts noch eher skeptisch gegenüber und bevorzugten meist die männlichen Kriegsheimkehrer. Dass Aulhorn trotzdem einen Studienplatz bekam, lag vermutlich an ihrem Arbeits- und Kriegsdienst, den sie zwei Jahre geleistet hatte. An manchen Universitäten galt in diesem Fall eine Ausnahmeregelung, von der vermutlich auch Elfriede Aulhorn profitierte.

Während ihres Studiums lernte sie dann den Physiologen Otfried Aulhorn kennen. 1947 heirateten die Beiden und  kurze Zeit später brachte Elfriede Aulhorn die gemeinsame Tochter Dietlinde zur Welt. Doch eineinhalb Jahre nach der Hochzeit stand sie vor einem Schicksalsschlag: Ihr Mann stirbt an den Folgen seiner Kriegsverletzung. Schon mit 25 Jahren wird die Medizinstudentin alleinerziehende Mutter und Witwe. Eine herausfordernde Situation, früher wie heute. Trotzdem studiert sie weiter und schließt ihr Studium 1950 mit dem Staatsexamen ab. 1952 promoviert Aulhorn dann mit ihrer Arbeit „Über Fixationsbreite und Fixationsfrequenz beim Lesen gerichteter Konturen“ und zieht anschließend mit ihrer Tochter nach Tübingen, um an der Augenklinik eine Ausbildung zur Augenärztin zu beginnen.

Pionierin an der Uni Tübingen


Bei einer Promotion sollte es für Aulhorn allerdings nicht bleiben. Nachdem sie ihre Ausbildung zur Augenärztin abgeschlossen hatte, habilitierte sie 1961 mit einer preisgekrönten Arbeit über „Die Beziehungen zwischen Lichtsinn und Sehschärfe“. Anschließend lehrte sie ab 1962 als Dozentin und ab 1963 als außerordentliche Professorin an der Universität Tübingen. Diese Position zu erreichen, war zu dieser Zeit ein großer Schritt. In den fünfzehn Jahren vor Aulhorns Habilitation gab es in Tübingen nur drei Frauen, die eine Lehrberechtigung erlangten. Keine der drei Frauen erhielt aber tatsächlich eine Professur. Denn während es immer normaler wurde, dass Frauen studierten, waren weibliche Wissenschaftlerinnen noch rar und ungern gesehen. Elfriede Aulhorn war damit die erste lehrende Professorin an der Universität Tübingen und setzte ein Zeichen für weibliche Wissenschaftlerinnen in der Universitätsstadt. Als sie 1970 dann als erste Frau deutschlandweit einen Lehrstuhl im Bereich der Augenheilkunde erhielt, knüpfte sie, vielleicht auch unbewusst, an ihre emanzipatorische Vorreiterrolle an.

1865 eröffnete Albrecht Nagel eine private Augenklinik in der Wilhelmstraße und förderte damit das Fachgebiet der Augenheilkunde. Heute steht die Augenklinik in der Elfriede-Aulhorn-Straße bei den Uni-Kliniken Berg und zählt zu den führenden Zentren der deutschen Hochschulmedizin.

Bis zu ihrer Emeritierung 1988 lehrte sie in Tübingen und leitete die Abteilung Pathologie des Sehens. Sie spezialisiert sich dabei auf Nervenerkrankungen im Zusammenhang mit dem Sehsinn.

Am 4. März 1991 verstarb Elfriede Aulhorn im Alter von 68 Jahren nach schwerer Krankheit in Tübingen. Einige Jahre nach ihrem Tod stiftet die „Gesellschaft zur Förderung der neuroophtalmologischen Forschung e.V.“ zu ihrer Ehre den Elfriede-Aulhorn-Preis. Der Preis fördert WissenschaftlerInnen, die im Bereich der Physiologie und Pathophysiologie des Sehens, sowie der Neuroophthalmologie forschen und arbeiten. Vor allem erinnert er aber an eine Frau, die als alleinerziehende Mutter eine bemerkenswerte und vorbildliche Laufbahn verfolgt hat.

Titelbild: Frederike Streib

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