Wer war eigentlich … Bertolt Brecht?

Tagtäglich kommen wir an Orten vorbei, die nach historischen Persönlichkeiten benannt wurden. Doch wer waren diese Menschen und was leisteten sie, dass Straßen und Plätze nach ihnen benannt und Denkmäler zu ihren Ehren erbaut wurden? Heute begegnet ihr Bertolt Brecht, inoffizieller Namensgeber des Neuphilologikums und Inspirationsquelle für viele Clubhausfestmottos… achso, und für die Veränderung der Welt.

Eigentlich heißt der Brechtbau in der Wilhelmstraße 50 gegenüber der Mensa, in dem Germanisten, Anglisten und andere Neuphilologen sowie Rhetoriker und Medienwissenschaftler studieren, nicht Brechtbau, sondern Neuphilologikum. Aber ein Artikel über die etymologischen, biografischen und historischen Details zum ‚Neuphilologikum‘ wäre schnell abgehandelt: Die ‚neuen Wortliebhaber‘, wie Studierende der Neuphilologie übersetzt heißen, machen sich schließlich den ganzen Tag auch über die alten Wortliebhaber Gedanken (okay, vielleicht auch nur drei Tage die Woche). Einer davon war Bertolt Brecht (1898-1956), dessen Werk und Wirken die Studierenden nach der 68er-Bewegung mit der Bezeichnung „Brechtbau“ ehren wollten. Im Gegensatz zur „Ernst-Bloch-Universität Tübingen“ hat der Name sich durchgesetzt. Das 1974 im Betonstil der 70er-Jahre fertiggestellte Neuphilologikum erhielt 1998 anlässlich Brechts 100. Geburtstag im Fakultätsrat offiziell den BeinamenBrechtbau“.

Die farbenfrohe Liegewiese des Brechtbaus überzeugt uns schon seit 2017 mit viel zu viel Filz.

„Bruder muss brechtig die Kante geben“

 Und so kümmern wir uns im Brechtbau heute weniger um das BIP, sondern arbeiten in der BBB (Brechtbaubibliothek) und werden vom BBP (Brechtbauplenum der Fachschaften Neuphilologie und Rhetorik) vertreten. Dass ein später gewählter Name den alten verdrängen kann, dafür ist Brecht selbst ein lebender (bzw. jetzt leider toter) Beweis. Der Lyriker und Dramatiker wurde 1898 ursprünglich als Eugen Berthold Friedrich Brecht in Augsburg geboren, wählte dann aber später den Namen Bertolt oder Bert Brecht. Auch heute ist sein Name diversen Deformationen ausgesetzt: Das Brechtbauplenum, das im Brechtbau ein riesiges Banner des rauchenden Brechts in Arbeiterpose aufgehängt hat, nutzt seinen Namen gerne als Clubhausfest-Mottogenerator. Clubhausfeste der letzten Jahre waren unter anderem betitelt mit: „Brecht das Eis“, „Techtelbrechtel“ und „Bruder muss brechtig die Kante geben“.

Motto vom Clubhausfest des Brecht-Bau-Plenums

Brecht selbst gab sich in Tübingen wohl nie die Kante, zumindest gibt es zum „Hier kotzte Goethe“-Schild in der Münzgasse kein Brecht’sches Pendant à la „Hier musste Brecht erbrechen nach allzu vielem Zechen“ oder „Erst kommt das Trinken, dann kommt die Moral“. Seine Studentenpartys feierte Brecht wenn dann in München, wo er nach seiner Schulzeit in Augsburg Medizin, Philosophie und Literatur studiert. Nach dem Erfolg seines ersten in München aufgeführten Theaterstücks Trommeln in der Nacht zieht er nach Berlin, wo er als Dramaturg am Deutschen Theater arbeitet. Bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wirkt und lebt Brecht in Berlin und heiratet 1929 die Schauspielerin Helene Weigel. Eine Brechtbaubibliothek wäre in den 1930er-Jahren schwer zusammenzustellen gewesen – die Nazis verbrennen Brechts Werke und erkennen ihm die deutsche Staatsbürgerschaft ab, er flieht über verschiedene europäische Großstädte nach Skandinavien, wo er am längsten im schwedischen Svendborg bleibt. Danach geht es nach Kalifornien, bis der Schriftsteller mit dezidiert marxistischem Selbstverständnis im Zuge des aufkeimenden Kalten Krieges vom „Ausschuss für unamerikanische Umtriebe“ befragt wird. Als Brecht wieder nach Deutschland zurückkehren kann, baut er in Ost-Berlin zusammen mit Helene Weigel das Berliner Ensemble im Theater am Schiffbauerdamm auf, die praktische Umsetzung seines epischen Theaters.

Der riesen Brecht direkt am Treppenaufgang des Neuphilologikums aka Brechtbau

„Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß!“

Auf Tübingens Theaterbühnen ist Bertolt Brecht durchaus präsent, das Theater im Neuphilologikum heißt „Brechtbautheater“ und das Landestheater Tübingen (LTT) führt regelmäßig Stücke von Brecht wie Die Antigone des Sophokles oder Die heilige Johanna der Schlachthöfe auf. Auch das Institut für theatrale Zukunftsforschung (ITZ, formerly known as Zimmertheater) ließ sich dieses Jahr in Der Widerspruch – ein Lehrstück von Brechts Konzeption des Lehrstücks inspirieren. Brecht’scher Inhalt heißt aber nicht zwingend Brecht’sche Performance. Die schauspielerische Praxis von Brechts epischem Theater mutet nämlich etwas ungewöhnlich an: Sei kein zu guter Schauspieler! Gehe nicht zu sehr in deinen Gefühlen auf und lasse diese befremdlich wirken! Zeige kein Pathos! Das Publikum soll nämlich emotionale Identifikation hinter sich lassen, soll die Figuren stattdessen analysieren. Soll sie und die sie umgebende Welt in ihrer Veränderbarkeit begreifen und selbst dazu angeregt werden, die Welt zu verändern. Daher auch das bekannte Zitat aus dem Epilog von Brechts Drama Der gute Mensch von Sezuan: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß! / Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!“ Dieser Schluss muss nämlich selbst gefunden werden – in der Welt. Nach der durch die Literatur angeregten Reflexion soll die Welt verändert werden können.

Ebendieses Ergebnis erhoffen sich viele Literaturstudierende von ihrem Studium – kann Brecht den Geisteswissenschaften also wieder Mut geben? Die Universität Tübingen durch seine Namenspatronage für ein Gebäude an eine ihrer integralen Funktionen mahnen, die Welt kritisch zu hinterfragen und sie zu verändern? Der Name „Brechtbau“ kann vielleicht daran erinnern, dass Wissenschaft nicht zum Selbstzweck in einem Elfenbeinturm betrieben werden sollte, sondern den Menschen dienen sollte. Und – auch wenn vieles utopisch ist – dass man den Anspruch haben sollte, die Welt zumindest ein bisschen zu verändern. Und wenn man dabei frustriert hinter seinen eigenen Erwartungen zurückbleibt, kann man sich am Donnerstagabend im Clubhaus immer noch brechtig die Kante geben. So lebt Bertolt Brecht in Tübingen auf jeden Fall weiter.

Und weil Brecht gerne das letzte Wort hatte, hier noch eine Auswahl an Zitaten:

  • „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ – aus der Dreigroschenoper
  • „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ – aus der Dreigroschenoper
  • „Einige Schriftsteller haben den Bibelvers ‚Am Anfang war das Wort‘ mit Stolz zitiert. Wichtiger scheint mir von allen Worten – das letzte Wort.“

Tipps für weitere Informationen zu Bertolt Brecht:

Knopf, Jan (Hg.): Brecht-Handbuch. 5 Bände. Stuttgart / Weimar 2001-2003.

Berg, Günter / Wolfgang Jeske: Bertolt Brecht. Stuttgart 1998.

https://www.dhm.de/lemo/biografie/bertolt-brecht

Fotos: 

Titelbild: Sven Rottner
Bild 1: Felix Müller
Bild 2&3: BBP

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