Studienplatz auf Umwegen

Unzählige Formulare haben wir ausgefüllt und fristgerecht abgeschickt. Das lange Warten und die Frage „Bekomme ich meinen heißbegehrten Studienplatz an der Uni Tübingen?“ raubten uns den letzten Nerv. Doch zumindest brauchte keiner von uns eine Sondergenehmigung des Königs, um überhaupt erst Abitur zu machen. In der Doppelausstellung des Stadtmuseums werden diese und weitere Hürden der studieninteressierten Frauen im 19. und 20.  Jahrhundert dargestellt.

Seit dem 5. Juli ist die Ausstellung „Tübinger Töchter – Frauen an der Tübinger Universität im 20. Jahrhundert“ gemeinsam mit einer Ausstellung über die Buchhandlung Gastl in den 1950er- bis 1980er-Jahren unter dem Motto weiblich wissbegierig wagemutig im Stadtmuseum zu bestaunen. Wer sich das nicht entgehen lassen will, muss schnell sein. Die Ausstellung findet nur noch bis zum 3. November statt.

Die erste Studentin in Tübingen

Als 1873 das erste Mal eine junge Frau an der Universität in Tübingen studieren wollte, lehnte der Senat diese Anfrage ab. Damals galt in Württemberg noch das faktische Verbot des Frauenstudiums. 19 Jahre später wurde Gräfin Maria von Linden (1869-1936) vom Senat und der Naturwissenschaftlichen Fakultät nur zugelassen, da sie im Jahr zuvor mit einer Sondergenehmigung des Königs das Abitur in Stuttgart abgelegt hatte. Als erste außerordentliche Studentin war sie jedoch nie immatrikuliert. Erst seit dem 16. Mai 1904 ist es Frauen möglich – dank des Erlasses von König Wilhelm II. – sich an der Eberhard Karls Universität zu immatrikulieren.

Als erste Frau Deutschlands wurde Maria von Linden 1910 der Titel der „Professorin“ zugesprochen  – eine Lehrbefugnis erhielt sie nicht. 

Mit diesem Durchbruch gingen allerdings auch Probleme einher. Die frischgebackenen Studentinnen konnten sich die teuren Wohnungen nicht leisten, viele lebten deshalb noch bei ihren Eltern oder hatten Glück und kamen im Schwesternheim des Missionsärztlichen Instituts unter. Auch einige Damenverbindungen entstanden aus dieser Not heraus. Allerdings wurde das Frauenstudium allgemein eher missbilligend betrachtet, da Frauen ihre Rolle als Hausfrau und Mutter nicht vernachlässigen sollten. Deshalb studierten die meisten der ersten Studentinnen an der Medizinischen und der Philosophischen Fakultät. Das Studium in diesen Bereichen entsprach noch am ehesten der gesellschaftlichen Erwartungshaltung, nach der eine Frau sich um Kinder und Haushalt zu kümmern hatte. In der Ausstellung werden die Lebenswege von einigen herausragenden Frauen der akademischen Stadtgeschichte Tübingens vorgestellt, welche eben dieses Rollenbild durch ihre Leistungen ins Wanken brachten. Porträtiert werden unter anderem Emmy Stein, Maria Margarete Wolf und Gertrud Stockmayer.

Zeitgemäße Verunglimpfung: Studentinnen wurden herabwürdigend und stark vermännlicht dargestellt. In der Ausstellung zu sehen sind Postkarten und Karikaturen, entstanden zwischen 1890 und 1915.

Eine Buchhandlung mit Geschichte

Neben der Ausstellung über die ersten Tübinger Studentinnen beinhaltet die Doppelausstellung des Stadtmuseums auch einen Teil über die Tübinger Buchhandlung Gastl. Gegründet von zwei belesenen Frauen, die zu der Zeit im Buchhandel ebenfalls eine Minderheit bildeten. Julie Gastl, eine gebildete Buchhändlerin, und Gudrun Schaal, die in Anglistik promoviert hatte, gründeten 1949 gemeinsam die Buchhandlung und betrieben diese 30 Jahre lang. Die beiden beeinflussten nicht nur die Hochschulpolitik, sondern beherbergten unter anderem auch Gesprächskreise, die Ernst Bloch mit seinen Studierenden abhielt.

Die Ausstellung besteht hauptsächlich aus dem Nachlass von Gudrun Schaal, der seit 2012 im Besitz der Stadt Tübingen ist.

Viele der zahlreichen Lesungen, die in der Buchhandlung Gastl stattfanden, waren von namenhaften Autor*innen wie Hannah Arendt, Paul Celan und Peter Härtling. Auch eine Lesung von Thomas Mann war geplant, leider verstarb er kurz nach seiner Zusage. Zwar befindet sich die Buchhandlung nicht mehr an ihrem früheren Platz im Eckhaus der Pfleghofstraße, sie existiert aber auch heute noch und wird wieder von einer Frau geführt.

Auf kleinem Raum wird überraschend viel Wissen über das akademische Tübingen des 20. Jahrhunderts vermittelt. Interessante Ausstellungsstücke, wie die Stellungnahme über die Aufnahme von Frauen in die Medizinische und Philosophische Fakultät oder die Studentenakte von Gertrud Stockmayer, führen den Betrachter*innen vor Augen, welche Widerstände es für Frauen damals zu überwinden gab – da erscheint das eigene Bewerbungsverfahren auf einmal gar nicht mehr so umständlich.

Am 3. November findet um 15 Uhr die letzte Sonntagsführung im Stadtmuseum durch die Kuratoren der Sonderausstellung statt. Der Eintritt ist frei, die Führung kostet 2,50 €, ermäßigt 1,50 €.

Fotos: Sarah Sommerau

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