Von Pflanzen im Exil

Der Botanische Garten auf der Morgenstelle feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. 1969 zog er an seinen heutigen Standort. Zu diesem Anlass finden das ganze Jahr über interessante Ausstellungen, Führungen und Vorträge statt. Am vergangenen Sonntag widmete sich Dr. Michael Burkart der Frage, wie sich Botanische Gärten und der Naturschutz bedingen. Nach seinem gut einstündigen Vortrag war klar: Botanische Gärten leisten viel für den Erhalt seltener Pflanzenarten – aber nicht nur dafür.

Bedrohung der Artenvielfalt 

In Zeiten des Klimawandels und der verheerenden Waldbrände im Amazonasgebiet erhält das Thema Naturschutz eine ganz neue Relevanz. Der Vortrag an diesem Sonntagvormittag stieß auf reges Interesse. Der Botaniker Dr. Michael Burkart aus Potsdam beschäftigte sich mit den Fragen „Ist Naturschutz für Botanische Gärten wichtig? Sind Botanische Gärten für den Naturschutz wichtig?“ Nach einigen einleitenden Worten durch Brigitte Fiebig, Technische Leiterin des Botanischen Gartens, beantwortete er die erste Frage mit einem klaren Ja. Auch die zweite Frage hätte er gerne so unumwunden beantwortet, gestand aber ein, dass dazu eine weitaus kritischere Betrachtung nötig sei.

Dazu machte er zunächst auf den Zustand der Pflanzenvielfalt auf der Erde aufmerksam. Von den rund 400.000 Arten lägen nur über einen Bruchteil verlässliche Daten vor. Von diesen seien 43 Prozent akut gefährdet. Bei weiteren 14 Prozent könne man davon ausgehen, dass sie in den nächsten Jahren ebenfalls vom Aussterben bedroht sind. Gerade einmal ein gutes Viertel der Flora sei nicht gefährdet. Burkart schilderte, dass die Pflanzen in der mitteleuropäischen Zone kaum bedroht seien. Probleme gäbe es vor allem im südamerikanischen Raum – und das nicht nur wegen der aktuellen Waldbrände vor Ort. Trotzdem weise Deutschland im gesamteuropäischen Vergleich eine hohe Zahl an gefährdeten Pflanzenarten auf. Fast ein Drittel der heimischen Pflanzen bedürften besonderem Schutz.

Auch heimische Pflanzen, wie hier Gewächse der Ostalpen, beherbergt der Botanische Garten in Tübingen.

Gärten mit großer Aufgabe

Die Gründe für die erhöhte Bedrohungslage in Südamerika sah Burkart vor allem in einem raschen Bevölkerungswachstum. Mehr Menschen bedeuteten auch immer einen höheren Bedarf an Agrarfläche. Beinahe zwangsläufig entstünde hieraus eine Gefahr für Fauna und Flora, nicht nur in Lateinamerika. Er verwies auf eine Kampagne des deutschen Umweltministeriums aus dem Jahr 2017. Mit einer provokanten Neuauflage der Bauernregeln versuchte die damalige Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD), ein Umlenken in der Arterhaltung einzuleiten. Gegen die mächtige Agrarlobby hatte sie damals allerdings keine Chance.

Burkart hingegen erinnerte an die staatliche Verpflichtung, die Pflanzenwelt zu erhalten; eine Verpflichtung, zu der sich auch Deutschland 2002 bekannt hatte. Aus dieser Verpflichtung leiteten sich die vielfältigen Aufgaben der Botanischen Gärten ab. Neben Kultur, Erholung und der Gärtnerei zählten auch die Forschung, Lehre und Bildung sowie der Naturschutz zu den Pflichten der Gärten. Sie fungierten damit sowohl gärtnerisch als auch wissenschaftlich und pädagogisch.

Erhaltungskulturen – wichtiger Beitrag zur Arterhaltung

Im Zentrum von Burkarts Vortrag stand natürlich der Naturschutz. Eine gängige Methode hierzu sei die Züchtung sogenannter Erhaltungskulturen (Ex-Situ-Erhaltung). Bedrohte Arten würden hierzu in Botanischen Gärten hochgezüchtet und schließlich wieder an ihrem natürlichen Standort ausgepflanzt. Der Potsdamer Botaniker räumte allerdings ein, dass die Erhaltung am Naturstandort immer oberste Priorität habe. In Deutschland kümmerten sich insgesamt 58 Botanische Gärten in dieser Form um die Arterhaltung. Zur besseren Koordination dieser Bemühungen gründete sich 2005 die Arbeitsgruppe Erhaltungskulturen, in welcher Burkart als Sprecher tätig ist. Die Bundesregierung benötigte ein wenig mehr Zeit und legte erst 2007 ein Konzept vor. Scherzend meinte Burkart, sie sei „ein wenig langsamer, aber hat trotzdem was gemacht.“

Im Subtropenhaus im Botanischen Garten Tübingen werden Pflanzen anderer Kontinente gezüchtet. Im Fachjargon heißt das Ex-Situ-Erhaltung.

Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Wichtigkeit von Erhaltungskulturen. Länder mit einer hohen Biodiversität verfügten üblicherweise über weitaus weniger Botanische Gärten als sie auf der Nordhalbkugel zu finden seien. Die ostafrikanische aloe pembana komme zum Beispiel nur auf der Insel Pemba vor. Einheimische nutzen sie vor allem als probates Mittel gegen Brechdurchfall und ähnliche Erkrankungen. Doch eine zu intensive Nutzung ginge auch mit dem Risiko des Aussterbens einher. Tatsächlich schlummerten in deutschen Gärten inzwischen Arten, die in der Wildnis so nicht mehr existierten. Trotz alledem ist sich Burkart bewusst, dass Erhaltungskulturen nicht das Nonplusultra sind. Bäume könnten beispielsweise nur an ihren natürlichen Standorten erhalten werden.

Naturschutz von allen für alle

Doch auch der Anbau kleinerer Pflanzen in Erhaltungskulturen gestaltete sich oft sehr schwierig. Besonders bei komplexen Kulturen bedürfe es einer umso größeren Population in den Botanischen Gärten. Dies erzeuge nicht selten Kapazitätsprobleme. Man müsse bedenken, dass manche Pflanzen nicht nur besonders hoch wachsen, sondern viel mehr auch eine beachtlichen Raum zur Entfaltung benötigen. Anderenfalls wäre eine erfolgreiche Kultur nicht möglich.

Auch der Bota in Tübingen leistet seinen Beitrag zur Arterhaltung. Mehr als zehn einheimische gefährdete Arten befinden sich hier in Erhaltungskultur.

Burkart beschränkte sich in seinem Vortrag aber nicht nur auf die theoretischen Grundlagen des Naturschutzes. Ihm war es mindestens genau so wichtig, von den konkreten Projekten und Erfolgen dieser Bemühungen zu sprechen. Vor drei Jahren gelang es dem Botanischen Garten in Potsdam, die Pfingstnelke soweit zu kultivieren, dass sie erfolgreich wieder in der Natur angesiedelt werden konnte. Hierbei gelang es den Botanikern, verschiedene Blütenformen mit teilweise unterschiedlichen Tönungen zu kultivieren.

Auch die Öffentlichkeitsarbeit gewinnt für Botanische Gärten zunehmend an Bedeutung. Bei der Bundesgartenschau 2015 wurde den Besuchern vor Augen geführt, wie wichtig ein aktiver Naturschutz für unseren Planeten ist.  Das Projekt „Urbanität und Vielfalt“ setzte es sich daher zum Ziel, Menschen für den Naturschutz zu motivieren. Denn nicht alles könne allein den Botanischen Gärten überlassen werden. Trotzdem betonte Burkart abschließend, dass der Naturschutz eine immer wichtigere Rolle für Botanische Gärten spielte. Sowohl in die eine als auch in die andere Richtung.

 

Der Vortrag am Sonntag war einer von vielen, um das Jubiläum „50 Jahre Botanischer Garten auf der Morgenstelle“ zu würdigen. Bis Anfang Dezember folgen eine Reihe weiterer interessanter öffentlicher Veranstaltungen rund um den Botanischen Garten. Der Eintritt ist frei. Eine Voranmeldung ist nicht nötig.

Fotos: Sven Rottner

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