Wer war eigentlich … Niethammer?

Tagtäglich kommen wir an Orten vorbei, die nach historischen Persönlichkeiten benannt wurden. Doch wer waren diese Menschen und was leisteten sie, dass Straßen und Plätze nach ihnen benannt und Denkmäler zu ihren Ehren erbaut wurden? Heute begegnet ihr: Einem Juristen, nach dem eine sehr kurze Straße benannt wurde. 

Wer den Bus Nummer vier Richtung WHO zum Ulmenweg nimmt, der fährt an ihr vorbei: an der Niethammerstraße. Dort gibt es eine Bushaltestelle, sie liegt zwischen der Corrensstraße und der Winkelwiese. Die Straße selbst ist ziemlich kurz, bietet aber etwas, was in Tübingen sonst rar ist: kostenlose Parkplätze. Wer dort aussteigt, gelangt zu Fuß über einige Treppenstufen nach oben zum Max-Planck-Institut. Die Niethammerstraße ist außerdem eine Querstraße zum Schönblick, von dem aus man tatsächlich einen schönen Ausblick über die Stadt hat. Wer sich dort ein Haus leisten kann, hat es wohl „geschafft“, könnte man sagen.

Philipp, Julius oder Emil?

Wer war jetzt aber eigentlich dieser Herr Niethammer, nach dem die Straße und die Bushaltestelle benannt wurden? Es war weder ein gewisser Philosoph und evangelischer Theologe Friedrich Philipp Immanuel Niethammer, später Ritter von Niethammer (* 26. März 1766 in Beilstein; † 1. April 1848 in München), noch war es Julius Adolf Niethammer, ab 1876 Freiherr von Niethammer (* 21. August 1798 in Jena; † 23. Juni 1882 in München).

Die Straße wurde nach Emil Niethammer benannt, der am 6. Mai 1869 in Stuttgart geboren wurde. Wem die Ehre zuteil wird, dass eine Straße nach ihm benannt wird, der muss wohl Großes geleistet haben. Meist geschieht diese Ehrung allerdings erst posthum – sodass man selbst nicht mehr viel davon hat. Nach dem Abitur an einem Stuttgarter Gymnasium studierte Niethammer an der Universität Tübingen Jura. Damals noch im Königreich Württemberg trat er 1897 in den Justizdienst ein. Er wurde zuerst Amtsanwalt und Hilfsrichter. So weit, so gut. Würde einem das schon eine eigene Straße einbringen, bräuchten wir deutlich mehr Straßen.

Von der einen Seite komplett vergilbt, von der anderen bräuchte die Tafel mal wieder eine Reinigung. Wer sich für die Menschen hinter den Straßennamen interessiert, findet Infos zu ihnen auf diesen kleinen Tafeln.

Die juristische Karriere

Im April 1914 wurde Niethammer in Stuttgart Landgerichtsrat. Von 1914 bis 1918 diente er im Ersten Weltkrieg, zuletzt im Range eines Majors. Er war bis 1937 Reichsgerichtsrat, trat aber nicht in die NSDAP ein. Gut für Niethammer, denn wer zu sehr mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet hat, wird eher nicht als Namensgeber für eine Straße ausgewählt. 1938 erhielt er von der Kieler „Stoßtruppfakultät“ die Ehrendoktorwürde. 1935 bis 1938 war er Mitglied der amtlichen Kommissionen für die Erneuerung des Strafrechts im Sinne des Regimes (also war er wohl doch ein bisschen involviert). 1944 wurde er zum Honorarprofessor an der Universität Tübingen ernannt, wo er Strafrecht und Strafverfahrensrecht lehrte. Wer sich das vergilbte Schild an der Bushaltestelle Niethammerstraße genauer ansieht, der erkennt, dass die Stelle als Professor für Strafrecht die ausgewählte Qualifikation darstellt, weshalb die Straße nach ihm benannt wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Niethammer 1946 Alterspräsident der Beratenden Landesversammlung des Landes Württemberg-Hohenzollern. In diesem Jahr wurde er außerdem Mitglied der CDU. Niethammer gehörte als Abgeordneter der CDU dem Landtag für Württemberg-Hohenzollern an. Doch 1947 wurde Emil Niethammer zum Präsidenten des Oberlandesgerichts Tübingen ernannt und legte gemäß der Verfassung des Landes am 31. Oktober 1947 sein Mandat nieder. Am 1. Juni 1950 ging er in den Ruhestand. Vier Jahre später wurde er mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Niethammer starb am 19. Februar 1956 in Tübingen. Sein Grab ist noch auf dem Tübinger Stadtfriedhof zu finden.

Emil Niethammer Stadtfriedhof Tübingen
Der Grabstein von Emil Niethammer auf dem Tübinger Stadtfriedhof. Bildquelle: Goesseln [CC BY-SA 4.0]

Ein Besuch der Niethammerstraße lohnt sich vielleicht nicht für Durchreisende – außer kostenlosen Parkplätzen gibt es dort nicht zu viel zu entdecken. Eine Parkbank neben einem kleinen Brunnen und ein Haushalt, der Honig aus eigener Imkerei verkauft, laden noch nicht zum längeren Verweilen ein. Aber für die Anwohner stellt sie mit ihrer eigenen Bushaltestelle und der Anbindung an das Max-Planck-Institut einen wichtigen Knotenpunkt dar.

In dieser Reihe bereits erschienen sind:

Wer war eigentlich … Ludwig Uhland?
Wer war eigentlich … Gmelin?

Fotos: Lisamarie Haas, Wikimedia Commons

Karte: Open Street Map

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