Trotz Aus: Tübingen im Frauenfußballfieber

Deutschland-Fahnen flattern zu Tausenden in den Fenstern, Trikotträger pilgern in Massen zu den Bildschirmen und die Autokorsos kommen aus dem Hupen nicht mehr heraus – trotz des deutschen Ausscheidens begeistert die Fußball Weltmeisterschaft der Frauen mal wieder die beschauliche Studierendenstadt am Neckar.

Es waren rührende Szenen, die diese Tage in Tübingen zu sehen waren. Bayern-, Wolfsburg- und Frankfurt-Fans, ansonsten zerstrittene Fußballanhänger, fanden zusammen um Seite an Seite die Nationalelf anzufeuern. Und der Fußball bewies erneut, dass er das Potenzial hat, die Deutschen zu vereinen. Jedenfalls die, die sich zumindest ab und an für das runde Leder begeistern lassen.

Trotz kräftiger Unterstützung der Fans, schied die DFB-Elf im Viertelfinale gegen die Nationalmannschaft Schwedens aus. In einer fahrigen Partie gegen die Skandinavierinnen gelang es der jungen Mannschaft um Starspielerin Maroszán nicht, die Fehler in der Spieleröffnung abzustellen, weshalb sie bereits am Samstag die Heimreise antreten musste. Der Fußballbegeisterung tat das jähe K.O. indes keinen Abbruch, schließlich übertragen die öffentlich-rechtlichen Sender weiterhin alle Spiele mindestens im Livestream.

Fahnenmeere so weit das Auge reicht.

Zuschauerzahlen jenseits aller Rekorde

Laut statistischen Erhebungen sahen die meisten Deutschen die Spiele regelmäßig und bescherten den öffentlich-rechtlichen Sendern dabei Rekordquoten. In Tübingen war diese Quote besonders hoch, da laut Stadtverordnung die Anzahl der Public Viewings bei der Frauen WM die Anzahl der Strandbars nicht überschreiten darf. Daher wurden die dafür bereits vorgesehenen Orte wie der Anlagensee und die Brechtbau-Liegewiese doch nicht für ein Public Viewing zur Verfügung gestellt.

Dafür haben sich die Kneipenbesitzer vom WM Fieber anstecken lassen, schließlich überlegt der erste bereits, ob er schon bald irgendwann vielleicht einmal ein Spiel zeigen soll. „Es klingt natürlich verrückt, wenn wir hoffen, dass im Sommer die Menschen zum Fußballgucken kommen. Vor allem nach so einer langen Pause.“ Das letzte Pflichtspiel im Herrenfußball, ein EM Qualifikationsspiel, das zumindest in einigen Bars übertragen wurde, ist mittlerweile drei Wochen her.

Unterschiede zum Männerfußball

Obwohl die Sportart und die Regeln identisch sind, zeigen sich einige Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfußball, die von Kennern des Frauenfußballs jedoch geschätzt werden. „Frauen spielen anständiger“, grummelt ein grauhaariger Herr im Leupolz Trikot. „Die spucken nicht auf den Rasen, die machen weniger Schwalben, die wollen sich nicht ständig an den Kragen. Da ist es mir egal, dass sie anscheinend 30% langsamer spielen. So ein Messi spielt eh viel zu schnell für mich. Da blinzelt man kurz und hat schon ein Tor verpasst.“

Bei all den Unterschieden bleibt eines natürlich gleich. Negatives Fanverhalten, wie Hooligans, die die gegnerischen Spielerinnen als „Hurensöhne“ beschimpfen oder über das „eierlose Zweikampfverhalten“ der eigenen Mannschaft spotten, zeigen die hässliche Seite des Fußballs. Trotz des rücksichtslosen Verhaltens vor allem weiblicher Fans, die angetrunken und prügelnd durch die Altstadt ziehen, sah sich die Tübinger Polizei bisher noch zu keiner Festnahme gezwungen. Durch das deutsche Ausscheiden sollten diese Unruhen demnächst abebben.

Auch wenn die Tübinger den Kampf um den Titel weiterhin gespannt verfolgen, ist für die ausgeschiedenen DFB Damen erst einmal Regeneration angesagt. Die Erwähnung des nächsten Gegners nach der Sommerpause ist an dieser Stelle überflüssig, schließlich dürfte diese Partie im Kalender eines jeden Tübingers groß vermerkt stehen.

Bilder: Tobias Schallmeyr

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