Wer war eigentlich…Gmelin?

Tagtäglich kommen wir an Orten vorbei, die nach historischen Persönlichkeiten benannt wurden. Doch wer waren diese Menschen und was leisteten sie, dass Straßen und Plätze nach ihnen benannt und Denkmäler zu ihren Ehren erbaut wurden? Heute begegnet ihr Chemikern und Pharmazeuten, Doktoren und Professoren, und ein Bürgermeister ist auch mit dabei.

Unterwegs zwischen den wichtigsten Gebäuden der Wilhelmstraße begegnen wir ihr tagtäglich: Unscheinbar beginnt sie zwischen der Neuen Aula und der Alten Archäologie, führt weiter am Kupferbau vorbei, nimmt noch das Theologicum und die Tal-Kliniken mit und verschwindet schließlich bergauf im Käsenbachtal: Die Gmelin-Straße.

Offiziell benannt wurde die Straße nach Christian Gottlob Gmelin (*1792 – † 1860, Tübingen). Bereits mit 25 Jahren übernahm er den Lehrstuhl für Chemie und Pharmazie an der Universität Tübingen und brach dafür seine Studienreisen durch Europa (unter anderem mit J. J. Berzelius) ab, obwohl ihm in Tübingen nicht einmal ein Laboratorium zur Verfügung stand. Stattdessen musste er sich mit der (nicht heizbaren) alten Schlossküche Vorlieb nehmen. Dass ausgerechnet die Straße neben der Alten Archäologie nach Christian Gottlieb Gmelin benannt wurde, liegt wohl daran, dass sich in dem Gebäude ursprünglich das Chemische Institut befand – wie es die TÜpedia Autor*innen treffend ausdrücken, müsste das Gebäude deshalb eigentlich „Uralte Chemie“ heißen.

Inmitten des Campus: Tausende laufen täglich durch die Gmelin-Straße.

Eine Familie mit Geschichte

Christian Gottlieb war allerdings nicht der einzige bedeutende Spross der Gmelin-Familie: Tatsächlich würde es den Rahmen dieses Artikels sprengen, alle Familienmitglieder vorzustellen, die in ihrem Leben Bedeutendes geleistet haben. Der Familienname, der wahrscheinlich aus den Adjektiven „gemach“ bzw. „gemächlich“, entstand, findet in Tübingen zum ersten Mal im 13. Jahrhundert Erwähnung. Als Stammvater der Gmelin-Familie gilt Michael Gmelin (ca. 1510-1576), ein Praeceptor ((Haus-) Lehrer) zu Weilheim. Seine Nachkommen sind bis heute in ganz Deutschland zu finden und unterteilen sich in verschiedene Linien, so zum Beispiel die Heidelsheim-Sinsheimer Linie, die Stuttgarter und auch die Tübinger Linie. Die Ortsnamen beziehen sich dabei auf die jeweiligen Gründer der Linien und stimmen nicht zwangsläufig mit Wohn- oder Wirkungsort der Familienmitglieder überein.

Die Tübinger Linie wurde durch Johann Georg Gmelin (1674-1728) begründet, der nach seiner Heirat mit der Tochter eines Tübinger Apothekers die Apotheke am Markt übernahm (heute Mayer´sche Apotheke). Eine Gedenktafel erinnert noch heute an den berühmten Apotheker, der auch an der Uni lehrte, und seine Nachkommen, von denen viele Apotheker, Ärzte oder Professoren, insbesondere der Chemie, Pharmazie und Medizin, wurden.

Die Wirkungsstätte Johann Georg Gmelins: Die heutige Mayer’sche Apotheke.

So zum Beispiel auch Leopold Gmelin (1788-1853), Johann Georgs Urenkel. Er studierte ursprünglich Medizin und Chemie, interessierte sich aber auch für eine Vielzahl anderer Forschungsgebiete, beispielsweise für Mineralogie und Geologie. Ihm gelangen eine Vielzahl wichtiger Entdeckungen auf mehreren Gebieten. Besonders bekannt wurde er aber für sein „Handbuch der theoretischen Chemie“, das zu seinem Lebenswerk werden sollte: Aufgrund des immer umfangreicher werdenden Materials wuchs das Handbuch mit jeder Ausgabe, bei Leopolds Tod hatte die 4. Auflage bereits siebzehn Bände. Auch nach seinem Tod wurde die Arbeit an dem Handbuch fortgeführt, unter dem Titel „Gmelins Handbuch der anorganischen Chemie“, ab 1922 durch das Gmelin-Institut. Bei dessen Schließung im Jahr 1997 waren circa 760 Bände des Handbuchs erschienen.

Auch Johann Georg Gmelins Sohn (1709-1755), das zweite Kind des Linienbegründers, machte seinerzeit von sich reden: Er war Professor für Chemie, Botanik und Medizin und gilt als einer der bedeutendsten Botaniker seiner Zeit. Berühmt wurde er vor allem durch sein vierbändiges Werk „Reisen durch Sibirien“ und sein ebenfalls Hauptwerk „Flora Sibirica“, in welchem er diverse bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse darlegte. Beide Werke entstanden nach einer Sibirienreise, die er 1733 auf Befehl des Kaisers antrat und die neuneinhalb Jahre dauern sollte.

Eine Gedenktafel rühmt noch heute die wahrscheinlich bekannteste Familie Tübingens.

Die Gmelins heute

In der jüngeren Vergangenheit sind im Tübinger Kontext vor allem zwei Mitglieder der Familie erwähnenswert: Herta Däubler-Gmelin (*1943), die viele Jahre für die Tübinger SPD im Bundestag saß und von 1998-2002 Bundesjustizministerin war, und ihr Vater Hans Gmelin (1911-1991). Dieser machte der beeindruckenden Familiengeschichte jedoch keine Ehre: Er gilt als Mittäter der Nazis, der unter anderem an der Verfolgung Homosexueller und der Deportation slowakischer Juden beteiligt war. Trotzdem wurde der studierte Jurist 1954 zum Tübinger Oberbürgermeister gewählt und erhielt 1975 sogar die Ehrenbürgerwürde. Erst 2018 wurde ihm diese posthum aberkannt.

Bei so vielen prominenten Mitgliedern (nicht nur die Tübinger Linie brachte viele anerkannte Wissenschaftler hervor) ist es kaum verwunderlich, dass sich die Gmelins schon lange um eine detaillierte Dokumentation der Familiengeschichte bemühen. Bereits 1903 wurde ein Familienverband gegründet, der seitdem regelmäßig Familientage veranstaltet. Auch ein Gmelin-Archiv wurde 1936 in Tübingen gegründet, allerdings wurde es in den 90ern dem Stadtarchiv angegliedert.

Alle drei Jahre treffen sich die Nachkommen der einstigen Berühmtheiten. Das Wappen geht auf das 17. Jahrhundert zurück.

Für weitere Informationen über die Familie Gmelin und ihre herausragendsten Mitglieder empfehlen wir die Familien-Genealogie von 1973, erschienen im Degener Verlag, ausleihbar in der Uni-Bibliothek.

In dieser Reihe bereits erschienen ist:

Wer war eigentlich… Ludwig Uhland?

Bilder: Luke Liscio
Wappen: Familienverband Gmelin

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