Ein Arzt für den Kongo, ein Arzt für die Welt: Denis Mukwege in Tübingen

Arzt, Seelsorger, Menschenrechtler: Der Friedensnobelpreisträger Dr. Denis Mukwege ist nicht nur Operateur und Pillenverschreiber. Er möchte auch die „kranke Welt“ heilen. Den Friedensnobelpreis bekam der Kongolese 2018 vornehmlich für die Behandlung von Frauen, die im Ost-Kongo Opfer sexueller Gewalt wurden. Am Sonntagabend sprach Mukwege im Kupferbau über seine Patientinnen und klärte auf, wie das Leid der Frauen mit Krieg, Ökonomie und Ökologie zusammenhängt.

Als Dr. Denis Mukwege spricht, ist es mucksmäuschenstill im Hörsaal. Fassungslose Stille, Gänsehaut-Stille. Das Publikum lauscht Mukweges Erzählung über eine Patientin, die von sieben Männern vergewaltigt wurde. Danach führten die Täter ein Gewehr in sie ein und drückten ab. Mit solch beispielloser Grausamkeit ist der Gynäkologe alltäglich konfrontiert, das lassen seine traurigen Augen und seine leicht heisere Stimme erahnen. Diese Augen haben die Leiden von über 50.000 Patientinnen im Hospital Panzi gesehen; die emphatisch gestikulierenden Hände haben entsetzliche Verstümmelungen gelindert.

Hier in Tübingen, sagt Dr. Mukwege, seien Menschlichkeit und Empathie zu finden, die sich gegen diese Verrohung stellen. Dass sein Vortrag alle fünf Hörsäle des Kupferbaus füllt, vier davon mit Live-Übertragung, sei ein Zeichen von weltweiter Solidarität. Menschenrechte, so Christopher Gohl vom Weltethos-Institut, seien ein „lebenslanges Lernprogramm“. Das deutsche Institut für ärztliche Mission, kurz Difäm, lud Mukwege am Sonntag nach Tübingen ein, um gemeinsam mit der Menschenrechtswoche Tübingen dieses lebenslange Lernprogramm anzustoßen.

Gisela Schneider vom Difäm und Denis Mukwege. Das Difäm unterstützt Mukweges Panzi-Krankenhaus sowie das Kompetenzzentrum für Frauen und ihre Rechte.

Das Difäm kooperiert schon seit über 20 Jahren mit Mukwege und unterstützt ihn, sein Panzi-Krankenhaus und sein Kompetenzzentrum für Frauen und ihre Rechte, erzählt die Difäm-Direktorin in Tübingen Gisela Schneider. Das Krankenhaus gründete Mukwege 1999 in seiner Heimatstadt Bukavu im östlichen Kongo. Zur Ursachenforschung für die sexuelle Gewalt kam 2018 das Kompetenzzentrum hinzu. 1999 habe nämlich der „Albtraum, den wir bis heute leben“, begonnen: Seit dem Zweiten Kongokrieg, in dem Ruanda, Uganda und Burundi im Kongo intervenierten, um Präsident Kabila zu stürzen, seien Massenvergewaltigungen zur Kriegswaffe geworden.

Nach Mukweges Vortrag gab es Standing Ovations, danach sprachen noch Dekanin des evangelischen Kirchenbezirks Elisabeth Hege, Christopher Gohl vom Weltethos-Institut und Jonas Weinert von der Menschenrechtswoche.

Sexuelle Gewalt als systematische Kriegswaffe  

Und auch heute dauert der Albtraum an: Zahlreiche Milizen kämpfen im Osten des Kongos noch immer um die reichhaltigen Bodenschätze, allen voran Diamanten, Kobalt und Coltan. Obwohl die Krise in den 1990er-Jahren aus dem Konflikt zwischen den Hutu und den Tutsi in Ruanda hervorging, ist der Konflikt im Kongo laut Mukwege kein ethnischer. Es gehe im Kern um wirtschaftliche Bereicherung, für die alles in Kauf genommen werde: Die Warlords der Rebellengruppen führten mafiöse Unternehmen und betrieben modernen Sklavenhandel mit den Frauen und Kindern, die Rohstoffe in den Minen abbauen. Als Mittel der Angst, die unterwürfig macht, und zur Schwächung der Gegner, werden systematisch Massenvergewaltigungen eingesetzt. Es könne bei der Feldarbeit passieren oder plötzlich über Nacht im ganzen Dorf: Frauen werden überfallen und vergewaltigt, teilweise vor den Augen ihrer Männer und Kinder. Die Angst halte die Frauen in der Folge zuhause, die Felder blieben unbestellt, die Unterernährung werde verschlimmert.

Doch die Stärke der Frauen gebe auch dem Arzt Mut, wenn er alles nicht mehr ertrage: Die ganzheitliche physische, psychische und rechtliche Behandlung im Krankenhaus in Bukavu baue die Opfer wieder auf. Nach einem vereitelten Mordversuch an Mukwege und dessen anschließender Flucht in die USA haben seine Patientinnen Geld für sein Rückflugticket gesammelt.

Mukwege überreicht der Universität ein Bild kongolesischer Kinder, auf dem Frauen begraben werden. „Universität ist Universalität. Und Leiden ist universell“, sagt er.

„Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Versöhnung ohne Wahrheit“  

Wiederherstellung, wie sie das Recht leisten soll, sei schwierig zu erreichen. Die nationale Justiz könne wenig tun, ihre Strukturen seien marode und korrumpiert. Das internationale Recht wolle nichts tun. Reagiere mit Gleichgültigkeit, verfolge die Täter und die Kriegsverbrechen nicht, obwohl diese doch im UN Mapping Report von 2010 klar benannt seien. Und wir als TübingerInnen, Deutsche, EuropäerInnen? Was können wir tun? Mukwege fordert bewussten Konsum. Dieser Forderung schließt sich Jonas Weinert von der Tübinger Menschenrechtswoche an: „Heute sind wir betroffen, morgen klingelt der Handywecker, du gehst ans Handy, danach an den Laptop…“. An das Handy und an den Laptop mit Kobalt und Coltan, die womöglich im Kongo Vergewaltigern Geld einbringen. Namen von Unternehmen die zu vermeiden seien, nennen Jonas Weinert und der Friedensnobelpreisträger nicht. Mukweges Forderungen richten sich nicht nur an VerbraucherInnen: Er nimmt auch die Kirche in die Pflicht, die Wahrheit bekanntzumachen, die Staatswesen „gefangenhielten“.

Er appelliert an die Politik, Konsequenzen aus dem UN Mapping Report zu ziehen und an der Heilung einer größeren Wunde mitzuwirken: Der Wunde der kranken Ökologie und der kranken Ökonomie. „Ohne Gerechtigkeit keine Heilung, ohne Gerechtigkeit kein Frieden“, ist der Arzt überzeugt. Würde kein ökologischer Raubbau mehr betrieben und würde der globale Norden den globalen Süden nicht für Rohstoffe ausbeuten, hätten die Warlords im Kongo keine Macht mehr.

Denis Mukwege hat schon viele Wunden geheilt. Im kriegszerrütteten Kongo, an Körper und Seele. Doch diese „schwere Wunde der globalen Ungerechtigkeit“, wie Arzt Dr. Marko Wilke es ausdrückt, wird er nicht alleine heilen können: die Wunde eines kranken Weltsystems. Dazu braucht es Wiedergutmachung, dazu braucht es ein Konzept von positivem Frieden, das internationale Solidarität und globale Gerechtigkeit einschließt.

Fotos: Leonie Müller

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