Auf gute Nachbarschaft?

Wer in letzter Zeit in der Tübinger Innenstadt unterwegs war, hat vielleicht die Plakate bemerkt, die seit einigen Wochen in manchen Geschäften hängen. „Amazon ist kein guter Nachbar für den Einzelhandel in Tübingen“ steht darauf. Doch was hat es damit auf sich? Kupferblau hat für euch nachgefragt.

Auf den ersten Blick fällt sie neben dem fett gedruckten Slogan nicht so sehr auf, die Internetadresse am unteren Rand des Plakats: nocybervalley.de steht da. Dabei ist sie der eigentliche Grund dafür, dass die Plakate neuerdings in der Tübinger Innenstadt zu finden sind. Das Bündnis No Cyber Valley hat sie an die Ladeninhaber*innen verteilt. Eine von vielen Aktionen des Bündnisses, um auf die Kritik am Cyber Valley aufmerksam zu machen.

Das Cyber Valley ist eine Forschungskooperation, an der neben dem Land Baden-Württemberg, den Unis Tübingen und Stuttgart und der Max-Planck-Gesellschaft auch Partner aus der Wirtschaft, wie zum Beispiel Amazon und Daimler, beteiligt sind. Geforscht wird zu verschiedenen Feldern der künstlichen Intelligenz (KI). Spätestens seit der Besetzung des Kupferbaus vor einem halben Jahr ist das Mega-Forschungsprojekt an der Uni in aller Munde, genauso wie auch die Kritik daran.

Während Befürworter*innen in dem Projekt eine einmalige Chance sehen, die KI-Forschung in Deutschland voranzutreiben und ihr internationale Bedeutung zu geben, mahnen die Gegner*innen unter anderem, dass sich durch den Zuzug vieler gut bezahlter Wissenschaftler*innen die Wohnsituation in Tübingen noch verschlechtern werde. Außerdem befürchten sie, dass die beteiligten Unternehmen Einfluss auf die Forschung nehmen könnten und die ethischen Grundlagen noch nicht ausgereift genug für eine verantwortungsvolle KI-Forschung sind.

Kritik an Amazon

Mit dem Tübinger Einzelhandel hat das Cyber Valley auf den ersten Blick jedoch nichts zu tun. Warum also die „Amazon ist kein guter Nachbar“-Plakate? Kupferblau sprach mit einigen Ladenbesitzer*innen und Mitarbeiter*innen, die das Plakat aufgehängt haben. Eines wurde dabei schnell deutlich: Um Kritik am Cyber Valley geht es den meisten nicht. Selbst in den Läden, in denen niemand zu einem längeren Statement bereit war, wurde uns bestätigt, dass das Plakat hauptsächlich aus Kritik an Amazon aufgehängt wurde.

Fast die Hälfte des rasant wachsenden Umsatzes aus dem Onlinehandel wird auf der Plattform von Amazon erwirtschaftet. Nur 4% der Deutschen geben an, noch nie bei Amazon bestellt zu haben. (Quelle: Christoph Scholz via Flickr “Paketband Online Handel Amazon Box”[CC BY-SA 2.0])

Etwas genauer formuliert diese Kritik das Team der Galerie dreiraum: Sie sehen KI zwar kritisch, haben das Plakat aber wegen Amazon und dem Internethandel im Allgemeinen aufgehängt. „Die Mentalität, die damit einhergeht, ist einfach problematisch. Alles wird bestellt und Vieles wieder zurückgeschickt, keiner nimmt sich mehr die Zeit, in Ruhe auszuwählen. Dazu soll noch alles möglichst billig sein. Dass die Sachen dann meist nicht lange halten, führt nur zu noch mehr Konsum“. Tübingen sei, was das Bewusstsein für die damit einhergehenden Probleme angeht, zwar speziell, aber selbst hier ist ein Laden wie der dreiraum auf Tourist*innen angewiesen, um zu überleben. Dass sich durch die Plakat-Aktion daran etwas ändert, glaubt das Team nicht: „Das Problem ist einfach zu groß, man weiß nicht, wie man es lösen soll.“

Kritik einer ganz anderen Art bekommen wir von einer Mitarbeiterin in Holdermann´s Uhrenkabinett zu hören: „Amazon behandelt seine Mitarbeiter einfach schlecht, nur die oben werden immer reicher“. Das Plakat habe sie aufgehängt, „damit die Leute da überhaupt mal drüber nachdenken. Es ist wichtig, seine Meinung zu sagen, sonst kann sich auch nichts verändern“. Dass das Plakat auch als Protest gegen das Cyber Valley gedacht ist, war der aufgeschlossenen Dame gar nicht bewusst.

Die Angst, Kund*innen zu verschrecken

Wer sich auf die Suche nach den Plakaten begibt, dem wird schnell auffallen, dass sie nur in kleinen, unabhängigen Läden zu finden sind. Weder die großen Modeketten, noch irgendeine der zahlreichen Osiander-Filialen, von denen man doch erwarten müsste, dass sie ein Interesse daran haben Amazons Marktmacht zumindest in Frage zu stellen, haben dem Plakat einen Platz im Schaufenster eingeräumt. „Bei den großen Ketten muss in der Regel erst die Leitung gefragt werden, bevor solche Plakate aufgehängt werden können“, erklären Mitglieder des Bündnisses No Cyber Valley. „Aber dieser Schritt wurde meistens gar nicht erst gegangen, wenn wir angefragt haben, sondern das Plakat wurde oft sofort abgelehnt. Das war schon sehr desillusionierend”.

Und noch eine Erfahrung machten die Bündnismitglieder beim Verteilen der Plakate: „In vielen Geschäften wurden unsere Plakate nicht aufgehängt, aus Angst Kunden zu verschrecken. Also auch wenn die Inhaber privat unsere Kampagne gut finden, wollen sie sich geschäftlich prinzipiell nicht politisch positionieren.“

Angst davor, durch das Plakat Kund*innen zu verlieren, hat man im dreiraum nicht: „Bei uns kaufen sowieso viele Menschen ein, die ganz bewusst nichts online bestellen, die finden sowas dann eher gut.“ Und im Uhrenkabinett ist man überzeugt: „Heutzutage muss man sich auch politisch positionieren. Man verliert mehr, wenn man es nicht tut. Und wenn ein Kunde reinkommt und sich über das Plakat aufregt, sage ich ihm, dass ich das anders sehe. Kann ja jeder seine Meinung haben.“

Die Plakate findet man eher bei kleineren Läden, große Ketten haben sich der Aktion bislang nicht angeschlossen.

Seit das Bündnis No Cyber Valley die Plakate vor einigen Wochen verteilt hat, haben einige Läden sie schon wieder abgenommen. Darum will das Bündnis demnächst neue Plakate verteilen, in der Hoffnung, dass mehr Ladenbesitzer*innen den Mut dazu haben werden, eins aufzuhängen. Auch Flyer sollen verteilt werden, die die wichtigsten Kritikpunkte am Cyber Valley erläutern. Denn eins ist bei unseren Gesprächen mit den Ladenbesitzer*innen und Mitarbeiter*innen deutlich geworden: Mit dem Begriff „Cyber Valley“ können nur wenige etwas anfangen. Und auch unter künstlicher Intelligenz können sich die wenigsten mehr als Roboter und autonomes Fahren vorstellen. Egal, ob man nun für oder gegen das Cyber Valley ist, sollte es daher allen ein Anliegen sein, die Debatte auch aus dem universitären Kontext herauszutragen und es allen Bürger*innen zu ermöglichen, an einem informierten Diskurs teilzuhaben.

Wer mehr über Künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen und die Forschung im Cyber Valley erfahren will, kann jeden Donnerstag um 20.15 in Hörsaal 21 im Kupferbau die Studium Generale-Vorlesung zu dem Thema besuchen. Die Schattenseiten beleuchtet die „Kritische Vortragsreihe Cyber Valley“, organisiert u.A. vom AK Cyber Valley der FS Politik und der FS Informatik, immer dienstags um 20.15, ebenfalls in Hörsaal 21 im Kupferbau.

Fotos: Luke Liscio

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