Wie antisemitisch ist Deutschland heute?

In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden Juden in ganz Deutschland in die Enge getrieben, misshandelt und getötet. Synagogen brannten nieder und Geschäfte jüdischer Inhaber wurden geplündert. Mehr als 80 Jahre ist das nun her. Zu diesem Anlass haben wir uns die Frage gestellt: Wie präsent ist Antisemitismus eigentlich heutzutage? Diese und mehr Fragen hat uns der Antisemitismusexperte Dr. Martin Ulmer beantwortet.

Als Geschäftsführer des Gedenkstättenverbund Gäu-Neckar-Alb und Leiter der Geschichtswerkstatt Tübingen kennt sich Dr. Martin Ulmer mit verschiedenen Formen von Antisemitismus bestens aus. Er lehrt am Ludwig-Uhland-Institut und leitet schon seit Jahren Seminare zum Thema Antisemitismus und Rechtsextremismus, um die Erinnerung an die NS-Zeit aufrecht zu erhalten.

Kupferblau: Sie haben ja in dem Bereich schon einige Publikationen zu dem Thema veröffentlicht. Inwieweit hatten die Novemberpogrome Auswirkungen in Tübingen, wie hat es Tübingen und Region betroffen?

Dr. Martin Ulmer: Es wurden in Deutschland und Österreich damals hunderte von Synagogen niedergebrannt und von Nationalsozialisten geschändet, auch die Synagoge in Tübingen. Das hat natürlich eine große, zerstörerische Wirkung gehabt und die Radikalisierung der Politik gegen Juden weiter vorangetrieben. Man kann sagen, das war der gewalttätige Übergang zum späteren Holocaust. In dieser Nacht wurden in Tübingen fünf jüdische Männer verhaftet. Vier wurden damals ins KZ nach Dachau verschleppt, mehrere Wochen lang. Juden hatten ab November 1938 kein Existenzrecht mehr in Deutschland. Danach sind die Auswanderungszahlen enorm in die Höhe geschnellt. Tübingen war zum Beispiel eine Hochburg des Nationalsozialismus. 1933 bei den Reichstagswahlen haben 62 Prozent der Tübinger und Tübingerinnen die neue Regierung Hitler gewählt.

Warum ist es wichtig auf den Jahrestag der Novemberpogrome aufmerksam zu machen und sich an die Geschehnisse zu erinnern?

Deutschland wird immer eine besondere Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen haben. Nicht Schuld – darum geht es nicht. Wir haben auch bei jüdischen Gästen bei der Begegnungswoche im November 2018 in Tübingen erlebt, dass sie sehen: Das Deutschlandbild hat sich verändert durch die intensive Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit, die Aufklärung, die Denkmäler und vieles mehr. Das sind wichtige Zeichen, dass man sich auch mit der Geschichte differenziert auseinandersetzen kann. Und dass die NS-Zeit auch kein, wie Herr Gauland von der AfD sagt, „Vogelschiss der Geschichte“ ist. Die Erinnerung wird auch in zukünftigen Generationen eine Aufgabe sein. Nicht nur solange es auch noch Holocaust-Überlebende gibt, ist das ein wichtiger Gestus. Und der nächste Punkt ist die aktuelle Bedrohung der Demokratie durch den Aufstieg des Rechtspopulismus und rechtsextremer Parteien. Bei der AfD ist der Übergang zum Rechtsextremismus in bestimmten Bereichen und bestimmten Parteikreisen wirklich evident. Die kommen mit den gleichen NS-Parolen: „Systemparteien“. „Volksverräter“, „Wir sind das Volk“, und so weiter. Die nutzen die Demokratie, das haben die Nationalsozialisten auch getan, und sie steigen in ihr zum Machtfaktor auf.

Denken Sie, dass es tatsächlich eine Bedrohung ist – dass es wieder passieren könnte in dieser Form?

Es ist immer schwierig, Prognosen abzugeben. Wir sind natürlich jetzt in Deutschland nicht so weit wie 1930 in Weimar. Die Demokratie in Deutschland ist zum Glück etwas gefestigter, der Rechtsstaat funktioniert. Aber wir haben auch immer wieder Probleme. In meinen Augen ist die AfD eine verfassungsfeindliche Partei. Vielleicht nicht in der Gänze, aber viele Funktionäre äußern sich verfassungsfeindlich und haben entsprechendes Gedankengut. Und deswegen sind sie eine Bedrohung. Die Frage ist: Wie geht man damit um? Wenn sie bei zwölf Prozent der Stimmen bleiben, dann kann die Demokratie solche Feinde verkraften. Wenn sie stärker und populärer werden, könnten sie auf diese Weise auch an die Macht kommen und dann wird es gefährlich.

Weshalb scheint das aber trotzdem zu funktionieren? Haben wir als Gesellschaft nichts daraus gelernt?

Wir haben in Deutschland – da muss man auch in die Nachkriegsgeschichte gehen – das Problem, dass es immer einen Bodensatz gab nach dem Ende des Nationalsozialismus, der antisemitisch, rassistisch, nationalistisch gedacht und deutsche Großmachtfantasien gehegt hat. Und dieses Potential greift die AfD auf, das sieht man in Ostdeutschland sehr gut, wenn man sich einmal die Wahlergebnisse der NPD anschaut. Diese rechtsextreme Partei flog nun aus den Landtagen raus und die AfD ist aufgestiegen. Die AfD hat das ganze rechtsextreme Wählerpotential in ihre Partei aufgenommen. Es gibt jetzt organisierte Rechtspopulisten, die gab es vor 10 Jahren noch nicht. Das ist wohl ein Grund für den Aufstieg der AfD. Es bildet sich real das ab, was vorhanden ist.

Hinzu kommt die Mobilisierung und Medialisierung: Sie versuchen Mobilisierungsstrategien mit ihrer grenzüberschreitenden Sprache, wie Alice Weidel mit ihren „Messermännern“. Übrigens eine Strategie, die auch die Nationalsozialisten angewendet haben. Heute hat man mit den sozialen Medien eine ganz andere Reichweite. Und deswegen ist das schon ein gefährlicher Punkt. In diesen Resonanzräumen, in denen sich Anhänger der AfD bewegen, tauschen sie sich ja gar nicht mehr aus. Das ist ein selbstverstärkender Raum, wo sich die Anhänger immer mehr in ihrer Meinung verstärken.

Nehmen Parteien wie diese das Tabu von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit weg?

Ja, ganz bewusst. Die rudern ja dann auch wieder zurück, weil sie merken, jetzt wird‘s kritisch. Das ist die Strategie: Immer am Rande der Legalität zu arbeiten, da wir in Deutschland bei diesem Aspekt  aus der Geschichte gelernt haben. Wer schreit „Schlagt die Juden tot“, der wird wegen Volksverhetzung verurteilt. Oder wer mit Hakenkreuzfahnen oder mit dem Hitlergruß in Chemnitz herumläuft, der muss verfolgt werden. Das ist ein Straftatbestand. Das war natürlich vor 1933 nicht der Fall. Heute weiß die rechte Szene genau, wie weit sie mit ihren Aktionen gehen können.

Da gab es ja in jüngerer Vergangenheit Vorfälle in Deutschland, in denen Juden angefeindet wurden, zum Beispiel der Angriff auf eine israelische Reporterin in Berlin. Müssen Juden derzeit in Deutschland Angst haben, ihren Glauben auszuleben?

Die Studien der letzten Jahre zeigen deutlich, dass Juden verstärkt Angst haben, sich in Deutschland öffentlich zu äußern. Das Bedrohungsgefühl der Juden hat eindeutig zugenommen. Die Täterschaft ist natürlich differenziert, in Berlin sind es zum Beispiel auch oft muslimische Jugendliche.

In Bezug auf die Täter: Sind es eher junge Menschen, oder ältere, die dieses Gedankengut in der Kindheit noch mitbekommen haben?

Anschläge auf Synagogen oder Schändungen jüdischer Friedhöfe werden oft von einem rechtsextremen Milieu verübt. Aber es gibt natürlich auch in Deutschland unter Linken oder Normalbürgern einen Antisemitismus. Antisemitismus ist schon ein Thema, das sich milieuübergreifend darstellt, es hat verschiedene Ausdrucksformen. Gewaltkriminalität geht verstärkt von rechtsextremen Kreisen aus, oder von Muslimen, die sich als Salafisten verstehen. Das ist nicht die Mehrheit. Bei Beschimpfungen und verbalen Angriffen gegen Juden sind es durchaus auch viele Menschen aus der Mitte.

Man muss sich auch mit diesen unterschiedlichen Ausdrucksformen auseinandersetzen. Im Bundestag von 2017 gibt es einen Antisemitismusbericht von unabhängigen Experten, diese haben verschiedene Studien ausgewertet und zusammengeführt. Da sagen zum Beispiel 20 Prozent „Juden arbeiten mehr als andere mit üblen Tricks um etwas zu erreichen“. Interessant ist, dass es neben diesem klassischen Antisemitismus, der nicht ganz so stark ist, auch um den einflußreicheren sekundären Antisemitismus geht.

Was genau bedeutet sekundärer Antisemitismus?

Es ist ein Antisemitismus, der sich versteckt zeigt, bei dem sich eine gewisse Deckerinnerung darüberlegt. Er ist verbunden mit der Schuld- und Erinnerungsabwehr. 26 Prozent der Befragten meinen, dass viele Juden angeblich versuchen würden aus der NS-Zeit heute ihre Vorteile zu ziehen. Oder auch „Ich ärgere mich darüber, dass den Deutschen die NS-Vergangenheit immer noch vorgehalten wird“, das ist auch Sekundärantisemitismus. Heute gibt es wenige bekennende Antisemiten, aber diese können ausweichen auf den sekundären und dabei auch ganz spezifisch auf den israelbezogenen Antisemitismus. Dazu gehört auch die  Aussage „Israel führt einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“, da sind auch fast 40  Prozent dieser  Auffassung.

Warum scheint dieser Krieg so ein großes Mitteilungsbedürfnis auszulösen?

Diejenigen, die sich gar nicht als klassische Rechtsextremisten sehen, können ihre antisemitischen Ressentiments in Form von israelbezogenem Antisemitismus ausleben. Das ist sozusagen die legitimere Form. Bei der Befragung war auch eine Aussage „Was die Israelis an den Palästinensern heute machen ist das gleiche, was die Deutschen den Juden im Nationalsozialismus angetan haben“. Diese Täter-Opfer-Umkehr ist dann antisemitisch, das ist nicht nur Kritik am Staat Israel oder an der Politik Israels, das ist dann eine antisemitische Formel. Die Diskussion geht oft darum: Wie weit kann die Kritik gehen? Und wo rutschen solche Aussagen in den Antisemitismus?

Was kann man tun, wenn man klassischen und sekundärem Antisemitismus im Alltag begegnet?

Wichtig ist immer, die Menschen darauf anzusprechen. In der Schule besteht häufig das Phänomen, dass „Jude“ ein Schimpfwort ist. Es reicht nicht, denen nur den Mund zu verbieten, man muss mit den Schülern auch diskutieren. Das  Nicht-Reagieren auf das Thema ist gefährlich. Damit wird Antisemitismus sagbar, wenn man nicht dagegen vorgeht. Man muss es angemessen ansprechen, nicht gleich mit dem Strafrecht drohen. Es hat auch keinen Sinn, jeden gleich als Nazi zu beschimpfen.

Wie können Sie da im Gedenkstättenverbund dazu beitragen?

Wenn Führungen von Erwachsenen oder Schulklassen sind, geht man von den historischen Orten aus und erzählt, was genau dort passiert ist, also Vermittlung von historischem Wissen. Dabei lassen wir aber durchaus einfließen: Wie ist es heute? Oft kommen diese Fragen auch von den Besuchern, die Parallelen herstellen. Und dann diskutiert man über das Thema. Man nimmt auch aktuelle Bezüge zum Rassismus, Rechtspopulismus, AfD, Antisemitismus rein. Die Gedenkstätten bieten auch Veranstaltungen an, in Tübingen zum Beispiel haben wir einen starken Schwerpunkt auf dem Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. Die Geschichtswerkstatt hat Veranstaltungen zur AfD und zum Kopp-Verlag in Rottenburg durchgeführt.

Martin Ulmer (links) mit einem Vertreter der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen bei einem Workshop zur Menschenrechtsarbeit in Gedenkstätten in der Stauffenberg-Gedenkstätte Albstadt-Lautlingen.

Wie kann man als junger Mensch respektvoll mit dem negativen Erbe umgehen?

Ich arbeite auch viel mit Jugendlichen und Jüngeren zusammen. Da ich Lehrbeauftragter am Ludwig-Uhland-Institut bin, habe ich viel Kontakt mit Studierenden. Ich sehe durchaus, dass es ein wachsendes Interesse gibt, die jungen Menschen suchen sich ihre eigenen Formen. Diese können manchmal auch fragwürdig sein, wenn man nur Selfies vor KZ-Gedenkstätten macht, aber vieles läuft heute eben in digitalen Formen der Auseinandersetzung ab. Jede Generation sucht sich eigene Formen des Erinnerns. Ein wachsender Teil der jungen Generation ist bereit, historische Verantwortung für die NS-Verbrechen zu übernehmen.

Die allgemeine Meinung, oder die der alten Generation, ist ja eher anders herum, dass man sagt: Die Jugend macht nichts mehr, ist nicht politisch.

Ja, aber das war schon immer so: Die ältere Generation hat sich schon immer über die jüngere beschwert. Die Generation der 2000er Jahre war der Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit eher überdrüssig. Und die heutige junge Generation stellt wieder mehr Fragen und will zur NS-Vergangenheit mehr wissen. Vielleicht nicht die Mehrheit, aber ich sehe durchaus, dass junge Menschen sich dem Thema mit Neugier stellen. Eine Minderheit bewegt oft mehr und ist oft prägender als die Mehrheit.

Das ist doch ein schöner Schlussgedanke. Vielen Dank für das Gespräch!

Titelbild: Leonie Müller
Foto: Martin Ulmer

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