Zukunftsszenarien eines klimaneutralen Deutschlands

Eine Ökonomin, die zum Thema Umwelt forscht? Klingt erstmal wie ein Paradox. Wer jedoch am Mittwochabend dem Vortrag von Dr. Monika Dittrich im Kupferblau lauschte, erkannte schnell, wie sinnvoll und notwendig die Kombination dieser beiden Themenbereiche ist.

Dittrich arbeitet am unabhängigen Institut für Energie und Umweltforschung in Heidelberg (kurz IFEU) und war auf Einladung der Tübinger Studierendeninitiative „Rethinking Economics“ nach Tübingen gekommen. Im Rahmen der von den Studierenden organisierten Ringvorlesung hielt sie einen Vortrag zum Thema „Kapitalismus und Umwelt – Welche Defizite beheben Materialflussanalysen?“

Bevor Dittrich in ihr eigentliches Forschungsfeld, die Materialflussanalysen (MFA) einstieg, erläuterte sie zunächst einige allgemeine Probleme. „Der Kapitalismus ermöglicht und fördert es, Gier auszuleben. Als erfolgreich gilt, wer möglichst viel akkumuliert“. Die Umwelt bzw. die Natur sei dagegen die produktive Kraft, die Werte überhaupt erst schafft. Diese Kombination habe dazu geführt, dass der Umwelt zum Teil ökonomische Werte zugewiesen wurden, z.B. Rohstoffen, aber auch Strafzahlungen im Falle von bestimmten Verschmutzungen.

Dr. Monika Dittrich forscht zu den Themen Ressourceneffizienz, internationaler Handel und ökonomieweite Materialflussanalysen.

Als ein Beispiel von Umweltbepreisung nannte Dittrich den Preis für CO2(-äquivalente) Tonnen, der an der European Energy Exchange, sprich an einer Börse, gehandelt wird. Lange lag dieser Preis zwischen 5€ und 10€, seit gut einem Jahr ist er angestiegen auf rund 25€. Ob dieser Preis angemessen ist, lässt sich aber erst diskutieren, wenn man auch die sogenannten Umweltschadenskosten betrachtet. In diese Berechnung fließen zum Beispiel die Kosten für Ernteverluste, Bodensanierung und nicht vermiedene Umwelt- und Gesundheitsschäden sowie Vorsorgekosten beispielsweise für Hochwasserschutz mit ein. 2016 lagen die Umweltschadenskosten für eine Tonne CO2(-Äquivalent) bei 180€, deutlich höher also als der Preis, den Unternehmen momentan für den Ausstoß einer Tonne CO2(-Äquivalent) an der Börse zahlen.

Der dominierenden Preisdenke etwas entgegensetzen

Mit genau solchen Zusammenhängen und Ungereimtheiten beschäftigt sich Dittrich in ihrer Forschung. Bei einer Materialflussanalyse sollen die monetären Rechnungen, die momentan in allen Bereichen vorherrschend sind, in physische Rechnungen übertragen werden. Dafür werden alle physischen Materialströme einer Ökonomie quantifiziert, das heißt, alles was dem Boden entnommen und von der Ökonomie im- und exportiert wird, wird in Betracht gezogen. Das Ziel dabei ist es, der dominierenden Preisdenke etwas entgegenzusetzen.

Das Netzwerk Plurale Ökonomik e. V. hat seine Wurzeln in einer studentischen Initiative an der Pariser Uni Sorbonne im Jahr 2000: Studierende hinterfragten das neoklassische Modell der Ökonomie. 2007 wurde der Verein in Deutschland gegründet.

Die Rechenmethodik dieser Analysen beruht auf der VWL-Gesamtrechnung. Dabei gehen die Umweltökonom*innen jedoch sehr differenziert vor. Dittrich berichtet zum Beispiel von einem Modell, das sie mit Kolleg*innen für  „Eurostat“ entwickelt hat. In diesem Modell kann zwischen 172 verschiedenen Gütergruppen beziehungsweise Produktionssektoren unterschieden werden, zudem werden auch die Vorketten mit einbezogen, unter anderem kann der verwendete Strommix der 30 Haupt-Exportländer aus denen Deutschland Waren erhält, mit einbezogen werden.

Durch diese differenzierten Rechenmodelle kann nicht nur berechnet werden, wie viele Ressourcen zum Beispiel die Deutschen im eigenen Land verbrauchen, sondern auch, wie viel sie durch ihr Verhalten in anderen Ländern verbrauchen. So werden Verteilungsungerechtigkeiten klar aufgezeigt, wobei die ethische Bewertung nicht in das Feld der Umweltökonom*innen gehört.

Zukunftsszenarien…

MFAs können für vielfältige Zwecke eingesetzt werden, zum Beispiel um die in Zukunft in Deutschland benötigte Rohstoffmenge zu modellieren. Viele der Auftraggeber derartiger Studien sind Statistikämter und Ministerien, vor allem das Umweltbundesamt. Ein kleinerer Teil kommt auch aus der freien Wirtschaft.

Für das Umweltbundesamt arbeiten Dittrich und ihre Kolleg*innen aktuell an dem Projekt „Treibhausgasneutrales Deutschland im Jahr 2050“. Die Forscher*innen stellten insgesamt fünf technisch ambitionierte Szenarien auf, wie Deutschland bis 2050 auf einem ressourcenschonenden Weg Klimaneutralität erreichen könnte. Das erste dieser Szenarien, das bereits veröffentlicht wurde, trägt den Namen „Den Weg zu einem treibhausgasneutralen Deutschland ressourcenschonend gestalten“ und unterstellt, dass Deutschland seinen Strom bis 2050 aus 100% erneuerbaren Energien gewinnt. Außerdem müsse es Umstellungen in Industrie und Landwirtschaft geben, Ressourcen- und Energieeffizienz müssten gesteigert werden. Dabei gehen Wissenschaftler*innen von einem durchschnittlichen jährlichen Wirtschaftswachstum von 0,7% aus, was die meisten Ökonom*innen wohl als Horrorszenario abtun würden. Zusätzlich muss auch der Rest der Welt deutliche Fortschritte bei der Treibhausgasreduktion machen, sonst wäre das deutsche Ziel nicht zu erreichen.

…und der Einfluss der Politik

Dittrich machte sehr deutlich, dass derartige Prognosen bei dem derzeit von der Politik verfolgten Kurs absolute Utopien bleiben würden. Für sie sei es schwer zu verstehen, warum die Politik nicht mehr Maßnahmen zur Emissionsreduktion in Angriff nehme und diese auch schneller umsetze. Die Berichte aus der Wissenschaft seien alarmierend, wie beispielsweise der vor kurzem erschienene. Besonders, wenn man sich Rechnungen wie die eingangs genannten Umweltschadenskosten ansehe, müsse die Politik doch ein Interesse daran haben, zu handeln.

Für Dittrich besteht der nächste Schritt ihrer Forschung darin, der Idee des Kapitalismus ohne Grenzen entgegenzutreten. Es sei notwendig, die planetaren Grenzen von Rohstoffen zu berechnen. Allerdings sei es eine große Herausforderung, die tatsächlichen Grenzen der Materialausnutzung zu definieren.

In ihrem Fazit kam die Ökonomin noch einmal auf die Politik zu sprechen. „Unsere Studien zur Ressourceneffizienz werden von allen Akteuren begrüßt. Man muss aber auch ganz klar sagen, dass alles, was mit konsumbezogenen Indikatoren zu tun hat, von den Regierungen weder gefordert noch gefördert wird“. Generell sei die Idee, dass man Konsum limitieren müsse, im öffentlichen Diskurs bisher kaum vorhanden und nicht akzeptiert. Dittrich erntete großen Applaus von den Anwesenden für ihren informativen und ehrlichen Vortrag.

Die Studierenden Konrad Heinz und Maren Stoppel wünschten sich mehr Abwechslung in ihrem Studiengang. Diese soll ihnen die Vorlesungsreihe bieten.

Im Anschluss eröffnete Konrad Heinz von „Rethinking Economics“ die Diskussionsrunde. „Rethinking Economics“ (RE) ist eine Ortsgruppe des Netzwerk Plurale Ökonomik e. V., das sich für eine diversifizierte Lehre und Forschung in den Wirtschaftswissenschaften einsetzt. Kupferblau traf Heinz und seine Mitstreiterin Maren Stoppel vor dem Vortrag zum Interview.

„Ökonomie ist nicht das einzig Wahre“

Kupferblau: Warum engagiert ihr euch bei Rethinking Economics?

Stoppel: Als ich mit dem Studium anfing, habe ich schnell gemerkt, dass es sehr einseitig ist. Auf der Suche nach weiterführenden Aspekten bin ich dann auf Rethinking Economics gestoßen.

Heinz: Ich bin schon vor meinem Studium Mitglied bei RE geworden. Ich hatte mich schon lange für die Weltwirtschaft interessiert und gemerkt, dass es viele Probleme gibt, viele Dinge, die nicht so aufgehen, wie sie es sollten. Probleme wie Ungleichheit oder Klimawandel müssen in den Wirtschaftswissenschaften mehr verhandelt werden.

Habt ihr an der Uni denn schon Konkretes erreicht?

Heinz: Na ja, eher kleine Schritte. Unsere Ringvorlesung gibt es ja schon seit mehreren Semestern und inzwischen können die Studierenden immerhin einen Sitzschein machen, der 2 ECTS-Punkte bringt. Unser Ziel ist es aber, dass die Vorlesung mehr institutionalisiert wird, also als Pflichtveranstaltung für alle WiWi-Studierenden, die dann auch 6 ECTS-Punkte bringt.

Stoppel: Man merkt, dass an einigen Unis so langsam ein Umdenken einsetzt. Einige Wenige erweitern ihr Angebot durch pluralistischere Ansätze.

Heinz: Einige Professoren finden, wir seien schon sehr plural hier in Tübingen. Es ist aber wichtig, nicht Themen-Pluralität mit Theorie-Pluralität zu verwechseln. Es gibt hier einige Professoren, die unserer Gruppe nicht abgeneigt sind, wobei die dann oft sagen, dass man sowieso nichts Konkretes ändern kann, weil die finanziellen Mittel fehlen. Es gibt aber auch einige Professoren, die uns belächeln, nach dem Motto: „Ist ja süß, was ihr macht, aber eigentlich auch Schwachsinn.“

Das mit den finanziellen Mitteln ist bestimmt wirklich nicht so einfach, oder? Wie finanziert ihr zum Beispiel die Reisekosten und Honorare eurer Redner*innen?

Stoppel: Wir bekommen teilweise Fördermittel durch die QSM (Qualitätssicherungsmittel), da arbeiten wir mit der Fachschaft zusammen, und teilweise auch einige Fördermittel vom Institut für New Economic Thinking. Normalerweise übernehmen wir nur die Reisekosten unserer Vortragenden.

Heinz: Abseits vom Mainstream sind die Dozent*innen oft auch ohne Honorar motiviert, Vorträge zu halten, auch, wenn sie aus anderen Bereichen kommen. Das passt ja auch zu der Idee, dass Ökonomie eben nicht das einzig Wahre ist.

Danke für das Interview!

Bei Rethinking Economics sind Studierende aller Fachrichtungen willkommen. Wer mehr über die Gruppe erfahren möchte, kontaktiert sie am besten über Facebook. Die Ringvorlesung „Kapitalismus – Konzepte, Kernfragen und Kritik“ findet noch bis zum 10.07.2019 jeden Mittwoch um 18.15 im Kupferbau, Hörsaal 22, statt.

Bilder: Leonie Müller, Rethinking Economics

Beitragsbild: Pixabay

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