„Doppelsiege gibt’s hier nicht“

Fans des energischen Dichterwettstreits zog es auch letzten Mittwoch wieder auf die Zuschauerränge des LTT. Zu einem Poetry-Slam, dessen Entscheidung so knapp war, dass selbst der amtierende Slam-Meister Jean-Philippe Kindler mehrfach hinhören musste, um den Sieger zu bestimmen.

Von einem vielfältigen Repertoire an Texten, oder wie es der Facebook-Post ankündigte: einem bunten Gartensalat an Poesie, konnte wahrhaftig die Rede sein, als am Mittwochabend sechs Slam-Poeten die Theaterbühne des LTT betraten. Im Gepäck: ein selbstgeschriebener Text, keinerlei Requisite und sechs Minuten Zeit, um das Publikum von der eigenen Life-Literatur zu begeistern. Ob melancholisch (Pauline Spatz, Lisa Heubach), schwäbisch-bodenständig (Klaus Schmidt) oder deep (Vincent Sboron) – es war für jede Gemütslage der passende Text dabei. Für Erheiterung sorgte vor allem Sarah Kentner, als sie Geschichten eines „afro-schwäbischen Alltags“ verlas, und sich als Talent der verschiedenen Stimmlagen erwies. Sie sprach zu den Zuschauer als grummeliger Beamter oder quäkiger Teeni. Oder Marius Loy, der mit einem „herzlichen Schalömchen in die Runde“ begrüßte und humoristisch gegen die Verteufelung des Rauchens eintrat. Er statuierte: „Mein Körper ist ein Tempel, und ich habe beschlossen, ihn einzureißen“.

„Ich mache Geschichten vom Klemmbrett“. Sarah Kentner besticht mit viel Witz und Geschichten aus ihrem „afroschwäbischen“ Alltag.

Nicht nur Wortakrobatik ließ die Zuschauer frenetisch applaudieren, auch der Musiker August Klar, der „immer eine Vier in Musik hatte“, begeisterte mit Loop-Station, Gitarrenspiel und Beatboxing. Moderator des Abends war Jean-Philippe Kindler, einer, der gerne „frenetisch“ sagt, oder „knusper“. Der ehemalige Tübinger Rhetorik-Student, nun deutschsprachiger Slam-Meister, trug ebenfalls zur guten Stimmung im voll besetzten Saal bei und war sich dabei nicht zu schade, die ein oder andere Anekdote einfließen zu lassen und, natürlich, ein bisschen politisch zu werden. („Ich bin ganz unparteiisch unterwegs, würde doch nie sagen, dass ich die Grünen wähle“). In seinem Slam-Text, einer Allegorie auf den EU-Wahlkampf, treten die Kandidaten auf dem Fußballplatz gegeneinander an und Kindler ist der Kommentator:

„Da kommt Ska Keller, von Linksaußen, das Solarpennel schwingend. Uuund die Innenverteidigung: Weber, Orban. Im Tor: Junker“.

Knappe Entscheidung

Ins Finale schafften es schließlich die Tübingerin Sarah Kentner, Lisa Heubach aus Stuttgart, und Vincent Sboron aus Bonn. Die knappe Entscheidung fiel letztlich zwischen der Tübingerin und dem Bonner – ganze drei Mal ließ Kindler das Publikum klatschen und rufen, schien die Applausfrequenz doch gleichauf zu sein. Aber Kindler blieb konsequent: „Wir stimmen so lange ab, bis wir einen Sieger haben, Doppelsiege gibt’s hier nicht“. Denn Sarah Kentner bestach mit der humorvollen Erzählung, wie sie als Zeugin einer verschwundenen Schildkröte ins Fadenkreuz der Ermittlungen geriet. Und Vincent Sboron fragte sich, was schief läuft in seiner Generation. Er sprach auswendig, eloquent, sagte gern „derweil“ und „beliebig“, irgendwie episch, ein bisschen verschwurbelt – und gewann.

„Mein Text, ein Beweis meines sonst so bedeutungslosen Daseins“, Vincent Sporon, der Gewinner des Abends, überzeugt das Publikum mit Tiefe.

Der nächste Poetry Slam im LTT findet am 26.06.2019 statt.

Fotos: Friederike Streib.

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