Brexit – irgendwie, irgendwo, irgendwann

Die Verhandlungen rund um den Brexit ziehen sich. Man mag gar sagen, dass sie sich sehr ziehen. Doch immerhin bleibt so jedem die Gelegenheit sich ausreichend über die Hintergründe zu informieren. Bereits gut informierte Dozenten der Tübinger Universität nutzten diese lange Zeit währenddessen zur Organisation einer Podiumsdiskussion, die sich mit dem Fall Nordirland und seiner Bedeutung im Kontext des Brexit befasste, in einer diesmal recht ungewöhnlichen Atmosphäre.  

Es war Dienstagabend, 18.30 Uhr in der Tübinger Altstadt, und so mancher Gast wird sich wohl verwundert die Augen gerieben haben, hatte er doch gar nicht geplant einer Veranstaltung zum Nordirlandkonflikt beizuwohnen. Doch wie rutscht man eigentlich unfreiwillig in so einen Vortrag? Der Reihe nach.

Hauptverantwortlich für diese Überraschung sind wohl in gewisser Form die Gewinner des Tübinger Lehrpreises 2018: Thomas Nielebock, Alexander Kobusch und Natalie Pawlowski vom Institut für Politikwissenschaft hatten den Preis zuletzt für die Ausrichtung eines standortübergreifenden Seminars erhalten, das unter Einsatz von Videokonferenztechnik und digitalen Lernplattformen an acht Universitäten gleichzeitig stattfand.

Auch in diesem Semester ist das Seminarkonzept wieder am Institut zu finden. Diesmal unter der Leitung von Alexander Kobusch und Gabi Schlag, werden besonders Sezessionskonflikte unter die Lupe genommen. Im Rahmen dieses Seminars wurde so auch die nordirische Journalistin und Buchautorin Siobhán Fenton eingeladen. Kurzerhand entstand dabei die Idee neben einem Auftritt im Rahmen des Seminars auch noch eine weitere, offene Veranstaltung zum Thema zu organisieren. Und da man tagsüber bereits ausreichend Zeit in der Uni verbringt, entschied man sich auch hier auf eine kreativere Lösung zurückzugreifen und verlegte die gesamte Veranstaltung ins Schmitz Katze in der Ammergasse.

Bei gemütlicher Atmosphäre und schummrigen Licht trafen sich nun also Studierende, Dozenten, Experten und sonstige Interessierte, zu denen auch einige Leute gehörten, die zunächst mit verdutztem Blick die Bar betraten und sich zu ganz unterschiedlicher Verweildauer entschieden. Währenddessen lauschten die Anwesenden neben den Ausführungen Fentons auch denen des Tübinger Professors Martin Seeleib-Kaiser.

Keine Lösungen sind keine Überraschung mehr

Diskutiert wurden dabei einige Aspekte der Geschichte Nordirlands und der rechtlichen Situation des Landes im Vereinigten Königreich, aber auch die Stimmung in der Bevölkerung und potenzielle Ansätze für eine Lösung des Brexit-Dilemmas. Die beiden Hauptredner waren dabei meistens einer Meinung, betonten jedoch immer wieder unterschiedliche Aspekte des Konflikts. Einen wirklich positiven Ausblick oder gar eine optimistische Lösungsidee wollte dennoch niemand formulieren. Stattdessen wurde die Komplexität der Situation deutlich.

Fenton unterstrich zunächst die nach wie vor bestehenden Diskrepanzen zwischen Irland und Nordirland. Sie verwies auf die nach wie vor enorme Bedeutung der Religionszugehörigkeit in Nordirland und sprach neben Diskriminierung anhand religiöser Trennlinien auch von der deutlichen Trennung innerhalb der Gesellschaft, in der 93% der Kinder auf Schulen gehen, die entweder rein katholisch oder protestantisch sind.

Als würden religiöse Konflikte und der reine Disput zwischen Irland und Nordirland nicht bereits ausreichen, wurden zunehmend auch Großbritannien und die EU als zusätzliche, gewichtige Stimmen diskutiert. Auch die Erinnerungen an die gewaltvollen Auseinandersetzungen vor etwas mehr als 20 Jahren klangen immer wieder unheilvoll an. Interessiert folgten die Gäste dabei den Ausführungen der Redner, einzig vom vereinzelten Zischen der Kaffeemaschine unterbrochen, welches von allen mit viel Humor genommen wurde.

Der Verzehr von Speisen und Getränken war im Hörsaal diesmal ausdrücklich nicht untersagt.

Die gemütliche Stimmung und Nähe zwischen Publikum und Experten, die auch Mikrofone überflüssig machte, holte dann auch allmählich die Zuhörer mit ins Boot, die zunehmend Fragen zu Zukunftsszenarien, gesellschaftlichen Positionen und der Geschichte stellten. Deutlich wurde dabei vor allem immer wieder, dass eine harte Grenze von keinem der Akteure gewünscht wird und dennoch immer näher zu rücken scheint. Hatte die starke Unterstützung, welche die EU den Iren in Folge der Brexit-Entscheidung zukommen ließ die Briten womöglich noch überrascht, stünde ein Nachgeben der britischen Regierung zugunsten einer offenen Grenze doch im eklatanten Kontrast zum Hauptziel der Brexit-Kampagne: „Take back control“.

Trotz einiger Witze konnten die Experten eine leichte Enttäuschung nicht verbergen, erscheint eine Lösung doch kaum möglich. Mal betonten sie wie das Thema der nordirischen Grenze in Großbritannien scheinbar unzureichend diskutiert wird, dann wieder warum die Briten im Falle Nordirlands wohl niemals nachgeben könnten. Auch Jahre nach dem Brexit-Votum schienen Fenton, wie auch Seeleib-Kaiser noch von der Abstimmung enttäuscht und sich doch ein wenig zu wünschen, der Brexit würde nie stattfinden. Immerhin war der Vorschlag den Brexit bis in alle Ewigkeit aufzuschieben nicht weniger realistisch als alle anderen, geschieht seit Jahren doch eigentlich genau das. In diesem Sinne scheint nicht nur eine erneute Veranstaltung in einem solchen Rahmen ein erfreulicher Gedanke, könnte man doch auch darauf hoffen in zehn Jahren noch immer das gleiche Thema des „baldigen“ Brexits identischen Rahmen zu diskutieren. Gerade dann dürfte eine Bar bei einem solchen Thema erst recht von Nöten sein.

Fotos: Leonie Müller

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