Themenvorträge im Schloss – Der Alltag unserer Ahnen

Am Sonntag, den 12. Mai 2019 fand im Museum der Universität Tübingen auf dem Schloss ein Themenvortrag zu „prähistorischen Pfahlbauten“ statt. Thema war die Neolithische Revolution in Mitteleuropa, zu der es auch eine Ausstellung im Museum gibt. Die Ägyptologin Dr. Ulrike Fritz sprach im Fünfeckturm über den Alltag vor 6000 Jahren.

Zu Anfang kündigte sie an, ihren Vortrag auf das Freilichtmuseum am Federsee zu konzentrieren, das sie selbst besucht hatte. Ein grober Überblick über Begriffe und Zeiträume folgte. So erfuhr man, dass der Begriff der Neolithischen Revolution von 1936 stammte und an den Begriff der Industriellen Revolution angelehnt worden war. Mit einer Klimaerwärmung setzte am Ende einer Epoche, die als Alt- und Mittelsteinzeit bezeichnet wird, eine Neuentwicklung ein, die durch erzeugende Wirtschaftsweisen wie Ackerbau und Viehzucht, Sesshaftigkeit und Vorratshaltung gekennzeichnet war und als Jungsteinzeit (griechisch: Neolithikum) bezeichnet wird. Diese Klimaerwärmung fiel weltweit auf 9500 v. Chr., wobei die Sesshaftwerdung und der Ackerbau in Mesopotamien bereits 10000 v. Chr. einsetzten, in Mittelamerika zwischen 9000 und 8000 v. Chr., in Südchina 8000 v. Chr., in Europa aber erst 5500 v. Chr. Dabei verliefen alle diese Entwicklungen unabhängig voneinander.

Wie wohnten unsere Vorfahren?

Die Pfahlbausiedlung bei Bad Buchau am Federsee im Speziellen gilt als die erste Siedlung der Gegend überhaupt, wobei nicht geklärt ist, ob es nicht noch ältere Siedlungen gegeben hat. Grund dafür ist, dass nur der Torf im Moor des Federsees bei Bad Buchau die vergänglichen Materialien konserviert hat, von Siedlungen an Land aber auf Grund der Verrottung nichts mehr gefunden werden kann. Bemerkenswert war der am Rande erwähnte Umstand, dass es sich bei den Gründern der Pfahlbausiedlung um Zuwanderer gehandelt hatte, nämlich Homo Sapiens Sapiens. Besiedelt war die Gegend schon länger gewesen, und zwar von umherziehenden Neandertalern. Da die Anlage als älteste gilt, gilt auch die dort ansässig gewesene Schussenrieder Kultur, die auf 4300-3900 v. Chr. datiert wird, als erste sesshafte Süddeutschlands.

Eine Ausstellung der jungsteinzeitlichen Funde kann im Museum der Universität besichtigt werden. Für Studierende ist der Eintritt frei. (Bild: V. Marquardt / MUT)

Im Vortrag folgten Aufnahmen von Grabungen aus den 1920er Jahren und aus moderner Zeit, Funden, Nachbauten und experimenteller Archäologie. Dazu erklärte Frau Fritz, was man bisher rekonstruiert hatte. Beim Hausbau war eine hohe handwerkliche Fertigkeit belegt: Der Holzfußboden der Pfahlbauten war mit Lehmestrich bestrichen, die Flechtwände mit Lehmputz beworfen worden. Häuser, die bei Niedrigwasser nicht im Wasser sondern im Moor standen, verfügten über eigene Toiletten hinter dem Haus, denen man viele informative Funde entnommen hatte und so Aussagen über Ernährung, Krankheiten und verwendete Heilmittel treffen kann. Außerdem waren jene Häuser über Bohlenwege miteinander verbunden.

An archäologischen Funden mangelte es in Bad Buchau sowieso keinesfalls: Webnadeln, Webgewichte, Ackerwerkzeuge und Küchenwerkzeuge wurden dort entdeckt. Des Weiteren hatte man herausgefunden, dass im Hinterland am Ufer Ackerflächen durch Brandrodungen geschaffen worden waren, die Menschen aber trotzdem noch gesammelt hatten. Sie hatten bereits Hunde, Ziegen, Rinder, Schweine, Schafe und Pferde domestiziert – die Domestikation von Rotwild war gescheitert. Einbäume, einfache Boote aus Baumstämmen von denen auch funktionsfähige Nachbauten existieren, waren ausgegraben worden. Man hatte Fischreusen, Angeln, Harpunen und ein Rad, das auf 2700 v. Chr. datiert wird, entdeckt. Kurioserweise kannten die Alten Ägypter dieses zu jener Zeit noch nicht.

In diesem Zusammenhang darf auch die neolithische „Schleife“ nicht unerwähnt bleiben, ein Zwischending zwischen Karren und Schlitten mit zwei Rädern, das von zwei Tieren gezogen wurde. Außerdem bekam man einen Nachbau eines Feuerzeugs zu sehen, dass allein durch Schlagen auf einen Stein zu brennen beginnen sollte. Die Fotoserie wurde abgerundet mit Bildern von Körben, Sieben, Hüten, Schuhen, Rucksäcken, Birkenpechkaugummis, Kämmen, Schmuck und Feuersteinklingen sowie Lochäxten, die als Statussymbole dienten und die allesamt erfolgreich nachgebaut worden waren. Die Bilderschau fand ihren Höhepunkt in den Aufnahmen von Baumfällarbeiten mit einer Steinaxt, die recht mühelos verlaufen waren.

Rekonstruktion einer steinzeitlichen Steinaxt. Die Fähigkeit komplexere Werkzeuge herzustellen und zu nutzen war ein enormer Vorteil unserer prähistorischer Vorfahren. (Bild: U. Fritz)

Kulte und Kalender

Als nächstes ging es um Religion, so weit man diese fassen konnte. Offenbar verehrten die jungsteinzeitlichen Menschen ihre Ahnen in Ahnenhäusern, in denen sie Stammbäume aufbewahrten. Verschiedene Indizien sprechen auch für einen Fruchtbarkeitskult um eine Muttergottheit, einen Sonnenkult und einen Mondkult, wobei keines das andere ausschließt. Die Menschen bestatteten ihre Toten damals ohne sie zu verbrennen in Gräbern. Einzelne Tote in Hockstellung, Familien beieinander liegend in einer Gruppe. Die meisten Toten bekamen eine Totenmaske aufgesetzt. Einzelne Menschenopfer, vor allem Kinderopfer sollen belegt sein.

Spätestens ab der Bronzezeit, die um das Jahr 2300 v. Chr. beginnt, rechneten die Menschen in einem 19-jährigen Sonnen-Mond-Zyklus mit einem 365-Tage-Jahr, das in 52 Wochen und 30-tägige Monate aufgeteilt war. Mit dem Beginn der Bronzezeit fällt auch das Ende der Pfahlbauzeit zusammen, alle bisher erwähnten Gegenstände wurden in der Umgebung des Federsees auch für diese Epoche geborgen, dazu Schmucknadeln und erste Glaserzeugnisse.

Nach einer ausgiebigen Fragerunde und für diesen informativen Vortrag verdienten Applaus verliefen sich die Zuschauer.

Wer mehr über unsere steinzeitlichen Vorfahren und deren Alltag erfahren möchte, dem sei ein Besuch im Museum der Universität oder im Freilichtmuseum Bad Buchau empfohlen.

Beitragsbild: A. Borchert

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