Im Rausch der nackten Wahrheit

Vergangenen Samstag feierte das Zimmertheater Tübingen erneut eine gelungene Premiere mit der zynisch tiefenpsychologischen Inszenierung „Götzendämmerung – Post-Fuck-Tische Ergüsse zum Zeitgeschehen“. Allein der eher skurrile Titel füllte die Theaterräume in der Bursagasse mit Spannung und Vorfreude auf eine gewagte Interpretation des Zeitgeschehens. Der fünfköpfige Teil des ITZ Ensembles sowie die Theaterproduzenten ernteten minutenlangen Applaus. Mit eindrucksvollen Texten und bunten-zynischen Zukunftsfantasien wird jeder Zuschauer Teil der Darstellung. Man ist gezwungen den Ist-Zustand in Frage zu stellen und den individuellen Möglichkeitssinn zu aktivieren.

Seit vergangener Saison begeistert das Zimmertheater unter der Intendanz von Peer und Dieter Ripberger und einem blutjungen Ensemble mit mitreißenden Inszenierungen, die zeitgenössische Themen auf die Bühne bringen. Auch in der Uraufführung „Götzendämmerung“ gelingt es den Theatermachern, komplexe Themen wie politische Unwahrheiten und hemmungslose Gewinnmaximierung auf unterhaltsame Weise in Szene zu setzen. Was das Publikum begeistert, ist der tiefgesellschaftskritische Sinn der sich hinter schockierend ehrlichen, aber auch amüsanten Bühnenbildern und Dialogen versteckt. Das ITZ schafft es somit erneut mit einer neugeborenen Form der Theaterästhetik zu brillieren und hinterlässt tiefen Eindruck bei den Zuschauern.

Märchenstunde FSK 16

Die halbnackten Figuren auf der Bühne sind geplagt von apokalyptischen Weltuntergangsszenarien. Einige werden von traumatischen Albträumen heimgesucht, andere leiden bereits an dauerpessimistischen Angstzuständen. In einer Welt voller Lethargie, in der der Boden ein Labyrinth ist und Pressefreiheit ein hässlicher Bösewicht, fühlen sich die Entblößten wie auf der sinkenden Titanic. Doch Rettung ist nah! Es wird geträumt von der popkulturellen Version des Sexgottes Thor – männlich, muskulös, mit perfektem Haar. Jegliche Grenzen der Ästhetik werden überwunden und jeder kreiert seinen eigenen perfekten Mythos, der Erlösung verspricht. Doch wer sich nicht mit sexistischen Macho-Superheldfantasien zufrieden gibt, der nutzt Feminismus als potentiellen Rauschzustand. Geblendet von der eigenen fantasierten Wahrheit kann keine Empathie mehr empfunden werden und der Versuch sich mitzuteilen scheitert kläglich. Die aufgebrachte Frau mit drei Brüsten zerbricht an der Suche nach der richtigen Sprache, um die Welt vor mehr Fakenews zu bewahren.

Zusammenhalt trotz diverser Zukunftsfantasien.

Ketzer im Kaufrausch

Das hoffnungslose Umherirren in unendlich langen Einkaufspassagen gehört auch zu einer bewusstseinserweiternden Erfahrung. Ziellose Shopping Süchtige finden hier nicht nur Federn und Klunker, mit denen sie sich schmücken, sondern schimmernde Selbstinszenierung verziert mit höchster Dekadenz. Der Mann, der sich ungeschminkt und wahrhaftig dem Publikum stellen will, trifft in einer Welt von schmalen Nasen und zentimeterdickem Rouge auf Spott und Hohn. Wirtschaftlicher Nutzen und Konsummaximierung scheinen die neue Bibel zu sein. „Eat as much as you can“ lautet die Devise! Wer glaubt da noch an die nackte ungeschönte Wahrheit wie sie von Gott geschaffen wurde? Verzweifelt wird bei Nietzsche nach einem wahrhaftigen Sinn gesucht. Aber Gott ist seit 2000 Jahren tot! Was macht dann alles noch für einen Sinn?

Ekstatische Lustmaximierung

Die Menschheit scheint sich Erregung und Selbstvergnügen als Lebensprinzipien auf die Fahne geschrieben zu haben. Lust ist das vorherrschende Gesetz in der individuellen abgeschirmten Seifenblase, in der jeder vor sich hinlebt. Wer nicht auf Erlösung von Jesus oder Thor warten will, deklariert sich demnach zu seiner eigenen Lustgöttin. Teils auf sehr expressive Weise wird den Zuschauern der verzweifelte Versuch der sexuellen Befriedigung vor Augen geführt. Zurück bleibt das Gefühl nachorgastischen Ekels, wie eine Verzweifelte ihre hilflose Gefühlslage beschreibt. Neben sexuellen Hochgefühlen, wird alkoholbasiertes Tanzen als physische Form des Deliriums auf eindrückliche Weise in Szene gesetzt. Wie allseits bekannt: „A little party never killed nobody“. Wieso also nicht Partys als Schlüssel zur Wahrheits- und Selbstfindung erproben? Die tanzenden nackten Körper werden zu einer homogenen Masse, in der jeder ein Teil im elastischen Tanzgefüge ist. Auf der Tanzfläche ist ein neues Ideal und somit eine bessere Wahrheit geboren, in der zumindest alle Tanzwütigen Zuflucht und Geborgenheit finden.

Jeder lebt in seiner eignen Seifenblase.

Wahrheit wo steckst du?

Während der eine auf lethargischen Wahrheitsverzicht plädiert, sucht der andere in Naturwissenschaften Sinnhaftigkeit oder euphorisiert sich mit sexuellen Praktiken. Allen gemein sind die Fesseln, die sie sich unbewusst selbst anlegen, indem sie in der selbstkonstruierten Fantasie verkrampft nach der Wahrheit suchen. Paradoxerweise bringt die Verschmelzung von Realität und Fiktion die Figuren beinahe um den Verstand, als dass sie die erhoffte Erlösung finden.

Götzendämmerung ist noch an folgenden Terminen jeweils um 20 Uhr im Zimmertheater zu sehen:  02.05., 03.05., 04.05., 09.05., 10.05., 11.05., 16.05., 17.05., 18.05., 23.05., 24.05.

Fotos:  Gizem Güler

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