Der Weg ist das Ziel – Pilgerreisen in der Antike

Am Sonntag, den 28. April 2019 fand im Museum der Universität Tübingen auf dem Schloss der neunte von 24 Themenvorträgen des Jahres statt. Vorgetragen wurde von der Theologin und Religionswissenschaftlerin Sabine Schloz, die eine Bildungsreise nach Santiago de Compostella inspiriert hatte, sich näher mit der Thematik der Pilgerreisen zu beschäftigen. Trotz der widrigen Umstände der Reise war häufig der Weg vielmehr das Ziel.

Ort des Vortrags war ein Seminarraum im Fünfeckturm. Dieser ist ein ehemaliges Gefängnis, in dem heute die ethnologische Sammlung untergebracht ist. Der Vortrag war eher spärlich besucht: Nur zwölf ältere Besucher verteilten sich auf siebzehn Stühle. Zuerst definierte Frau Schloz „Wanderung“, „Pilgerreise“ und „Wallfahrt“. Dabei bezeichnet „Wanderung“ die Fortbewegung zu Fuß, mit dem Fahrrad oder zu Pferd, mit der Absicht, sich in der Natur zu erholen oder an einen bestimmten Ort zu gelangen. Eine Pilgerreise muss laut dieser Definition dem lateinischen Wortursprung nach „über Land“ ins Fremde gehen. Ziel dabei ist es, Buße zu tun, einen Ablass der Sünden zugestanden zu bekommen, ein Gelübde zu erfüllen, damit für eine Straftat sanktioniert zu werden, die Reise anstatt eines Anderen als Ersatzpilgern zu machen, oder – vor allem in moderner Zeit – eine religiöse Erfahrung zu machen, eine Auszeit zu nehmen oder die Suche nach sich selbst. Eine Wallfahrt unterscheidet sich davon vor allem durch die Hoffnung auf ein Wunder oder eine Wunderheilung am Wallfahrtsort.

In der ägyptischen Antike waren solche Stelen bei Pilgerreisen üblich: Sie wurden an heiligen Orten aufgestellt und zeigten oft verschiedene Szenen aus dem Alltag.

Für Christen kommen für eine Pilgerreise zuallererst Jerusalem, Rom und seit dem Mittelalter auch Santiago de Compostella, wo die Gebeine des Apostels Jakobus ruhen sollen, in Frage. Diese Gebeine sollen nach dessen Enthauptung in einem Boot an der spanischen Küste angespült worden sein. Die Wiederentdeckung im Mittelalter kam machtpolitisch sehr gelegen, da sich durch die Massen an Pilgern der christliche Einfluss auf das maurische (muslimische) Spanien verstärkte.

Eine Reise durch die Epochen

Für die Antike ist die Quellenlage dagegen weitaus schlechter, trotzdem konnte Frau Schloz mit einigen Details aufwarten, nämlich mit je zwei Pilgerorten in Ägypten und Griechenland.

Schon in der Bronzezeit zwischen 4000 und 1300 v. Ch. pilgerten Menschen nach Abydos zum Sethos- und Ramses-Heiligtum, um den dortigen Mysterienspielen zu Ehren des Osiris beizuwohnen und am Prozessionsweg eine Stele aufzustellen. Ein interessanter Abriss über Osiris und seine Stellung im Götterhimmel folgte. Doch war das Ziel jener Pilgerreisen oft nicht die Selbstfindung oder religiöse Erfahrung, sondern sie wurde profanerweise einfach mit Geschäfts- oder Dienstreisen verbunden, da Reisen in der Antike meistens gefährlich waren und man so nur einmal fort musste.

Während der Zeit des „Neuen Reiches“, der eigentlichen ägyptischen Antike, waren dann Pilgerreisen nach Bulastis im Nildelta angesagt, bei denen auch nicht die Reise im Mittelpunkt stand, sondern der Besuch des Festes der Katzengöttin Bartet. Sie war zuständig für Rausch, Trunkenheit, Musik und Ausschweifungen.

Heute zeugen nur noch Ruinen in den malerischen Bergen Griechenlands von einstigen Pilgermassen.

In Griechenland pilgerten die Menschen zum Heiligtum des Apollon in Delphi, um das gigantische Theater zu besuchen oder das Orakel der Pythia zu befragen, das von einer an Dämpfen aus dem Erdreich berauschten Priesterin gegeben wurde. In Argolis befand sich dagegen der Abaton, der Schlafsaal für Patienten. Dabei handelte es sich um ein Aeskulab-Heiligtum, in dem Kranke durch den „Tempelschlaf“ genesen sollten.

Alles in Allem entstand der Eindruck, Pilgerreisen in unserem Sinne würde es erst seit dem Mittelalter geben, da in der Antike oft sehr profane Dinge an ebendiese Reisen geknüpft waren, wie Geschäfte und Feste, wohingegen Orakelbefragung und der Heilschlaf laut der anfangs gegebenen Definition eher in das Schema „Wallfahrt“ passen. Mit den Massenveranstaltungen im Mittelalter oder den Pilgerreisen in heutiger Zeit, nach Mekka oder Jerusalem, lassen sich die antiken Wanderungen nicht vergleichen. Dennoch bleibt die Erkenntnis, dass Menschen seit Jahrtausenden, hauptsächlich getrieben durch ihren Glauben, ihre sieben Sachen packen und die Fremde erkunden.

Bilder: Pixabay, Wikimedia Commons

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