Was uns die Meere sagen wollen

Unser Planet „ist uns selbst unbekannt“, sagt die Meeresbiologin Prof. Dr. Antje Boetius. Am Donnerstagabend berichtete sie im Kupferbau über die geheimnisvolle Tiefsee und wie sie bedroht ist. Die Professorin der Uni Bremen wird sich im Winter in der Arktis einfrieren lassen.

Unter dem Titel „Fremder Planet Tiefsee“ lud das Seminar für Allgemeine Rhetorik im Rahmen der Reihe „Rhetorik und Wissen“ zusammen mit Jugend präsentiert, der Universität Tübingen und der Klaus Tschira Stiftung am Donnerstag, den 10.01. zu einem Vortrag von Meeresbiologin Prof. Dr. Antje Boetius in den Hörsaal 25 ein. Nach den Begrüßungsworten von Prof. Dr. Olaf Kramer vom Seminar für Allgemeine Rhetorik, der Boetius „nicht nur als exzellente Forscherin, sondern auch als herausragende Kommunikatorin“ würdigte, wurde diese unter Applaus auf die Bühne gebeten.

Die Leiterin des Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven begrüßte das Publikum mit den Worten „Tübingen ist für mich die Stadt am Meer. Und Sie sind heute das Meer“. Daraufhin entführte sie die Zuhörenden in die Welt der noch so unerforschten Tiefsee.

Antje Boetius ist Professorin für maritime Mikrobiologie an der Uni Bremen. Sie leitete schon etliche Expeditionen in die Tiefsee, wofür sie unter anderem den Leibniz-Preis erhielt.

Raumschiff Erde

„Das macht was mit einem, wenn man mal weg war“, sagte Antje Boetius und verglich eine Expedition in die Tiefsee mit einer Reise ins All. Die Menschen bekommen von dort einen „ganz anderen Blick“. Denn schaut man von der ISS herab, könne man sich die Erde wie ein Raumschiff vorstellen, so Boetius. Aus dem All kommt die Erde einem dann klein und verletzlich vor. Ähnliches erlebe man, wenn man allein tausende Meter unter der Meeresoberfläche „im Bauch der Erde“ den eigenen Planeten erkundet.

Schon als Kind war Boetius fasziniert vom Meer. Auch ihr Lieblingsbuch „20.000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne handelt von der Tiefsee und so stellte sie sich vor, wie es sei wie Kapitän Nemo mit einem U-Boot in die Dunkelheit abzutauchen. Ein Tauchgang in Gefilden, wo niemand anderes zuvor je war, verändere einen Menschen genauso wie Astronauten, die die Leere und Dunkelheit des Weltalls durchleben.

Obwohl über 90% des belebten Raumes der Erde in der Tiefsee liegen, waren bisher weniger Menschen dort als im All. Umso faszinierender wird die Tatsache, dass sich dort Unmengen an noch unerforschtem Leben tummelt, obwohl dort kein bisschen Sonnenlicht die kalte Dunkelheit erhellt. Es kann also auch keine Photosynthese stattfinden und damit auch kein Pflanzenwachstum. Die Tiere der Tiefsee ernähren sich nur von Stoffen, die von höheren Zonen herabsinken.

Da der Hörsaal 25 des Kupferbaus voll war, wurde der Vortrag per Stream in einen anderen Hörsaal übertragen.

Leuchtende Fische und wettende Kraken

„Alle die mal weg waren, sind dagegen nur noch unbemannte Expeditionen zu machen“, merkte Boetius an. Dennoch brachte die Robotik einen großen Fortschritt für die Tiefseeforschung. „Bei uns nehmen Roboter nicht die Arbeitsplätze weg, sondern sie schaffen sie“, erklärte die Expertin für maritime Mikrobiologie. Da ein Tauchgang für Menschen in solche Tiefen sehr aufwändig, teuer und gefährlich ist können Roboter neue Erkenntnisse liefern. Vor allem faszinierende Bilder bringt die neue Technik mit sich und so wurde das Publikum mitgenommen auf einen Tauchgang in die Tiefsee.

Ab 50-100 Metern unter der Wasseroberfläche werde es stockfinster, berichtete die Leibniz-Preisträgerin, „und dann fängt es an zu funkeln und zu blitzen“. Denn in der totalen Dunkelheit kommunizieren manche Fische über Fluoreszenz.

Gezeigt wurde beispielsweise ein weiblicher Tiefsee-Anglerfisch, der am ganzen Körper leuchtet und am Ende des Paarungsaktes aufgrund des Nahrungsmangels das Männchen verspeist. „Perfekte Liebe“, kommentierte Boetius diese ziemlich befremdliche Fortpflanzungsstrategie mit einem Lächeln.

Das persönliche Highlight der Tiefseeforscherin sind allerdings Kraken und Tintenfische. Dass diese äußerst intelligent sind, weiß man spätestens, seitdem sie Fußballwetten abgeben, witzelte die Forscherin. Trotz der absoluten Dunkelheit erstrahlen die Tiere dort meist in leuchtenden Farben, warum ist bisher noch unbekannt. Auch warten noch etwa 10 Millionen Arten auf ihre Entdeckung.

Tintenfische sind unglaublich anpassungsfähig: Manche Arten können ihre Form und Farbe ändern

Wie wichtig die Tiefsee für uns ist

Neben den unentdeckten Tierarten sind noch geschätzt eine Milliarde Mikroorganismen unbekannt, die den Menschen in Hinblick auf Antibiotika oder biotechnologische Verfahren von essentiellem Nutzen sein könnten. So gibt es etwa Bakterien, die Öl abbauen können oder das Methan, das aus dem Meeresboden entweicht in der Tiefsee zurückhalten. Würde dieses in die Erdatmosphäre gelangen, würden wir auf einem „komplett anderen Planeten“ leben, so Boetius.

Was es allerdings nicht gibt, sind Mikroorganismen die Plastik zersetzen können, erklärte die Mikrobiologin. Das Mikroplastik ist jetzt bereits überall angekommen. „Der Mensch hat es geschafft, die Meere, das Eis und die Tiefsee mit einer Schicht aus Plastik zu überziehen“, machte Boetius dem Publikum bewusst. Schon bei einer ihrer ersten Expeditionen Anfang der 90er fischte sie tausende Kilometer vom Festland entfernt zwei Coladosen vom Meeresgrund. Heute wären das angesichts riesiger Müllinseln wohl einige mehr. Der Mensch hat mit Plastik einen Stoff erschaffen, der ewig hält und von keinem Lebewesen schnell abgebaut werden kann. Damit hat er das Gesicht des Planeten verändert. Die Meeresbiologin stellte sich die Frage: „Warum brauchen wir eine Einmal-Plastiktüte die 500 Jahre hält?“. Eine Antwort bekam sie nicht.

Was machen wir mit dem Ozean?

Der Mensch greift immer mehr auch in das komplexe Ökosystem Tiefsee ein, ohne überhaupt verstanden zu haben, wie es funktioniert. Durch Tiefseefischerei werden beispielsweise empfindliche Biotope zerstört, die teilweise zehntausende Jahre gebraucht haben, um sich zu entwickeln. Nur um daraufhin billigen Fisch zu ergattern, der auch im Supermarkt nebenan verkauft wird. Es gebe sogar schon erste Versuche Erze und Mineralien aus der Tiefsee abzubauen, erklärte Boetius. Sogenannte Polymetallische Knollen, die am Meeresboden zu finden sind, könnten schon bald als Ressourcen für die Industrie herhalten.

Das Problematische am Tiefseebergbau ist zum einen, dass es im Meer keine gesetzlichen Regelungen gibt, da diese Gebiete von keinem Staat umfasst werden und internationale Bestimmungen veraltet zu sein scheinen. Zum anderen kuriert sich der stockfinstere, eisige Meeresboden in tausenden Metern Tiefe nicht mehr, anders als an der Erdoberfläche wo durch Sonne, Wind und Wetter eine Regeneration stattfinden kann.

Das gespannte Publikum aus allen Altersklassen bekam eine imposante Lichtshow geboten

Ein weiterer großer Risikofaktor für die Tiefsee ist, das immer weiter voranschreitende Abschmelzen der Polkappen. Dabei geht Lebensraum unwiederbringlich verloren, der auch den Bewohnern der Tiefsee durch absinkende organische Überreste zugutekam.

Doch nicht nur für Lebewesen der Tiefsee, sondern für den ganzen Planten wird dies zur Problematik. Das weiße Eis nimmt viel mehr Licht auf, als die dunkle Oberfläche der Erdkruste und „das Raumschiff Erde braucht diesen weißen Anstrich“, so Boetius. In Bezug auf die Erderwärmung gab sie zu bedenken, dass „wir an Schrauben drehen“ ohne die Folgen zu kennen.

Zum Beheben dieses Missstandes, will die Mikrobiologin einen Teil beitragen: Im Winter wird sie, im Rahmen einer Expedition mit Doktoranden den arktischen Ozean befahren und sich über den Winter auf dem Schiff „Polarstern“ einfrieren lassen. Dies ist gewissermaßen Pionierarbeit: Noch nie überwinterte eine Forschungsgruppe mit modernen Forschungsgeräten im „ewigen Eis“ der Arktis. Boetius erhofft sich von dem Projekt neue Erkenntnisse zur arktischen Eisschmelze, die anscheinend schneller fortschreitet, als von den Wissenschaftlern berechnet.

Über Wissen und Handeln

Wir müssen damit „beginnen unser Raumschiff Erde zu verstehen“, so die Meeresbiologin. Seitdem der Mensch begonnen hat, massiv in dieses kompliziert aufeinander abgestimmte System einzugreifen, hat sich die Geschwindigkeit des weltweiten Artensterben vertausendfacht. „Wissen, Entscheiden und Handeln hängen zusammen“, erklärte Boetius. Doch Wissen und Kommunikation sind verletzlich. So können etwa gerade aufgrund des Shutdowns in den USA, der dem Konflikt um Trumps Mauer geschuldet ist, keine Daten aus der Antarktis über die Größe der Eismasse geliefert werden. „Ein Land wie Brasilien, eigentlich sehr modern, hat so beknackt gewählt, dass der Regenwald weiter ausstirbt“, führte die Meeresbiologin betrübt an. Der neue rechtspopulistische Präsident Brasiliens, Jair Bolsonaro, will nämlich die Abholzung des Amazonas, der für den weltweiten CO2-Haushalt essentiell ist, vorantreiben.

Wenn wir weiter handeln, ohne zu wissen oder handeln, obwohl wir es besser wissen stellt sich wohl nicht nur für Antje Boetius die Frage: „Wird unsere Erde irgendwann mal so aussehen wie der Mars oder bekommen wir das anders hin“? Wir sind nämlich in der Verantwortung, den nächsten Generationen das „Raumschiff Erde“ funktionstüchtig zu übergeben.

Fotos: Marko Knab, Pixabay

Text: Marvin Feuerbacher und Florian Sauer

 

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