„Ach nee der auch noch“ – Ein Interview mit Arne Güttinger

In der letzten Woche erlangte unser kleines Tübingen wieder einmal zweifelhaften Ruhm: Nachdem das Tagblatt über einen Vorfall Mitte November berichtet hat, bei dem Boris Palmer mit einem Studenten aneinander geraten war, wurden bundesweit Zeitungen und Boulevardblätter auf den Fall aufmerksam. Unter dem Hashtag #facepalmer machte sich die Twitter-Gemeinde über den Vorfall lustig. Kupferblau interviewt den betroffenen Studenten Arne Güttinger über Machtspielchen, Medienecho und Memes.

Gestern noch ganz normaler Student der Erziehungswissenschaft, heute schon Thema in allen Tageszeitungen: Arne Güttinger hat die ganze Dynamik der Berichterstattung bei Skandalen am eigenen Leib erfahren. Der Artikel des Tagblatts vom 26.11. kochte medial so hoch, dass sich selbst Ministerpräsident Kretschmann zu dem Ereignis äußerte. Die Berichterstattung gipfelte in den satirischen Beiträgen einiger Fernsehshows, unter anderem der heute-show und des Neo Magazin Royales.

Während Oberbürgermeister Boris Palmer kaum einen Kanal ausließ, sich zu äußern, blieb Arne Güttinger eher passiv im Umgang mit den Medien. Wie er den Vorfall erlebt hat erzählt er in einem exklusiven Interview.

Über die dpa hat Palmer verlauten lassen, dass du sagen sollst, was dich an ihm stört. Was hast du eigentlich gegen Palmer?

Also um noch einmal ganz kurz auf dieses Gesprächsangebot zurückzukommen: Das hat er ja quasi nachgeschoben, in meinen Augen als Rechtfertigung. Wenn ich bereit wäre mich der Diskussion zu stellen, dann könnte er von dem Ordnungsgeld absehen. Das empfinde ich erst einmal als eine sehr fragwürdige Ansicht, wie Rechtsnormen funktionieren. Das habe ich schon auch ein bisschen als Erpressung wahrgenommen. Ich habe auch ein Gesprächsangebot formuliert und gesagt, dass ich grundsätzlich bereit zu einem Gespräch bin, die Voraussetzung für mich aber ist, dass er diese falschen Behauptungen über mich zurück nimmt, die er gemacht hat. Das ist nicht passiert. Das Tagblatt hat versucht ein Gespräch zu vermitteln, ich habe ihm gesagt was für mich die Voraussetzung ist und dann schien Herr Palmer nicht mehr zu einem Gespräch bereit. Das nur noch einmal zur Gesprächsbereitschaft. Ich habe jetzt aktuell sehr große Probleme damit, wie er mit diesem ganzen Vorfall umgeht, wie er sich jetzt als fast schon absolutistischen, autoritären Herrscher gibt und ich habe den Eindruck, dass er da schwer zwischen seinen persönlichen Befindlichkeiten oder Ansichten und dem was er als Amtsperson darf, trennen kann. Das finde ich sehr schwierig. Natürlich hatte das auch einen Hintergrund, dass ich gesagt habe „Ach nee der auch noch“, das fällt ja nicht vom Himmel. Ich finde seine politische Agenda problematisch, weil ich denke, dass er sich da von Richtlinien, die auch im Grundgesetz verankert sind, entfernt. Und das ist auch groß und breit diskutiert worden, da muss ich gar nicht mehr viel dazu sagen. Das ist der Hintergrund und wie jetzt damit umgegangen wird, finde ich äußerst problematisch.

Bildergebnis für pfleghofstraße Tübingen
Die Pfleghofstraße – Hier hat sich der Vorfall abgespielt.

Du redest von falschen Anschuldigungen, Palmer hat dich auch auf Facebook als „linker Student“, „Delinquent“ und „Ruhestörer“ bezeichnet. Was hast du genau gesagt und wie war der Tathergang aus deiner Sicht?

Ich bin am Abend des 13. November, einem Dienstag an dem ich bei einem Vortrag war, mit einer Freundin von mir in die Stadt gelaufen, wo wir noch ein Bier trinken wollten. Als wir am schwarzen Schaf vorbei die Pfleghofstraße hoch liefen, ist er uns entgegengekommen. Dann habe ich eben im Vorbeigehen und auch mehr zu meiner Begleiterin als zu ihm „Ach nee der auch noch“ oder etwas in die Richtung gesagt, den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr. Daraufhin hat er erst einmal gar nicht reagiert und ist weitergelaufen. Nach vielleicht 10 Schritten hat er sich dann umgedreht und in unsere Richtung gerufen: „Ja Moment mal so geht das aber nicht“ und dass ich mich jetzt einer Diskussion stellen müsse. Er ist uns dann hinterhergelaufen, uns sehr nahe gekommen und hat sich uns in den Weg gestellt. Wir haben versucht ihm sehr besonnen, sehr höflich zu vermitteln, dass wir das nicht wollen. Wir hatten da beide keine Lust drauf. Es war spät, wir waren müde und ich denke niemand hat die Pflicht sich so einer Diskussion zu stellen. Nachdem das nach 10 Minuten überhaupt nicht funktioniert hat – er hat wirklich nicht von uns abgelassen – habe ich dann das gemacht, was in jeder Broschüre des „Weißen Rings“ steht: ich habe sehr laut gerufen, dass ich mich bedrängt fühle und habe versucht Abstand zu gewinnen. Daraufhin hat Palmer auf die Uhr geschaut und behauptet, dass er dies nach 22 Uhr als Ruhestörung auffasst und meine Personalien verlange. Das habe ich nicht eingesehen und gesagt, dass er die Polizei rufen solle, falls er das für nötig hält. Das hat er anscheinend nicht für nötig gehalten. Dann hat sich das die Pfleghofstraße hoch und runter gespielt und während der ganzen Zeit haben wir immer nur gesagt, dass es uns sehr unangenehm sei und wir uns bedrängt fühlen. Darauf kam keine Reaktion, irgendwann hat er sogar angefangen sein Handy rauszuholen und ich denke mal, dass er Fotos gemacht hat, jedenfalls hat er die Kameralinse in unsere Richtung gehalten. Meine Begleiterin meinte dann, sie hätte ein Recht auf das eigene Bild, sie wolle nicht fotografiert werden. Das verneinte er mit der Begründung, dass sie Zeugin und ich Beschuldigter in einem Ordnungswidrigkeitsverfahren sei. Irgendwann war er mit den Passantinnen, die schon in der Pfleghofstraße dazu gekommen sind so beschäftigt, dass ich gehen konnte. Ich habe die ganze Zeit versucht mich aus der Situation zu entfernen oder mich der Situation zu entziehen. Dann habe ich es geschafft.

„Der Fokus lag bei mir jedenfalls darauf, aus dieser Situation heraus zu kommen und es nicht weiter eskalieren zu lassen. Sonst hatten in der Situation selbst nicht viele andere Gedanken Platz in meinem Kopf.“

Was ging dir bei dem Streit durch den Kopf?

(lacht) Puh, das ist gar nicht so leicht zu rekapitulieren. Ich war sehr irritiert, ich habe mir gedacht, was passiert denn hier gerade. Ich hätte erwartet, dass er sich wie jede andere Person auch denkt, dass es das nicht wert ist, weiter geht und dann nicht so einen Aufriss macht. Das hat sich dann als Fehleinschätzung herausgestellt. Ich habe mir die ganze Zeit gedacht, dass ich jetzt ruhig bleiben muss. In einem Zeitungsartikel habe ich auch gelesen, ich hätte ihn mir ja auch mit einem „trockenen Uppercut“ vom Leib halten können. Ich weiß jetzt nicht, wie das juristisch einzuschätzen ist. Der Fokus lag bei mir jedenfalls darauf, aus dieser Situation heraus zu kommen und es nicht weiter eskalieren zu lassen. Sonst hatten in der Situation selbst nicht viele andere Gedanken Platz in meinem Kopf.

Warst du sehr erstaunt als du bemerkt hast, dass der Vorfall auch überregional diskutiert wurde?

Ja, das hat mich sehr überrascht. Ich weiß auch nicht, wie das zustande kam. Wir haben in der Woche darauf ein Gespräch mit dem Tagblatt gehabt, zu viert, ich und die Frau, mit der ich unterwegs war und dann eben zwei unabhängige Zeuginnen, die das mitbekommen haben. Wir haben gedacht, wir hätten jetzt ein Gespräch mit dem Tagblatt und gut ist und plötzlich sind auch an mich über Ecken Medienanfragen gekommen. Die reichten bis hin zu irgendwelchen Produktionsfirmen, die für RTL produzieren. DPA, SWP da war echt viel dabei. Das hat mich überrascht und ich hätte nicht damit gerechnet.

Wie bist du grundsätzlich mit der Berichterstattung klargekommen, hast du mehr Stress gehabt, viele Nachrichten bekommen?

Ich habe in den letzten Tagen deutlich weniger geschlafen. Ich bin nicht besonders geübt im Umgang mit so einer Öffentlichkeit, also war das auch erst einmal ziemlich neu für mich und ich musste mich daran gewöhnen.

Was denkst du was Palmer an sich hat, dass solche Kleinigkeiten zu so einer Flut an Berichterstattung führen oder warum denkst du, dass es zu solch einer Berichterstattung überhaupt kam?

Gute Frage. Ich kann mir vorstellen, dass es aus Perspektive eines Pressehauses regelmäßig eine gute Story gibt. Er ist ja häufig in den Medien und häufig kontrovers. Ich glaube das wird auch von Medien gut und gerne angenommen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass ein anderer Faktor der war, dass die ganze Geschichte eigentlich erst einmal so absurd wirkt. Da läuft irgendein Student am Oberbürgermeister vorbei und sagt irgendetwas, was der Oberbürgermeister für nicht besonders nett hält und dann wird plötzlich die gesamte Gewalt des Behördenapparats aufgefahren, um und da zitiere ich Palmer: „den Studenten zur Einsicht zu bewegen“. Das ist auch ein interessantes Verständnis von Einsicht, die man dann erzwingen kann oder muss.

Du hast gesagt es gab ein großes Medienecho, viele Leute haben sich bei dir gemeldet, viele Zeitungen, viele Medienunternehmen, du hast aber auch viele Bekundungen der Solidarität erhalten. Prominente u.a. Jutta Dithfurt und Jan Böhmermann fanden das Verhalten von Palmer ebenso ziemlich befremdlich und unverhältnismäßig. Tut es gut zu wissen, dass die Meinung, die Palmer hat, eben nicht die Mehrheitsmeinung ist?

Es hat mir richtig geholfen, da wirklich auch Unterstützung zu erfahren aus meinem persönlichen Umfeld und tatsächlich auch von Menschen, die ich überhaupt nicht kenne. Das hilft mir sehr viel und bestärkt mich. Ich möchte mich an der Stelle auch bei allen Menschen bedanken, die sich da auf meine Seite gestellt haben.

Fernsehmoderator Jan Böhmermann twitterte satirische Beiträge zu dem Vorfall.

Palmer hatte später ein mit Photoshop erstelltes Bild von Batman als Hintergrund auf Facebook mit der Beschriftung „Palmer wartet“…

„Palmer gibt nicht auf, er wartet“, so war es glaube ich…

…denkst du, dass er jetzt komplett durchgedreht ist?

(lacht) Da würde ich mich jetzt sehr weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich da eine konkrete Antwort darauf geben würde. Ich weiß es natürlich nicht, ich kann nur noch einmal wiederholen, dass mir dieses Verhalten absurd anmutet und ich in höchstem Maße erstaunt bin. Was da tatsächlich bei Herrn Palmer individuell vorgeht, das entzieht sich völlig meiner Kenntnis. Ob es sich lohnen würde da mal genauer hinzugucken, kann ich jetzt natürlich nicht beurteilen.

Palmer brachte ein Ordnungsgeld ins Gespräch, kam schon etwas bei dir an?

Ja, ich hatte am Samstag Post vom Ordnungsamt im Briefkasten. Darin stand, dass sie mich anhören wollen. Also ist es noch kein Bußgeldbescheid, das halte ich erst einmal für ein gutes Zeichen, weil sich da das Ordnungsamt selbst nicht sicher ist, was da eigentlich justiziabel ist .

Zur Zeit laufen auch einige juristische Verfahren gegen Palmer, er wurde angezeigt. Hast du dir auch einmal überlegt ihn anzuzeigen und worum handelt es sich bei den juristischen Verfahren?

Also ich weiß von meiner Begleiterin in der Situation damals, dass sie ihn angezeigt hat wegen Nötigung. Ich weiß, dass es mindestens eine Fachaufsichtsbeschwerde gibt beim Regierungspräsidium. Ich prüfe derzeit juristische Schritte und habe eine Anwältin mandatiert. Aber das wird sich alles noch zeigen, wie sich das weiter entwickelt.

„In einer bürgerlichen Demokratie sollte es möglich sein, auch Amtspersonen nicht nur uneingeschränkt positiv gegenüber zu treten.“

Wohnst du eigentlich in Tübingen und wenn ja wie fühlt man sich, wenn man seinen „absolutistischen“ Oberbürgermeister gekränkt hat?

(lacht) Ja ich wohne in Tübingen, aber da wir ja glücklicherweise nicht mehr in einer absolutistischen Monarchie leben – zumindest hatte ich bislang den Eindruck – bin ich nicht der Meinung, dass ich mich völlig daneben benommen habe. Ich bin auch der Meinung, dass ich nichts strafrechtlich Relevantes getan habe. In einer bürgerlichen Demokratie sollte es möglich sein, auch Amtspersonen nicht nur uneingeschränkt positiv gegenüber zu treten. Wenn ich mir überlege, was Angela Merkel zum Beispiel alles aushalten musste in den letzten Jahren: Die ist auch nie so ausgerastet.

„Da frage ich mich schon ob ich als Bürger dieser Stadt Angst haben muss, vor meinem eigenen Oberbürgermeister.“

Es gab relativ viele Memes, es wurde sich sehr über Palmer lustig gemacht. Findest du das auch lustig oder hast du vielleicht sogar Mitleid mit ihm?

Ich konnte über sehr viele Sachen lachen und das hat mir auch sehr gut getan. Ich möchte das ganze auch mit einer Portion Humor nehmen. Wenn ich nicht unmittelbar betroffen wäre, würde ich mir total den Ast ab lachen. Trotz dieser ganzen Komik ist es irgendwie auch gleichzeitig tragisch, dass sich mittlerweile Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt vor ihrem OB fürchten müssen. Vor kurzem wurde mir ein Facebook-Post von Herrn Palmer gezeigt, in dem er geschrieben hat, er habe jetzt nicht nur einen Dienstausweis, sondern auch eine Dienstwaffe (Edit: Anmerkung der Redaktion: Boris Palmer hat beim diesjährigen Nikolauslauf mit einer Schreckschusspistole den Startschuss gegeben und dabei den lustig gemeinten Kommentar abgegeben, dass es ihn wundere, dass man ihm noch eine Pistole in die Hand geben würde) und an anderer Stelle meinte er, dass er auch berechtigt wäre, unmittelbaren Zwang auszuüben. Da frage ich mich schon, ob ich als Bürger dieser Stadt Angst haben muss, vor meinem eigenen Oberbürgermeister.

Was würdest du tun, wenn Boris Palmer Kanzler werden würde?

(lacht) An der Stelle möchte ich die Berliner Hip-Hopperin Sookee zitieren: „Einsame Insel oder Untergrund“.

Vielen Dank für das Interview.

Foto: tuepedia.de, twitter.com

Beitragsbild: Thomas Dinges

 

4 Gedanken zu „„Ach nee der auch noch“ – Ein Interview mit Arne Güttinger“

  1. Das mit der Dienstwaffe war ein Scherz, er bezog sich dabei scherzhaft auf die drei Startschüsse, die er am 2. Dezember beim Nikolauslauf abgeben durfte. Da ich dabei neben ihm stand, kann ich sagen, dass er die Waffe sofort danach wieder an den Veranstalter abgeben musste. Danach machte er diesen Scherz auf seiner eigenen Facebook-Seite. Es handelte sich übrigens um eine Schreckschusspistole. Ich möchte hiermit nicht Herrn Palmer in Schutz nehmen, ich möchte nur mal diesen einen Sachverhalt nüchtern klarstellen.

    Ich selbst hätte in seiner Situation mit dieser Geschichte im Hintergrund den Scherz wohl eher nicht gebracht, denn das lässt sich leicht in den falschen Hals kriegen.

  2. Es gibt im Wesentlichen drei Arten von Interviews:
    Kampf-Interviews;
    Gefälligkeits-Interviews;
    Auf-den-Zahn-Fühl-Interviews.
    Dieses hier trägt eindeutig die Merkmale eines der drei.

  3. Man muss den Namen vom Studenten nur einmal googeln und schon weiß man, dass er seit Jahren in der Antifa-Szene aktiv ist. Anschließend Boris Palmer FB Post über die „Dienstwaffe“ so offensichtlich irreführend anzugeben, macht den böswilligen und wenig glaubhaften Charakter von den Schilderungen des Langzeit-Soziologie-Studenten deutlich.

  4. Hallo Paul,

    danke für den Kommentar. Wir haben inzwischen eine Anmerkung zum Kontext der „Dienstaffe“ hinzugefügt.

    Viele Grüße
    Das Kupferblau-Team

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