„Der Kupferbau ist besetzt!“

Wer in letzter Zeit am Kupferbau vorbeigekommen ist, hat es wahrscheinlich schon bemerkt. Irgendetwas ist anders. Es hängen Transparente im und vor dem Kupferbau und es halten sich mehr Leute als sonst im Eingangsbereich, in dessen Mitte jetzt mehrere Tische mit Essen und Flyern aufgebaut sind, auf. Der Kupferbau wurde nach 10 Jahren – damals ging es vor allem um die Bologna Reform – wieder von Studierenden besetzt. Die Motive und Forderungen der Besetzenden erfahrt Ihr hier.

Im Anschluss an die Donnerstagabend stattfindende Demonstration gegen das Cyber-Valley wurde spontan gegen 20 Uhr der Kupferbau von ca. 50 Protestierenden besetzt. Ein erstes öffentliches Plenum, in dem grundsätzliche Fragen, wie das weitere Vorgehen, sowie die genauere inhaltliche Stoßrichtung der Besetzung besprochen wurden, fand am Abend des darauffolgenden Freitags statt. Als primären Grund für die Besetzung nannte eine besetzende Person, dass man vor allem eine kritische Öffentlichkeit gegenüber dem Cyber-Valley schaffen wolle und man sich auf anderem Wege nicht wirklich Gehör verschaffen hätte können.

Wie genau sieht die Kritik am sogenannten Cyber-Valley aus?

Die Kritik der Besetzenden richtet sich nicht generell gegen sogenannte Künstliche Intelligenzen (KI) oder andere Technologien, sondern grundsätzlich gegen das Konzept des Cyber-Valleys. „Weil technologischer Fortschritt, wenn er nicht reflektiert betrieben wird, menschlichen Rückschritt bedeuten kann“ – so einer der Besetzenden.

Die Besetzenden haben sich im Kupferbau auf einen längeren Aufenthalt eingerichtet.

Genau diese Art des reflektierten technologischen Fortschrittes aber, wird von den KritikerInnen beim Cyber-Valley nicht gesehen, vielmehr die Kommerzialisierung der Wissenschaft. Dies hängt einerseits mit dem Grundkonzept des Cyber-Valleys zusammen, manifestiert sich aber anhand der Konzerne, mit denen die Universität Tübingen im Rahmen des Cyber-Valleys zusammenarbeiten wird und die dann in der Region angesiedelt werden.

Die kritisierten Unternehmen

Eines dieser Unternehmen ist die Schufa, die generell dafür kritisiert wird, angeblich sogenanntes social scoring zu betreiben, und es als problematisch gesehen wird, mit dieser zusammen zu arbeiten und deren System zu optimieren. Deshalb lautet eine der zentralen Parolen des Protestes: „Gegen die Kontrollgesellschaft!“

Ein anderes Unternehmen ist Amazon, das vor allem für die schlechten Arbeitsbedingungen, unter denen deren ArbeiterInnen zu leiden haben, sowie deren fehlende Rücksicht bezüglich der Privatsphäre der Kunden sowie Angestellten, bekannt ist. Auch steht dieses Unternehmen wohl am stärksten für die, dann von Konzerninteressen gesteuerte Wissenschaft und Grundlagenforschung an der Universität.

Auch ZF Friedrichshafen, ein Automobilzulieferer wird abgelehnt, da dieser Konzern Teile für Rüstungsmaschinerie (u.a. Getriebe für militärische Fahrzeuge) produziert.

Ein Banner am Eingang des Kupferbaus.

Wohnungspolitische Folgen und eingerforderte Mitbestimmung

Auch werden die voraussichtlichen Wohnpolitischen Folgen des Cyber-Valleys kritisch gesehen. Beispiele in Seattle und dem Sillicon-Valley zeigen, dass dort enorme soziale Verdrängung das Resultat einer konzentrierten Ansiedlung von Technologie Unternehmen war. Die zuwandernden Unternehmen könnten die ohnehin angespannte Wohnungssituation in Tübingen noch weiter verstärken, so die Besetzenden.

Das Cyber Valley wird stark durch Steuergelder gefördert, voraussichtlich mehr als 40.000.000 €. Darum bemerkt einer der Besetzenden: „Wir fordern nichts weiter, als dass was mit unserem Geld finanziert wird, auch von uns mitentschieden wird“. Dabei stellten vor allem fehlende Transparenz und eine unzureichende Zivilklausel Probleme dar.

Für alle die sich selbst ein Bild von der Besetzung machen wollen:  Es findet jeden Abend ab 18:00 ein öffentliches Plenum im HS 21 statt. Weitere Forderungen der Besetzenden sind in einer abgegebenen Erklärung zu finden.

Fotos: Leo Schnirring

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