Das Zeicheninstitut: Ein guter Raum, um die Freude wieder zu entdecken

Ein Jahr ist es her, dass Frido Hohberger seine Stelle als Leiter des Zeicheninstituts abgetreten hat. Kupferblau hat sich mit ihm, Maike Gerstenkorn und Henriette Lempp getroffen und gemeinsam mit den zwei Dozentinnen ein Resümee gezogen. Wir sprechen über die aktuelle Lage und Bedeutung des Zeicheninstituts, räumen mit einem Gerücht auf und sinnieren über die Ökonomisierung der Universität und die Zukunft der Künste.

Erzählen Sie uns zum Einstieg ein bisschen was Historisches. Wann und zu welchem Zweck wurde das ZI gegründet?

Hohberger: Die ersten Dokumente tauchten Ende des 18. Jhd. auf. Zeichnen war ein fester Bestandteil des humanistischen Bildungsideals, auch von Erkenntnisinteresse aus wissenschaftlicher Sicht. Da hat man z.B. anatomisches oder botanisches Zeichnen gepflegt. Zeichnen gehörte damals zu den Tugenden einer allseits gebildeten Persönlichkeit. Die Universität hat damals sehr viel Wert darauf gelegt. (überlegt) Es verschwindet mit der Absage eines Universitätszeichenlehrers nicht nur eine große Tradition der Universität, sondern auch ein wichtiger Arbeitsplatz.

Kann man angesichts der Umstrukturierung von einer allgemeinen abnehmenden Bedeutung der Kunst sprechen?

Hohberger: Es ist natürlich riskant, das zu sagen. Ich habe das Gefühl, dass die Künste eine immer geringere Rolle spielen, außer dann, wenn sie ökonomisch verwertbar sind. Da muss man allgemein denken und sich an der Zukunft orientieren. Das ZI ist 230 Jahre alt, da muss man auch 230 Jahre in die Zukunft schauen und da sieht es vielleicht ganz anders aus.

„Wenn die Leute viel weniger arbeiten, was machen die dann mit ihrer Zeit? Was machen wir, wenn es eine Automatisierung des Arbeitsbereichs gibt? Die Leute müssen ja irgendwie auch was Sinnvolles tun.“

Wir könnten es uns leisten, ein humanistisch geprägtes Leben zu führen. Das ist ein Stichwort, das ich für Universitäten ganz wichtig finde. Es geht beim Studieren nicht nur um lauter angstvolle Studierende, die denken, „hoffentlich schaffe ich das…“. Es geht auch um sowas wie Lebensqualität oder sinnstiftende Aktionen, da ist die bildende Kunst eminent wichtig, auch als Ausgleich.

Der private Reichtum ist immens. Die öffentliche Armut entsprechend gering. Früher war das gerade anders rum. Da stimmt etwas mit der gesellschaftlichen Entwicklung nicht, denn gleichzeitig haben wir eine Armut in dem Bildungssektor, in dem man Zufriedenheit nur bekommt durch eigene Auseinandersetzung gestalterischer Art, ob man tanzt singt oder sonst was mit Freude macht. Die Freude zu lernen, das gehört auch zu so einer Institution wie einer Universität.

Studierende konzentriert beim Zeichnen im Kurs ‚Schattierungen‘.

Ist es die Atmosphäre in den Zeichenkursen, die Studierenden anlockt, um einen Alltags- Ausgleich zu bekommen?

Gerstenkorn: Ich sehe das nicht so, dass die Kurse absolute Kuschelkurse sind. Es geht einfach nur darum, den Freiraum zu haben, um ein paar Dinge auszuprobieren. Wir sind ja recht nah dran an den Studierenden, ich schaue in meinen Kursen den Leuten recht stark über die Schulter und rede mit ihnen. Sie sind auch sehr wissbegierig, auch ohne den Leistungsruck, interessanterweise.

Hohberger: Man hat früher immer unterschieden in extrinsische und intrinsische Motivation, was für mich immer der Inbegriff eines Studiums an der Universität war. Selbstständig Interesse entwickeln und dieses zu verfolgen. Das ECTS-System passt leider gar nicht in die künstlerische Struktur. Natürlich hat die Universität als Institution andere Paradigmen, aber sie sollte sich ein Institut leisten, wo es nicht um Punkte und Leistungsmessung geht.

„Das Hochschulleben braucht solche Institutionen wie das ZI, damit die Leute nicht so schnell abspringen. Das ist unabdingbar.“

Zeichnen als Ausgleich des stressigen Uni Alltags.

Lempp: Auf der anderen Seite ist es aber wichtig, dass es nicht zu abgehoben künstlerisch wird. In den Kursen sitzen keine Kunststudenten. Was wir machen können, ist die Studenten, die zum Teil wenig Ahnung von Kunst haben, zu sensibilisieren, sie für Kunst zu interessieren und ihnen eine bestimmte Richtung zu vermitteln.

Hohberger: Ja, wir leisten hier im Grunde genommen eine kunstpädagogische Arbeit. Es geht nicht um die Duplizierung der eigenen künstlerischen Auffassungen. Es muss eine Überlegung da sein, was in unseren Kursen vermittelt wird, im Bildungsinteresse einer ästhetischen Erziehung.

Letztes Jahr wurde das Konzept der „Invited Artists“ beschlossen. Funktioniert das in der Praxis?

Lempp: Ich finde das grundsätzlich nicht verkehrt. Das ist eine gute Sache. Aber das Andere sind diese basic Sachen, die von den Studenten wahnsinnig gerne angenommen werden und die eigentlich auch irgendwie bisschen getragen werden müssen.

Hohberger: (überlegt) Der Bestand an Kursleitern ist ja noch der alte in dieser Übergangssituation, aber was passiert in drei vier Jahren? Wer beurteilt, welcher Kursleiter, welche Kursleiterin hier arbeiten kann? Es gehört eine künstlerische Qualität in den Aufgaben, eine pädagogische Qualität dazu und wer beurteilt die? Ein guter Künstler ist noch lange kein guter Pädagoge. Es bedarf einer Betreuung und wenn das Rektorat absolet ist, dann wird es schwierig.

Betreut werden die Studierenden von angeworbenen Künstlern.

Lange kursierte das Gerücht der drohenden Schließung des ZI. Wurde diese durch das neue Konzept abgewendet?

Gerstenkorn: Das ist nur ein Gerücht. Es entstand durch die Verbreitung der Info „das ZI hat keinen Leiter mehr“. Davon, dass es innerhalb der nächsten paar Jahre geschlossen wird, gehen wir mal nicht aus. Es wurde jetzt in den Carrier Service eingegliedert.

Was war für Sie in Ihrer Tätigkeit im ZI ein Highlight und was macht die Arbeit hier besonders?

Lempp: Also Highlights waren für mich in der Zeit, als die Keramik noch im Keller in der alten Physik untergebracht war und wir mindestens einmal im Jahr eine Ausstellung organisieren konnten. Wie die Leute sich da wirklich reingehängt haben. Diese Ausstellung war dann auch immer sehr gut besucht und hat einen guten Eindruck hinterlassen. Das ist aber leider jetzt gar nicht mehr möglich.

Gerstenkorn: Zwei Dinge bei mir. Einmal hat sich aus dem Comic Zeichenkurs ein Stammtisch entwickelt, bei dem wir uns treffen um miteinander zu reden und zu zeichnen. Daraus ist tatsächlich auch ein Comic Buch [„Was Süßes“] entstanden. Das Andere ist, dass eine Studentin mir eine Art Brief geschrieben hat und sich darin für den Kurs bedankt hat und meinte, dass die Kurse sie dazu motiviert haben, wieder Freude am Zeichnen zu haben. Das Zeicheninstitut ist für die Studenten ein guter Raum, um die Freude wieder zu entdecken. Das hat mir das Herz gewärmt.

Hohberger: Ich muss sagen, ich fand es so wunderbar. Ich empfand es als großes Glück überhaupt diese Stelle zu bekommen. Das Schönste ist natürlich die Begegnung mit den jungen Leuten, die oft mehrfach begabt sind. Die Ausstellung in der Kunsthalle [2015] war der absolute Hammer. Wir haben mit allen Kursleitern und Studierenden in fünf Wochen ein Ding gestemmt, unter schikanösesten Bedingungen, z.B. die Abgabe innerhalb von zwei Stunden der Arbeiten. Hinterher gab es ein tolles Ausstellungsergebnis mit wunderbaren Arbeiten und einem großen Zuspruch durch die Leute. Es waren ungefähr 800 Leute da. Das hat uns gezeigt, was möglich ist und was möglich wäre.

Fotos: Theresa Heil, Maike Gerstenkorn

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