Was kostet positiver Frieden in der Internationalen Gesellschaft?

Was ist nötig, damit Gesellschaften friedlich zusammenleben können? Wie kann man auch in sogenannten failed states Demokratie fördern? Unter anderem um diese Fragen ging es, als Professor Diez am Donnerstag  auf Einladung der UN-Hochschulgruppe im Institut für Politikwissenschaft referierte.

Unsere Welt wird auf internationaler Ebene immer stärker von Fragen der Menschenrechte und von Thematisierung der Ausbeutung und Marginalisierung ganzer Bevölkerungsgruppen geprägt. Neben dem „negativen Frieden“ zwischen zwei Staaten, das heißt die bloße Abwesenheit von Krieg, gibt es auch eine Form von Frieden, die sich „positiver Frieden“ nennt. So sagt es jedenfalls Thomas Diez, Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Tübingen. Auf Einladung der UN-Hochschulgruppe referierte er in bisweilen doch recht komplex gehaltener Fachsprache über die Frage, was dieser „positive Frieden“, der seit Jahrzehnten immer stärker durch die internationale Politik wandert, denn eigentlich auch für Kosten und Schattenseiten habe.

Ein solcher Frieden sei nämlich nicht ein bloßer Waffenstillstand, sondern gehe vielmehr die Wurzeln allen Übels an. Hinter Kriegen stünden nämlich oft Fragen der strukturellen Gewalt, die so genannten „Root Causes“: Armut, Hunger, Unterdrückung, Ausgrenzung und Verletzung von Menschenrechten. Der positive Frieden sei also ein Frieden, der diese Wurzeln zu verändern oder zu beseitigen suche.

Professor Thomas Diezerläutert die Wichtigkeit von überzeugten Demokraten

Demokraten gesucht!

Allerdings sei es schwer zu entscheiden, welche Werte und Normen man diesem Friedensbegriff zu Grunde legt. Unsere westlichen Werte von Freiheit und Individualismus? Die islamische Scharia? Der chinesische Kollektivismus? Das sei keine leichte Frage, denn schließlich kann am Ende jeder seine Normen zu den allgemein gültigen erklären und es bedürfe eines sehr hohen Maßes an internationaler Zusammenarbeit, um dahingehend auf einen Nenner zu kommen. Auch könne man nicht einfach, wie die Briten unter Tony Blair, welchem Herr Diez einen gewissen demokratischen „Missionseifer“ unterstellt, beim Einmarsch in Afghanistan 2001 oder in den Irak 2003 mitmachen in der festen Überzeugung, dass dadurch die Gesellschaft dieser Länder über Nacht freiheitlich-demokratisch werden würde. Eine Demokratie braucht halt auch immer eins: Demokraten.

Das krachende Scheitern beider Feldzüge trotz militärischen Sieges zeigt, dass positiver Frieden weit mehr erfordert als nur militärische Interventionen und wirtschaftliche Sanktionen. Er verlangt von vielen Ländern auch bedeutende materielle Anstrengungen und normative Veränderungen, sprich: Damit man die Demokratie in die Welt hinaustragen kann, müssen die Länder der Welt auch erstmal Gesellschaften haben, die diese auch mittragen. Im Prinzip, so Herr Diez, gehe es um den „Aufbau von Strukturen, in denen Menschen gut leben können“.

Eindruck des Redakteurs vom Vortrag

Der Vortrag hat viele interessante Aspekte beleuchtet und spannende Perspektiven der internationalen Politik aufgezeigt; Zuhörerinnen und Zuhörern ohne Vorwissen in diesem Gebiet ist es jedoch sicherlich schwer gefallen, den umfassenden Ausführungen des Referenten zu folgen. Auf jeden Fall war es eine gute Idee der UN-Hochschulgruppe, zu diesem hochspannenden Thema einzuladen.

Die UN-Hochschulgruppe trifft sich jeden 2. Mittwoch im Großen Seminarraum 124, 1. OG des Instituts für Politikwissenschaften in der Melanchthonstraße 35, unweit des Kupferbaus. Die nächsten Treffen finden am 21.11 und am 5.12 statt. Interessierte aller Fachrichtungen sind herzlich eingeladen vorbeizukommen und reinzuschnuppern!

Fotos: Marko Knab

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