Die Kunst der Linien: Interview mit Jürgen Klugmann

Nach seiner Ausbildung zum Buchhändler machte Jürgen Klugmann (*1963) seine künstlerische Ausbildung am Zeicheninstitut der Universität Tübingen. Später gab er den ‚konventionelleren‘ Beruf auf und wagte den Sprung in die künstlerische Selbstständigkeit. Bei dem Besuch seiner Ausstellungseröffnung „LINIEN_FOLGEN“ im Künstlerbund Tübingen, am 27.10.2018, erzählt Klugmann im Interview von seinem Leben und Werdegang als Künstler.

Gerade Linien, Kurven, Kreuzungen – zahlreiche Wiederholungen, Rhythmen und Bewegungen mit Kugelschreibern, Farbstiften und Tuschen auf Papier: Jürgen Klugmanns Zeichnungen präsentieren sich abstrakt und als formale Reduktion auf die Linie selbst. Sie erwecken keine Referenzen an Landschaften wie frühere Werke des Künstlers. Die Zeichnungen konzentrieren sich nun auf die Linien als reine „graphische Gebilde“ umgeben von weißem Freiraum, dem Papier selbst.

Jürgen Klugmann, Büglsäg_1, 2016, Bleistift und Buntstift auf Papier

Dr. Thomas Schlereth, ein anerkannter Kunstexperte, hielt die Einführungsrede zu der Ausstellungseröffnung und erklärte Klugmanns künstlerische Vorgehensweise. Der Künstler bringt dabei mithilfe einer technischen Konstruktion aus einem Stück Holz und einem Draht, Linie um Linie auf das Blatt. Die Konstruktion wird nicht als starre Schablone verwendet, sondern lässt ihm einen künstlerischen Freiraum. Die Linien können dadurch voneinander abweichen und eröffnen Spielraum für den Zufall bei den Kompositionen.

Der Künstler selbst, ein Autodidakt, erklärt im folgenden Interview seinen Weg zur Kunst und seine Werke:

 

Kupferblau: Herr Klugmann, von 1987 bis 1992 kamen Sie zu Kursen der Malerei an das Zeicheninstitut der Universität Tübingen. Welche Schlüsselereignisse haben Sie danach dazu bewogen ihren Beruf als Buchhändler aufzugeben und Künstler zu werden?

Jürgen Klugmann: Es ist ein sinnvolleres Leben als Künstler. Ich habe mal auch eine Zeit lang archäologisch ausgegraben im Kornhaus (das heutige Stadtmuseum Tübingen). Und da muss ich sagen, dass ich in der Zeit komischerweise immer mehr zur Kunst gekommen bin. Denn für mich waren die Ausgrabungen auch einfach schöne Bilder. Und ich habe diese mehr unter einem ästhetischen Gesichtspunkt gesehen als unter einem wissenschaftlichen. In der Zeit habe ich dann auch angefangen bei Prof. Martin Schmid im Zeicheninstitut der Universität Tübingen viel zu machen.

Warum entschieden Sie sich gegen den klassischen Ausbildungsweg an einer Kunstakademie, und wie kamen Sie zurecht als Künstler?

Das Zeicheninstitut war eine ganz wunderbare Sache, da habe ich sehr viel gelernt. Und warum ich dann nicht an eine Akademie gegangen bin: Mir ist es am Anfang sehr gut gegangen. Ich kam immer gut an mit meiner Kunst, wenn ich eine Ausstellung gemacht habe und konnte auch einigermaßen gut davon leben. Ich brauchte das glaube ich nicht, an eine Akademie zu gehen. Ich glaube, es hat natürlich auch schon Vorteile an einer Akademie zu sein, nur die kannte ich damals noch nicht. Aber sagen wir es mal so: Ich habe das Gefühl, dass auch ohne die Akademie aus mir ein Künstler geworden ist.

Dann hatten Sie sozusagen auch sehr viel Glück, Sie konnten Ihren Traum leben?

Nun ja, ich habe eben auch meine Brotberufe. Ich unterrichte noch in der Schule, mache in der Kunsthalle die Museumspädagogik und ich gebe jetzt wieder am Bodensee eine Woche lang an einer Akademie einen Kurs. Also ich muss schon auch zusätzlich noch arbeiten, um überleben zu können. Trotzdem fühle ich mich als ganzer Künstler.

Bei Ihren Werken handelt es sich vor allem um Zeichnungen, was gefällt Ihnen an dem künstlerischen Ausdruck einer Zeichnung im Gegensatz zur Malerei mit Farbe und Pinsel?

Die Zeichnung ist direkt, etwas ganz unvermittelt Direktes: Man setzt einen Strich und wird nicht mehr übermalt, sondern er bleibt stehen. Und die Direktheit des Ausdrucks ist das Schöne für mich.

Jürgen Klugmann, LF_Schweißdraht_4, 2018, Buntstift, Tusche und Bleistift auf Papier.

Der Zufall beim Zeichnen spielt dabei auch eine große Rolle. Gilt der Zufall dabei als ästhetisches Mittel um mehr Freiheit in die Linienführung zu bringen?

Ja klar, der Zufall ist ein Element, das mitspielt, und das mag ich auch zu kultivieren. Ich will die Bilder nicht komplett dem Zufall überlassen, sondern gehe geplant vor und schaffe mit dem Zufall Kompositionen, die ich gleichzeitig mitsteuere. Das Gegeneinanderhalten von Zufall und Steuerung ist wie eine Art Spiel.

Sie hatten in der Vergangenheit mehrere Arbeitsaufenthalte im Ausland, z.B. lebten Sie in Rom, New York, Ungarn und in Russland. Welcher Ort beeindruckte Sie am meisten und prägte ihre künstlerische Arbeit?

Wahrscheinlich Rom. Dort war ich am längsten, drei Jahre lang. Da ist viel eingeflossen in meine Arbeit. Zum Teil auch in ganz formalästhetischen Dingen, die ich heute mache. In dieser Ausstellung nicht so sehr, doch bei anderen Zyklen erkennt man die Einflüsse doch eher.  Ja, Rom hat mich schon sehr geprägt, da die Stadt auch einfach voll mit Kunst ist, die einem an jeder Ecke begegnet.

Trotz mehrerer Aufenthalte im Ausland und Kunstmetropolen wie Rom leben und arbeiten Sie in Tübingen. Was lieben Sie an Tübingen und was bietet Ihnen die Stadt, sodass sie nicht weggezogen sind?

Ach, in Tübingen lebt man gut. Ich habe hier im französischen Viertel einen Pferdestall, den ich umgebaut habe und das ist ein wunderbares Atelier mit einer schönen Wohnung. Da lebe ich einfach gut, was ich mir in Rom nie leisten könnte. In Rom habe ich mir mit meiner Frau zusammen ein Arbeitszimmer geteilt. Dort habe ich lauter kleine Arbeiten gemacht. Und hier in Tübingen, da fühle ich mich schon sehr wohl.

An was arbeiten Sie als Nächstes?

Die aktuelle Serie von meinen Werken ist noch nicht abgeschlossen. Da ist noch einiges da, auch viele halbfertige Arbeiten. Es gibt aber immer noch eine andere Serie, an der ich auch arbeite. Das sind die „Vergessenen“, das sind meistens Köpfe, die ins Vergessen rutschen und mit vielen Acrylschichten übermalt werden. Die Arbeiten sind demnächst zu sehen in Hechingen im Hechinger Kunstverein.

 

Die Ausstellung ist noch zu sehen bis zum 1.12.2018 im Künstlerbund Tübingen, Metzgergasse 3. Immer Do bis Fr 16 – 19 Uhr und Sa 11 – 17 Uhr.

Zusätzliche Veranstaltungen: Lesung mit Mike Michelus am Samstag, den 17.11.2018 um 20 Uhr & Finissage am Samstag, den 01.12.2018 ab 17 Uhr mit Musik von Jens Braun.

Fotos: Jens Klatt

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