Tübinger Geschichten: Das Ammertal

Wer Tübingen gen Westen verlässt und in Richtung Unterjesingen fährt, der passiert das Ammertal. Woher kommt der Name des schönen Flecks Erde – und was zeichnet ihn aus? Eine kleine Liebeserklärung.

Still liegt der Nebel im Ammertal. Langsam aber sicher hebt sich die feuchte Luft unter der aufgehenden Sonne und gibt den Blick auf die sanften Hügel, Ausläufer des Spitzbergs, frei. Ruhig und etwas magisch wirkt es noch, doch bald sind die Radwege voll von Pendlern, die sich Richtung Tübingens Kernstadt bewegen. Es hat etwas Besonderes, wenn man einen Sonnenaufgang von der Wurmlinger Kapelle aus miterlebt und in das Ammertal blicken kann.

Obwohl die namensgebende Ammer durch weite Teile des Tübinger Stadtgebiets verläuft und selbst direkt zwischen den Gebäuden der Universitätsbibliothek fließt, fristet sie neben dem Neckar eher ein Schattendasein. Doch zu Unrecht: Verlässt sie das Siedlungsgebiet in der Weststadt, so ist das anschließende Ammertal eine der grünen Lungen der Universitätsstadt. Im offenen Gelände fühlen sich dabei auch die Goldammern wohl, die allerdings nicht für den Namen verantwortlich sind.

Die Goldammern fühlen sich im offenen Gelände des Ammertals pudelwohl.

Vielmehr kommt der Name des kleinen Flusses aus dem Keltischen. Dort bedeutete „Amra“, von dem sich der heutige Name Ammer ableitet, so viel wie Wasser, Dampf oder Feuchte. Keine Frage, warum der Fluss und damit auch das Tal so heißen, wenn man an einem kühlen Herbstmorgen auf das Tal blickt und der Nebel zwischen den Hängen liegt. Südlich von Herrenberg entspringt die Ammer aus fünf Quelltöpfen und mündet im Tübinger Stadtteil Lustnau in den Neckar. Schon im elften Jahrhundert schätzten die Menschen die Nähe der Ammer und siedelten am Schwärzlocher Hof und dem Ammerhof. Aber auch vielen Tieren bietet das kleine Fließgewässer eine Lebensgrundlage und ist ein wichtiges Biotop für verschiedenste Arten. Keine Frage, warum das Ammertal teilweise zum Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Auch Graureiher jagen an der Ammer – manchmal nur wenige Meter entfernt von Menschen.

Dabei hat die kleine Ammer eine wechselvolle Geschichte erlebt: Vom ursprünglichen Bach wurde sie immer weiter begradigt und ihr Tal im 20. Jahrhundert trocken gelegt. Bis heute sind die Fische aus dem Ammertal mit PCB belastet, das sich wohl in den 1980er-Jahren im Bach abgelagert hat. Aber es gibt auch positive Entwicklungen: In der Weststadt wurde die alte, begradigte Ammer renaturiert und mäandert wieder. Nicht nur zur Freude des Fischreihers – auch die ungefiederten und zweibeinigen Tübinger nehmen die natürliche Alternative zum Freibad an heißen Sommertagen gerne an.

Fotos: Marko Knab.

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