K’furt – eine Langzeitstudie

Während in Tübingen Tag für Tag das bunte Treiben herrscht, vergisst der Tübinger oft ein einsames, stilles Völkchen, weit hinter den sieben Bergen. Ein unbeugsames Dorf lebt dort vor sich hin, fernab jeglicher Zivilisation. Einige werden den fernen Ort kennen, den ich meine: Kirchentellinsfurt. Noch nie gehört? Zwei Jahre lang habe ich dort ge- und überlebt.

Kirchentellinsfurt – Der Name ist Programm. Ein Name, der unnötig lang und kompliziert ist und dir praktisch „DORF“ entgegenschreit, kann nichts Gutes bedeuten. Ich hätte es wissen müssen. Doch bei der Wohnungssuche haben es besonders Erstis in Tübingen manchmal sehr schwer, und so kam es, dass ich, wenn ich nicht im Bota hätte zelten wollen, die Wohnung kurz vor Studienbeginn im Wintersemester 2016/17 angenommen hatte.

An sich ist K’furt eigentlich – das muss ich zugeben – wirklich schön. Ein Vorstadtidyll, wie es für Eltern und Kinder nicht besser sein könnte. Das Ding ist nur, dass ich (noch) in keine dieser demografischen Kategorien hineinfalle und mich, nach achtzehn Jahren Dorfleben, nach etwas mehr Trubel gesehnt hatte. „Ist ja nur zum Übergang“, beruhigte ich mich. Ha, ha, ha…

„Kaa-Furt? Wohnst du noch bei deinen Eltern?“

So begann mein unfreiwilliges Selbstexperiment mit ungeahnten Folgen. Bereits im ersten Semester entwickelte ich eine schwere „Öffiritis“. Jeder Hin- und Rückweg bedeutete dreimal Umsteigen (Bus zum Bahnhof in K‘furt – Bahn von K‘furt nach Tübingen – Bus vom Bahnhof zur Uni). Wenn ich das Kommilitonen erzählt habe, kam oft die Frage, ob ich denn dann noch bei meinen Eltern wohnen und pendeln würde. Das wäre ja noch in Ordnung gewesen, wenn ich bei der unangenehmen Fahrerei wenigstens noch „Hotel Mama“ hätte genießen können.

Ein weiteres Problem ließ nicht lange auf sich warten: Aufgrund der hohen Umsteigefrequenz ist die Wahrscheinlichkeit – und so viel habe ich selbst in meinem Powi-Studium gelernt – dass mindestens ein Verkehrsmittel Verspätung hat, relativ hoch. Und so kam es auch: Irgendetwas war immer zu spät oder fiel aus. Bahn und Bus wechselten sich dabei lustig ab.

Wer abends mit Bus und Bahn nicht mehr nach Tübingen kommt, schaut sich eben den Sonnenuntergang an – ist ja auch schön …

Auch ein „Ich-bin-so-frei“-Studenten-Partyleben zu entwickeln gestaltet sich in K’furt eher schwerig. Die Busse fahren ab einer unschuldigen Zeit von 20.30 nicht mehr, samstags ist um 15.30 Schluss, sonntags fahren sie gar nicht. Wer gewillt ist, den Berg (ja, Berg!) zu erklimmen und somit nur Bahn fahren muss, der darf sich beim Feiern zunächst entscheiden: Fahre ich um 23 Uhr nach Hause oder um 4 Uhr morgens? Ganz oder gar nicht ist das Motto der Kirchentellinsfurter. Play hard or don’t play at all! Nach dem ersten Semester hatte ich dann die Möglichkeit, auf das Auto umzusteigen, und so erübrigte sich das alles. Seit Neustem gibt es jedoch eine Entwicklung, die ich mit Stolz verkündigen kann: Es soll seit Neustem Nachtbusse geben – Hallelujah!

Ein Ort, an dem sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen

Das Zentrum, K’furt City sozusagen, besteht aus einer Bank, einem Naturladen (hier ist schließlich immer noch Kreis Tübingen), einem Bäcker, einem Metzger, und dem Rathaus. Unten gibt es dann noch Aldi & Co. Das Coolste, was K’furt zu bieten hat, ist das relativ bekannte Orchester und eine Straße, die den Namen „Einhornstraße“ trägt. Man sieht: The party is in the house. Diese These wird auch dadurch belegt, dass das Aufregendste, was mir je in K‘furt passiert ist, eine schicksalshafte Begegnung mit einem Fuchs war. Wir starrten uns fünf Sekunden lang in die Augen und er dachte sich vermutlich: „Oh shit, ein Mensch“, und ich dachte mir: „Oh shit, ein Fuchs“ und dann gingen wir wieder beide unseres Weges. Das war’s. Krass, ich weiß.

Nun jedoch, nach zwei harten Jahren, werde ich von meinen Qualen erlöst und ziehe in die Südstadt. An den Moment, in dem ich die Nachricht erhielt, erinnere ich mich genau:

Mir fällt augenblicklich das Handy aus der Hand. Ich bin wie erstarrt. Kann es denn tatsächlich wahr sein? Meine Augen werden glasig, füllen sich mit Tränen der Freude, denn mir wird sofort klar: Dieser Umzug bringt mir eine Zeitersparnis von ganzen zwanzig Minuten pro Fahrt. Zwanzig Minuten morgens länger schlafen, und zwanzig Minuten Dienstag abends länger nach Kupferblau in den Bierkeller. Womit hatte ich dieses Glück verdient? Was sollte ich nur mit so viel extra Zeit tun?! Erschöpft sinke ich auf die Knie. „Es gibt doch noch einen Gott“, murmle ich leise.

In diesem Sinne: K’furt, du bist ja echt ganz schön und nett und so, aber es ist vorbei. Die Studie ist beendet, die Protokolle abgeben. Ich kann es einfach nicht mehr. Nein, ich meine es genau so, und ja, ich hab auch schon was Neues gefunden.

Du musst mir glauben, es liegt nicht an dir – es liegt an mir!

Fotos: Leonie Müller

Ein Gedanke zu „K’furt – eine Langzeitstudie“

  1. Sehr amüsanter Artikel, in dem Dorf gehts ja wirklich zu wie daheim und wies aussieht hat auch Tübingen dasselbe Wohnungsproblem wie alle anderen bekannten Uni-Städte auch. Kaum zu glauben, dass sich da nie was tut.
    War auf jeden Fall angenehm zu lesen.
    Viele Grüße, AirSofie! 🙂

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