Schluss mit Selfiejournalismus und Postfaktizität

Wer sich am Donnerstag zur 15. Tübinger Mediendozentur  im Festsaal der Neuen Aula einfand, wurde zumindest inhaltlich wahrscheinlich nicht enttäuscht. Juli Zeh, eine der bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen und Ehrengast des Abends, ließ das Publikum an ihren bildhaften, lockeren und doch sehr tiefsinnigen Überlegungen zum Menschen im heutigen Medienzeitalter teilhaben.

Juli Zeh auf Umwegen

„Ich freue mich, hier zu sein“, verkündet Juli Zeh mit einem Lächeln in die Runde, „und das habe ich wahrscheinlich noch nie in meinem Leben so ernst gemeint.“  Wer die entspannt mit Jeans und Pulli dort oben stehende Schriftstellerin anschaut, dem würde nicht in den Sinn kommen, dass sie soeben nach einer vierzehnstündigen, chaotischen Anreise direkt auf die Bühne gehastet ist.

Aber von Anfang an: Nachdem sich um 18:30 Uhr hunderte von Menschen mehr schlecht als recht, sitzend und stehend in den Festsaal der Neuen Aula gezwängt hatten, wurde zerknirscht verlautet, dass sich durch Komplikationen bei Zehs Anreise die Veranstaltung um etwa eine Stunde nach hinten verschieben würde. Anderthalb Stunden, mehrere technische Probleme und mehrere Ortswechsel später (ein großer Teil des Publikums wurde nun zur Liveübertragung ins Audimax umquartiert) war es dann endlich so weit: Juli Zeh betrat unter Applaus die Bühne.

Anderthalb Stunden nach geplantem Veranstaltungsbeginn betritt Juli Zeh den immer noch vollen Festsaal.

Der Mensch auf seinem Egotrip

Ihre Rede beginnt sie, ganz zur Überraschung des Publikums, mit dem Abspielen eines Ausschnitts eines Bibi Blocksberg-Hörspiels. In diesem weicht der Erzähler von seiner auktorialen Rolle ab und versetzt sich selbst in den Mittelpunkt des Geschehens. Diesen Rollenwechsel empfindet Zeh als sehr bezeichnend für die heutige Zeit und plädiert: „Um das Medienzeitalter zu verstehen, muss man den Menschen dieses Zeitalters verstehen.“ Der Mensch sehe sich nun als Schöpfer, nicht mehr länger als Produkt. Diesen Menschen, der sich in der Moderne zwar von fast allen gesellschaftlichen Zwängen emanzipiert, dabei aber auch seine Zugehörigkeit verloren habe, nennt Zeh das „Turbo-Ich“. Er als Individuum befördere sich im Zuge seines Egotrips in das Zentrum jedes Diskurses und sehe sich dadurch in grenzenloser Auseinandersetzung mit sich und der Welt konfrontiert. Konsequenzen seien Bedürftigkeit, die ständige Suche nach Aufmerksamkeit und irrationale Ängste. Der Mensch frage nicht länger, was er für die Welt tun könne, sondern wie er persönliches Glück aus der Welt ziehen könne.

Neutralität ade

Nach diesen allgemeinen Beobachtungen zieht Zeh gekonnt Parallelen zur Krise der Medien und Demokratie. Der Mensch als Angstwesen, der sich nicht wie ein mündiger Bürger, sondern infantil wie ein unsicheres Kind verhalte, vertrage sich nicht gut mit der Demokratie. Das liegt laut Zeh daran, dass demokratische Systeme auf mündige Bürger angewiesen sind, die nicht ihre Bedürfnisse restlos von der Regierung gestillt wissen wollen, sondern sich selbst beteiligen und bereit sind, mitzuwirken.

Doch Juli Zeh rechnet nicht nur mit der Privatperson ab, vielmehr sieht sie Politik und Medien verantwortlich für die bestehende Misere. „Selfie-“ und „TKKG-Journalismus“ nennt Zeh die Form, bei der sich JournalistInnen, ganz so wie der Erzähler bei Bibi Blocksberg, selbst in den Mittelpunkt des Geschehens rücken, anstatt möglichst neutral zu berichten. Ähnlich wie bei der Kinderbuchreihe „TKKG“ würden verschiedene Rollen erfüllt und so könne sich der Konsument die vorgekaute Meinung der rechtspopulistischen, feministischen oder linksliberalen Medienvertreter entspannt aussuchen und simplifiziert wiedergeben. Dies kritisiert Juli Zeh und fordert:

„Objektiv, neutral und unbestechlich: So sollten Journalisten sein.“

Denn Respekt erfordere Neutralität. Es könne nicht sein, dass JournalistInnen das postfaktische Verhalten von PolitikerInnen anprangern, während sie selbst einen Kommentar nach dem anderen schrieben.

Die Juristin und Autorin, die selbst auch journalistisch tätig ist, fordert: JournalistInnen müssen wieder neutraler berichten und den Bürgern nicht nur eine Auswahl möglicher Meinungen vorkauen.

Das Internet als größter Narzissmusgenerator

PolitikerInnen verhalten sich laut Zeh nicht angemessener. Sie betrieben eine „pervertierte Form von Transparenz“, indem sie ihr Privatleben mithilfe von Social Media Profilen nach außen trügen. Dies führe zu Enttäuschung in der Bevölkerung und vor allem in rechtspopulistischen Reihen zu der Frage: „Warum sollten wir uns von jemandem regieren lassen, der genau so normal und unzulänglich ist wie wir?“ Als positives Gegenbeispiel nennt Zeh Angela Merkel, deren Privatleben nach so vielen Jahren immer noch mehr oder weniger ein Mysterium darstellt.

Zeh, die sich auch schon in der Vergangenheit auf die Seite von Datenschützern wie Edward Snowden gestellt hatte, sieht im Internet die Möglichkeit einer grenzenlosen Individualisierung. Während außerhalb des Internets die Bedürfnisse des Einzelnen in der Masse untergingen, sei im Internet alles personalisiert, von der Werbung bis zum Suchmaschinenalgorithmus. Das Internet sei eine „Ich-Maschine“, der „größte Narzissmusgenerator der Welt“. Deswegen spricht sich Zeh gegen ständige Selbstdarstellung und für eine kollektive Gesamtdarstellung aus. Dies gelte auch für Medien und Politik.

„Schluss mit Selfiejournalismus, Schluss mit Postfaktizität, Schluss mit Bürgernähe! Entschleunigung bedeutet nicht, weniger und langsamer zu arbeiten, sondern Entschleunigung bedeutet, sich selbst weniger wichtig zu nehmen.“

Anschließend endet sie ihre Rede mit einem spitzen Seitenhieb gegen Horst Seehofer: „69 abgeschobene Asylsuchende sind kein Geburtstagsgeschenk für ein 69 Jahre altes infantiles Turbo-Ich.“

Nach tosendem Applaus und einer humorvollen Fragerunde mit Juli Zeh scheint es, als hätte sich das lange Warten für viele der ZuschauerInnen gelohnt.

Wer die gestrige Mediendozentur verpasst hat, hat immer noch die Möglichkeit, die Übertragung  hier online  nachzuschauen.

Fotos: Marko Knab

2 Gedanken zu „Schluss mit Selfiejournalismus und Postfaktizität“

  1. Moin,
    schönen Dank für all das Engagement. Wäre es möglich, das Script der Rede zu erhalten?

    Hoffnungsfrohe Grüße
    Jule Jonassen

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