Gekaufte Wissenschaft

„Gegen den Ausverkauf der Stadt, der Universität und des Wissens“ fand am Freitag auf dem Holzmarkt eine Kundgebung gegen das Cyber Valley statt. Rund 30 ProtestteilnehmerInnen kritisierten die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft, Industrie und Land. Unser Redakteur sieht die enge Verknüpfung von Wirtschaft und Wissenschaft äußerst kritisch.

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet arbeiten Wirtschaft, die Universitäten Tübingen und Stuttgart, sowie die Politik an der Cyber Valley Initiative. In einer Rundmail (Winter 2017) berichtete Rektor Bernd Engler: Anlässlich eines „epochalen Wandels“ in der Informationstechnologie habe sich Tübingen in den vergangenen Jahren zu einem „Zentrum für maschinelles Lernen und maschinelles Sehen“ entwickelt. Epochaler Wandel? – damit ist gemeint, dass die Digitalisierung die Gesellschaft grundlegend verändert und neue Kommunikationsmöglichkeiten und Technologiezweige florieren. Engler nennt das Stichwort „künstliche Intelligenz“.

Er spricht vom „Standort Tübingen“ als ob die Universität Bestandteil eines Unternehmens sei, das für sich zu werben habe – nun, vielleicht ist sie es auch.

Kampf um die klugen Köpfe

Das Cyber Valley soll ein Biotop für die Entwicklung künstlicher Intelligenz sein. Start-Ups werden begünstigt, damit Tübingen und die Region Stuttgart im internationalen Wettbewerb um die „klugen Köpfe“, wie die Leitung der Max-Planck-Gesellschaft unlängst in einem Interview meinte, mithalten könne. Es handelt sich um ein elitäres Projekt, in dem Interessen globaler Akteure bedient werden. Das zeigt sich schon an der offiziellen Website des Cyber Valleys, auf der sich die Autoren sich damit brüsten, dass Großkonzerne wie Amazon, BMW, Daimler, Porsche und das intensiv im Rüstungsbereich tätige Unternehmen ZF Friedrichshafen sich mit Stiftungsprofessuren und finanziellen Zuwendungen im Millionenbetrag an dem Projekt beteiligen.

Gerade die Beteiligung von Rüstungsunternehmen wie der ZF Friedrichshafen besorgt die Teilnehmer der Kundgebung.

Brauchen wir das Cyber Valley wirklich?

Die Autoren schreiben weiter: „Intelligente Systeme werden in Zukunft in immer mehr Bereichen des Lebens wichtig: Sie könnten uns als autonome Fahrzeuge chauffieren, als Haushaltshilfe im Alltag zur Seite stehen“. Vergessen wird dabei die Frage, ob diese Entwicklungen wirklich nötig sind. Warum benötige ich weitere Haushaltshilfen? Reichen Waschmaschine, Kühlschrank und Geschirrspüler nicht aus?

Welchen Unterschied macht es, ob ich in zehn Jahren mit einem selbstfahrenden Auto oder einem alten Käfer im Stau sitze? Die Umwelt verpesten wir auf diese Weise trotzdem.

Der Individualverkehr wird weiter ausgebaut, soll attraktiver gemacht werden, wo er doch nachweislich zur Unbewohnbarkeit der Erde beiträgt. Wissenschaft und Automobilkonzerne gehen Hand in Hand dem Schadstoffnebel entgegen, zudem wir den Planeten machen. Wir in Tübingen sitzen direkt daneben.

Amazon und Tübingen

Amazon will in Tübingen investieren? „Geil!“, könnte manch einer meinen. Doch was bewegt Amazon? Was will dieser multinationale Konzern, der in seiner Expansionsstrategie bisher immer aggressiv und skrupellos gegenüber kleineren Betrieben war? Etwa wissenschaftlichen Fortschritt? Wenn Amazon in die Wissenschaft investiert, dann nicht um die Wissenschaft per se voranzubringen, sondern, um im internationalen Wettbewerb auf dem Markt für digitale Entwicklungen weiterhin konkurrenzfähig zu bleiben und auch morgen noch satte Gewinne zu verzeichnen. Wissenschaft wird gekauft – das ist, worüber sich Stadt, Universitätsleitung und die Max-Planck-Gesellschaft zu freuen scheinen. Naja, dann verdient Amazon sein Geld und der Standort Tübingen und die Universität profitieren davon. Was ist schlimm daran? Umsatz erzielen zu wollen ist legitim und dagegen richtet sich dieser Beitrag nicht.

Alle Redner wiesen darauf hin, dass technologischer Fortschritt auch menschliche Rückschritte heißen können, so zum Beispiel die Arbeit an intelligenten Videoüberwachungssystemen.

Ausverkauf der Wissenschaft

Die Kooperation zwischen Unternehmen und Universitäten ist ein Problem, weil sie die Freiheit der Wissenschaft unterwandert. Mit den Investitionen von Unternehmen geht auch Einflussnahme einher, denn wer Geld gibt, will auch mitbestimmen. Egal, ob Amazon oder sonst irgendein Konzern, jeder Cent, der nach Tübingen fließt, wird Einfluss darauf nehmen, was von den Wissenschaftlern als bedeutend und was als weniger wichtig erachtet wird. Wichtig ist für ein Unternehmen Forschung, die Umsatz generiert. Doch werden wir wohl eher noch Godot begegnen, als das die Initiatoren des Cyber Valleys verstehen: Hier wird Wissenschaft zweckentfremdet, ökonomisiert.

Die Ökonomisierung der Wahrheitssuche macht eben diese unmöglich, sowie den Wissenschaftsbetrieb zum Institution gewordenen Paradoxon und im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Wissenschafts-Betrieb. Verständnis und Wissenssuche stehen Nutzbarmachung und Umsatzgenerierung gegenüber, dabei entscheidet das finanzielle Kalkül immer mehr welcher Wert der Forschung zugeschrieben wird.

Technozentrischer Größenwahn

Große Ziele hatten sich die Aufklärer gesetzt, sie wollten forschen, um die Menschheit voranzubringen, um zu erkennen und um Licht ins Dunkel zu bringen. Davon ist wenig übriggeblieben in einer Stadt, die die Selbstveräußerung an die Interessen von Privatleuten unter dem Namen „Cyber-Valley-Initiative“ auf eine nie gekannte Ebene prätentiöser Lächerlichkeit erhebt. Wenn schon technozentrischer Größenwahn, dann doch bitte mit ein bisschen mehr Kreativität und Eigenständigkeit. Tübingen, das Bollywood der Digitalisierung, wird die Neckarbrücke wahrscheinlich bald schon Schwabengate-Bridge nennen.

Bilder: Leo Schnirring

Weiterführende Links:

Amazons Geschäftsstrategie:

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.amazon-die-expansionsstrategie-des-jeff-bezos.051106c5-2e83-40ac-b79e-204217464c45.html

Amazon und Tübingen:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/kuenstliche-intelligenz/amazon-steigt-im-schwaebischen-cyber-valley-ein-15259672.html

http://www.neckar-chronik.de/Nachrichten/Amazon-baut-ein-Forschungszentrum-in-Tuebingen-Kooperation-mit-der-Max-Planck-Gesellschaft-351064.html

Wissenschaftliches Paper zum Thema Ökonomisierung:

http://www.cetro.uni-oldenburg.de/download/Endbericht_Heuer_Schulze_final.pdf

Website der Cyber Valley Initiatoren:

https://cyber-valley.de/de

Bericht des Schwäbischen Tagblatts zur Kundgebung:

https://www.tagblatt.de/Nachrichten/Gegen-Cyber-Valley-und-Amazon-fuer-eine-oeffentliche-Diskussion-378505.html

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