„Simone de Beauvoir war mein Religionsersatz“: 68er in Tübingen – Teil 3/4

Gabriele Huber ist ein Kind der 68er-Generation und hat sich intensiv mit dieser Zeit beschäftigt: 2016 wurde ihr Buch „Straßenkampf und Kinderladen“ veröffentlicht, und erst dieses Jahr organisierte sie, zusammen mit einem Kollegen, ein umfangreiches Begleitprogramm zu einer Ausstellung über die „Tübinger Revolten 1848-1968“. Woher rührt auch noch 50 Jahre später ihre Faszination für diesen Teil deutscher Geschichte? Wir haben nachgefragt.

Gabriele, du wurdest 1951 geboren und warst im Jahr 1968 siebzehn Jahre alt. Damals hast du noch in deiner Heimatstadt Riedlingen gewohnt. Wie hast du diese Zeit in Erinnerung?

Es war eine Zeit, die für mich wirklich prägend war, denn in Riedlingen ging es damals auch rund. Ich war in einer Clique mit Leuten mit langen Haaren, Miniröcken und Parkas. Wir waren nicht total politisiert, aber wir waren oppositionell – sowohl in der Schule bei den Lehrern, als auch privat. Es gab eine Lust an der Provokation und wir sind aufgefallen.

Riedlingen war damals stockkatholisch und die Pfarrer waren auch nicht immer so ganz glaubwürdig. Zum Teil hatten wir Lehrer, die waren total autoritär. Manche würde ich im Nachhinein auch als Nazis diagnostizieren – klar, man hat nach dem Krieg eben keine anderen gehabt. Wir waren rebellisch, weil wir die ganzen Verkrustungen durchschaut und abgelehnt haben.

Damals habe ich auch das Jugendzentrum in Riedlingen mitgegründet. Daraus  wurde dann ein Verein, das Jugendforum e.V.,  der auch heute noch aktiv ist. Das ehemalige Gefängnis im Stadtzentrum, in dem dann das Jugendforum untergebracht war, wurde von Jugendlichen besetzt – das repräsentiert auch diesen Revoluzzergeist.

Also war es eher die gesellschaftliche Stimmung, die ihr damals abgelehnt habt, als die Politik?

Natürlich haben wir die Weltpolitik verfolgt, wir haben Zeitung gelesen und Tagesschau geguckt. Aber in der kleinen Stadt Riedlingen waren die großen Kriege, Militäreinsätze und das Ganze Zeug nicht das zentrale Thema. Es waren eher die Wellen, welche die Veränderungen dieser Zeit geschlagen haben, die bei uns ganz stark zu spüren waren. Die Auswirkungen im Alltag, die bis heute nachwirken.

Frauenrechte zum Beispiel: Eine Frau konnte damals in Riedlingen nicht alleine Essen gehen. Da hätte man sofort gesagt: „Do stimmts dahoim nemme“, und wenn ein Mann alleine Essen war: „kocht dem sei Frau nemme?“. Eine Witwe konnte vielleicht alleine Essen gehen oder eine ältere ledige Frau, aber als normale bürgerliche Frau war das unmöglich. Und Frauen, die nicht verheiratet waren, waren halt irgendwann „die Altledigen“. Vielleicht wollte eine Frau gar nicht heiraten – oder vielleicht war sie gar nicht heterosexuell? Das gab’s ja sowieso nicht, das war total tabuisiert – auch wegen der Kirche.

Gabriele Huber wartet im Interview mit vielen lebhaften Erinnerungen an ihre Studienzeit in Tübingen auf.

Würdest du gerade das Erkämpfen von Frauenrechten der 68er-Bewegung zuschreiben?

Simone de Beauvoir war ja schon ein paar Ecken früher dran, aber 68 sind diese Sachen eben wieder hochgeschwappt. Kurze Zeit später ist die Frauenbewegung nochmals so richtig losgegangen. Die jungen Frauen wissen zum Teil gar nicht, was sie dem zu verdanken haben. Die nehmen das selbstverständlich mit – sollen sie, um Gottes Willen! Aber das ist ein hohes Gut, das man bewahren und notfalls auch erkämpfen muss.

Im Jahr 1971 kamst du dann nach Tübingen, um zu studieren. Wie hast du die Stadt wahrgenommen – hat man die Nachwirkungen der 68er noch gespürt?

Ja klar, in jeder Hinsicht. Gerade wir Erziehungswissenschaftler haben ständig Vollversammlungen gehabt, bei denen wir zum Beispiel gegen die Dozenten protestiert haben. Die Dozenten hat man übrigens geduzt, und sie uns. Da Erziehungswissenschaft ein neues Fach war, war es total überlaufen, bevor ein NC eingeführt wurde. Was mich beeindruckt hat, war, dass die Professoren und Dozenten zum Teil verunsichert waren durch uns. Denn unsere Fachschaft war ein Riesenhaufen. Nicht wie in den alten, verkrusteten Fächern wie Jura – da waren die Autoritäten klar, und es waren auch viel kleinere Fachschaften.

Wir Pädagogen hatten wöchentliche Vollversammlungen mit ein paar hundert Leuten und ich erinnere mich an eine, da sind wir mal wieder von einer anderen Fachschaft geholt worden. Die meinten, ihr ‚Chef‘ sei ein Arschloch. Da sind wir dann hin und haben dessen Büro besetzt. Eine Kommilitonin hat sich auf seinen Schreibtisch gelegt und wir haben gesungen. Der hat den Theis (damaliger Universitätsdirektor, Anm. d. Red.) angerufen und hat französisch mit ihm geredet – obwohl wir das natürlich verstanden haben. Danach hat er demonstrativ ein Buch gelesen und überhaupt nicht mit uns geredet.  Das Buch hielt er allerdings umgedreht – er konnte also gar nichts lesen. Der hat zwar souverän getan, aber war vollkommen angespannt. Und dann kam der Theis und hat das Ganze entschärft.

Wenn wir auf Demos eingehakt durch die Stadt gelaufen sind, haben wir immer gerufen: „Theis, Theis, Theis, der Sommer der wird heiß.“ Da war viel los, da waren ständig Demos.

Was waren die Dinge, gegen die ihr euch aufgelehnt habt?

Der Vietnamkrieg, die Notstandsgesetze, oder die Gebühren fürs Studium. Tübingen war politisierter als Riedlingen. Man hat aber häufig auch in Tübingen gegen Dinge demonstriert, die doch ziemlich weit weg und abstrakt waren.

2016 wurde dein Interviewband „Straßenkampf und Kinderladen“ veröffentlicht, für den du mit Zeitzeugen der 68er-Bewegung gesprochen hast. Woher rührte auch 48 Jahre später noch deine Faszination für diese Zeit?

Es ist einfach so, dass mich diese Zeit entscheidend geprägt hat. Sowohl in Riedlingen, als auch im Studium. Ohne 68 wäre ich wahrscheinlich ein bisschen biederer und viel stromlinienförmiger geworden. Es war eine Umbruchzeit, die ganz viel in Frage gestellt hat. Ich hatte auch reichlich Kämpfe mit meinen Eltern – später waren sie dann  stolz auf mich –  aber das hat eine Weile gedauert.

Simone de Beauvoir war mein Religionsersatz, die konnte ich auswendig. Obwohl ich im Nachhinein finde, Sartre und sie haben auch viel in ihrer Vita hingebogen und geschönt. Trotzdem war die Denke für die Zeit sehr umwerfend.

Für ihren Interviewband „Straßenkampf und Kinderladen“ sprach Gabriele Huber mit 15 Zeitzeugen über die Jahre um 1968.

Nach welchen Kriterien hast du die Interviewpartner ausgewählt?

Ich wollte einen Querschnitt der Tübinger Bevölkerung haben: Männer und Frauen nach gleichen Anteilen und sowohl politisierte, als auch nicht politisierte Leute. Mit dabei waren zum Beispiel Inge Jens (Tübinger Literaturwissenschaftlerin und Publizistin, Anm. d. Red.), Ali Schmeißner (Anführer der Studentenrevolte in Tübingen, Anm. d. Red.) und ein Bäckermeister, der Gerhard Dieterle. Das Buch sollte ein Spiegelbild der Zeitgeschichte sein.

Kannst du ein paar Anekdoten nacherzählen, die dich in deinen Gesprächen mit den Zeitzeugen besonders fasziniert haben?

Ich habe ja mal in einem Haus gewohnt, in dem ein paar Jahre vor mir Gudrun Ensslin gewohnt hat. Der Bäckermeister Dieterle, den ich interviewt habe, hatte an der Krummen Brücke über Jahrzehnte ein Bäckereifachgeschäft – und er hat Gudrun Ensslin gekannt. Sie hat bei ihm immer Brezeln und Weckle eingekauft, und er meinte so sinngemäß über sie: „Das war doch so a anständig’s und nett‘s Mädle, so a g’pflegte Pfarrerstochter, da hat doch koiner g’wisst, was die später für a Zeig tuat!“. Es war toll, wie er das Ganze erzählt hat.

Auch an die Erzählungen von Inge Jens erinnere ich mich gerne. Ihr Mann, Walter Jens, hatte immer ein gutes Verhältnis zu seinen Studenten – auch zu den rebellischen. Sie hat erzählt, dass sie zu Hause immer die Matratzen aus den Betten geholt haben, und da haben dann die Jensens und die Studenten gesessen und diskutiert.

Findest du, heutige Studierende sind zu unpolitisch?

Was heißt zu unpolitisch? Die reagieren auf ihre Situation, und die ist nicht so, wie unsere war. Unsere war in jeder Hinsicht schlimmer. Es gab damals zum Beispiel nur Honnef, erst in den 70ern gab es BAföG (Das Honnefer Modell war ein Vorläufer des BAföG, Anm. d. Red.). Man musste sich wirklich wehren, und das entwickelt natürlich Kampfgeist.

Gibt es für dich auch heutzutage, 50 Jahre nach 68, Dinge, für die es sich lohnt zu kämpfen?

Ich persönlich führe die Initiierung der Grünen auf die 68er zurück. Wahrscheinlich hat es letztendlich auch überregional politisch etwas ausgelöst, zum Beispiel die Europäisierung. Auch, dass sich Frauen sehr stark befreien konnten – das ging von der Pille über Paragraph 218 (Abtreibungsverbot, das erst Mitte der Siebziger gelockert wurde, Anm. d. Red.) bis in viele weitere Teile des Lebens.

Aber, ich habe das Gefühl, dass das heute von vielen Menschen, gerade jungen Menschen, einfach als selbstverständlich hingenommen wird, was es nicht ist. Das kann sehr schnell zurückgeschraubt werden, wenn ich mir die Weltpolitik mit Trump, Putin und Weiteren anschaue. Auch bei uns sollte man da sehr stark aufpassen und sich auf den erkämpften Rechten nicht ausruhen. Diese Privilegien, die ihr heute im Gegensatz zu uns früher – zu Recht – habt, sind ein hohes Gut. Sie sind nicht selbstverständlich, und man muss auf sie achten!

Vielen Dank für das Gespräch!

Titelbild: Marko Knab

Beitragsbilder: Gabriele Huber

Ein Gedanke zu „„Simone de Beauvoir war mein Religionsersatz“: 68er in Tübingen – Teil 3/4“

  1. Der Interviewer scheint mir auch nicht so der hellste zu sein!
    Wer kontrolliert denn das, was hier verbreitet wird?

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