To-Go oder To-Throw? Der Kampf um geeignete Kaffeebecher

In Tübingen werden jedes Jahr 2,9 Millionen Einweg-Kaffeebecher verbraucht – das sind 34 Becher pro Einwohner. Im letzten Semester hat das Studierendenwerk die Umweltsünder aus mehreren Cafeterien verbannt, unter anderem im Brechtbau. Nun verschwinden vermehrt Keramiktassen. Ist ein Verbot die Lösung?

Einwegbecher sind nicht recyclebar und haben in den letzten Jahren zu einem drastischen Anstieg des Müllaufkommens sowohl in der Stadt als auch an der Uni geführt. Die städtische Initiative „Tü-Go – Besser bechern“ und auch die „Becherwisser“-Kampagne des Studierendenwerks Tübingen-Hohenheim versuchen, ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen. Kupferblau traf Ute Stirm, die Leiterin der Cafeterien im Tal, und Michael Rolka, zuständig für das Marketing in den Cafeterien, zum Gespräch.

Frau Stirm, warum haben Sie entschieden, die To-Go-Becher in einigen Cafeterien abzuschaffen?

Ute Stirm: Seit zehn, fünfzehn Jahren gibt es diesen Trend, dass alle ihr Essen für unterwegs haben möchten, keiner hat mehr Zeit, sich gemütlich irgendwo hinzusetzen. Der Müll, der dadurch entsteht, ist natürlich nicht nur an der Uni, sondern bundesweit ein Problem. Wir beobachten das jetzt schon lange, sind auch schon seit einigen Jahren mit der Frau Eissler von der Uni (Abfallbeauftragte der Universität Tübingen, Anm. d. Redaktion) in Kontakt und haben uns eben überlegt, wie wir dem Trend entgegentreten können.

Michael Rolka: Interessant ist ja auch, warum es diese Becher bei uns überhaupt gibt. Wir haben Einwegbecher erst sehr spät eingeführt und nur auf Druck der Konsumenten hin. Viele Geschäfte haben nach und nach angefangen, To-Go-Becher einzuführen und viele Leute haben dann dort ihren Kaffee gekauft und nicht mehr bei uns. Und dann mussten wir nachziehen.

Es gibt ja auch andere Ansätze, um den Müll zu reduzieren, zum Beispiel in dem man sagt, man macht den Kaffee billiger, wenn man ihn nicht in einem Einwegbecher nimmt. Ist das eine Option für das Studierendenwerk?

Rolka: Das funktioniert bei uns aus technischen Gründen nicht. Die freistehenden Kaffeemaschinen können nicht unterscheiden, ob da ein Einwegbecher oder ein Mehrwegbecher drunter steht. Das Programmieren wäre kein Problem, aber hier bestünde die Gefahr, dass – absichtlich oder aus Versehen – oft das falsche Produkt angewählt würde. An der Kasse wäre das weniger ein Problem.

Stirm: Wir sind ja auch mit anderen Studierendenwerken in Deutschland vernetzt und tauschen uns darüber aus, ob andere Kollegen vielleicht schon eine praktikable Lösung entwickelt haben. Wo war das noch,  wo sie mittlerweile 50 Cent für den Einwegbecher verlangen?

Rolka: In Berlin. Die haben aber keine frei zugänglichen Maschinen, da ist das machbar.

Ute Stirm und Michael Rolka versuchen die Cafeterien möglichst nachhaltig zu gestalten. Aber wenn die Studierenden nicht mitziehen, können sie nur wenig tun.

Was ist mit einem Pfandsystem, wie es zum Beispiel die Stadt und die Uni Freiburg eingeführt haben?

Rolka: Da wären vor allem Ausgabe und Rückgabe das Problem. Das müsste alles über die Kasse laufen. Das heißt, Sie müssten sich für einen Kaffeebecher anstellen, dann zur Maschine gehen, um sich dort den Kaffee zu ziehen, nur um dann nochmal zur Kasse zu gehen, um den Becher zurückzugeben. Das ist wenig gast- bzw. kundenfreundlich und für die Mitarbeiter würde es einen enormen Mehraufwand bedeuten.

Und der FreiburgCup: Ich will jetzt nicht sagen, das Projekt ist gescheitert, aber zumindest das StuWe Freiburg ist mit der Entwicklung meinem Kenntnisstand nach nicht wirklich zufrieden und die Stadt Freiburg selber, glaube ich, auch nicht. Die Nutzung ist das Problem. Die Becher verschwinden einfach und werden damit aus dem Kreislauf genommen. In dem Moment macht auch ein an sich gutes System keinen Sinn mehr.

Stirm: Das Problem sehen wir jetzt auch hier in unseren Cafeterien. Eigentlich wäre es ganz einfach: Wir stellen Kaffeetassen zur Verfügung und wenn ich hier einen Kaffee trinken möchte, dann setze ich mich hin und wenn ich fertig bin, gebe ich die Tasse an der Geschirrausgabe zurück. Es ist auch kein Problem, die Becher hier im Tal von Gebäude zu Gebäude zu tragen, die können wir dann ja wieder austauschen, zumindest wenn sie an einer unserer Rückgabestationen abgegeben werden.

Das Problem entsteht, wenn unsere Tassen in irgendwelchen Schränken verschwinden.

Wir haben auch schon welche aus Mülleimern gefischt. Das Problem betrifft auch das andere Geschirr und das führt zu immensen Kosten jedes Jahr. Wenn ich einen Porzellanbecher zudem nur vier-, fünfmal benutze, bevor dieser aus unserem Bestand verschwindet, dann ist das außerdem auch keine Mehrweglösung mehr. Da muss sich einfach in den Köpfen etwas tun.

In den Cafeterien werden ja auch Mehrwegbecher verkauft.

Stirm: Ja, wir verkaufen sowohl die Tübinger KeepCups als auch Thermobecher, da in den KeepCups der Kaffee ja nicht warm bleibt. Viele Studierende kaufen die Becher, aber es gibt wenige, die sie auch tatsächlich benutzen, bei den meisten steht er dann wohl zu Hause im Schrank.

Rolka: In Hohenheim haben wir 2012 angefangen, KeepCups anzubieten. Die MitarbeiterInnen dort haben an den Kassen die Möglichkeit, es zu vermerken, wenn ein Kaffee im Mehrwegbecher verkauft wird. Die Nutzungsquote fällt äußerst mager aus. Prozentual gesehen im Null-Komma-Bereich.

Solange sich im Verhalten der Leute nichts ändert, können die Becher wahrscheinlich auch nicht in anderen Cafeterien abgeschafft werden, oder?

Rolka: In Reutlingen, wo wir durch die reine Campuslage es nicht wie in Tübingen mit Konkurrenz zu tun haben, haben wir die Becher auch abgeschafft. Trotzdem hatten wir deutliche Umsatzrückgänge. Kaffee ist für uns ein wichtiges Geschäft und wenn man dann feststellt, dass die Leute keinen Kaffee mehr trinken, dann überlegt man sich natürlich schon aus rein wirtschaftlichen Gründen, ob das der richtige Weg ist. Aber man merkt schon, dass ein gewisses Umdenken einsetzt, noch nicht in dem Maße, wie wir es vielleicht gerne hätten, aber: steter Tropfen höhlt den Stein.

Stirm: Es ist halt wie auf vielen Gebieten: Anscheinend geht es nur über Verbote und Geld. Traurig, irgendwie. Aber ja, ein Umdenken setzt ein. Wichtig ist auch, den Menschen klar zu machen, dass ein Einwegbecher Restmüll ist. Das ist ein Verbundstoff aus Kunststoff und Pappe.

Rolka: Viele schmeißen den Einwegbecher in den Gelben Sack oder sogar ins Altpapier – und da gehört dieser einfach nicht rein. Diese Einwegbecher sind Restmüll.

Fotos: Thomas Dinges

 

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