Religion: Hindernis und Motivation zugleich?

Leyla Dakhli hat in Tunesien, in Frankreich, im Nahen Osten und in Deutschland gelebt und geforscht. Damit ist sie der perfekte Eröffnungsgast für die neue Veranstaltungsreihe des Deutsch-Französischen Kulturinstituts: Mit Vorträgen, Diskussionen und Filmen möchte das Institut die Themen Deutschland, Frankreich und Islam zusammenführen.

Muslimische Akademikerin, emanzipiert, ohne Kopftuch – ist Dr. Leyla Dakhli, Historikerin und Soziologin am Forschungszentrum ‚Centre Marc Bloch‘ in Berlin, ein typisches Erfolgsbeispiel? In einer untypischen Frauenrolle, die sie „trotz ihrer Religion“ ausfüllen kann? So einfach sieht die Forscherin mit Schwerpunkt Kultur und Geschichte der arabischen Welt das nicht. Auf die Leitfrage des Gesprächs „Ist Religion ein Hindernis? Muslimische Akademikerinnen in Europa und der islamischen Welt“ könne sie deshalb keine Antwort geben.

„Religion kann ein Hindernis sein, sie kann aber genauso gut eine Motivation sein.“

Prof. Mouez Khalfaoui ist Professor für Islamisches Recht am Zentrum für Islamische Theologie der Uni Tübingen und moderiert das Gespräch mit Dakhli. Beide können auf die Frage nach der Rolle von Religion im akademischen Werdegang keine universelle Antwort geben: Es gebe sowohl Geschichten von Erfolg als auch von Misserfolg.

Mouez Khalfaoui ist Professor für Islamisches Recht an der Uni Tübingen.

Außerdem müsse man sich davor hüten, alles auf die Religion zurückzuführen. Dakhli selbst erzählt: „Ich habe mir lange nicht eingestehen wollen, dass Identität für eine akademische Position überhaupt eine Rolle spielt. Aber als ich erst nach zehn Jahren einen Posten an der Uni bekam, habe ich noch einmal darüber nachgedacht…“ Religiöse Identität spielt also eine komplexe Rolle. Schwierigkeiten muslimischer Akademikerinnen und Nicht-Akademikerinnen lassen sich laut Dakhli jedoch oft eher auf Geschlechterbeziehungen zurückführen.

Religion, Frauenbild, Emanzipation? Kein Puzzlespiel

In vielen islamischen Ländern sieht Dakhli schlechtere Chancen für Frauen. Ungleiche Geschlechterverhältnisse seien allerdings kein islamisches, sondern ein universelles Problem: „Der Islam ist nicht das Puzzleteil, das zu ‚nicht emanzipiert‘ gehört“, sagt Dakhli. Vielleicht stellt sie sich die Beziehung zwischen dem Islam und Frauenbildern mehr wie ein Memoryspiel mit einem Kind vor: Da das Kind die Karten immer wieder vermischt, lassen sich die Karten einander irgendwann nicht mehr zuordnen, und auch die Umgebung der Karten ist jedes Mal eine andere.

Es gebe auch nicht die islamische Frau. Die Lage der Frauen sei sehr divers und oft erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Mouez Khalfaoui warnt: „Gerade die Islamisten haben zum Beispiel in Tunesien viele Frauen auf der Liste.“ Von solcher Propaganda wie von der Integration von Frauen in Beruf und Öffentlichkeit dürfe man sich nicht täuschen lassen. Auch wenn Frauen berufstätig seien, sei ihr Leben stattdessen im Privaten extrem reguliert, so etwa in Saudi-Arabien: Frauen gehen nicht alleine einkaufen, werden beim Erbe außen vor gelassen und stehen unter der Vormundschaft von Vater, Bruder oder Ehemann.

Dr. Leyla Dakhli (Mitte) wünscht sich mehr Austausch zwischen arabischen und europäischen AkademikerInnen.

Getrennte akademische Welten

Tunesien, Syrien, Ägypten, Palästina, Deutschland, Frankreich: In all diesen Ländern hat Leyla Dakhli gelebt. Innerlich kann sie die vielen Identitäten vereinen. „Ich fühle mich nicht, als stünde ich zwischen den Kulturen“, sagt sie. Trotzdem gibt es äußere Trennlinien, zwischen denen sie vermittelt. Es fehle noch an akademischem Austausch zwischen Europa und der arabischen Welt. Wie man das ändern könne? Mit leichterer Visa-Vergabe für junge WissenschaftlerInnen,  mit mehr Übersetzungen aus dem Arabischen und vielleicht auch mit Quoten für Professuren aus anderen akademischen Kulturen. Auch wenn viele arabische Länder leider noch isoliert seien: Seit dem arabischen Frühling könne Dakhli selbst immer nach Tunesien zurückkehren und sich dort mit den Menschen vernetzen. Und in ihrem Geburtsland habe man schon viel erreicht: „Meine Ehe mit einem Nicht-Muslim wird anerkannt und ich habe das gleiche Erbrecht wie man Bruder. Das ist doch schon Einiges.“

Eine Übersicht über die nächsten Veranstaltungen in der Reihe „Ziemlich beste Fremde? Muslimisches Leben in Frankreich und Deutschland“ findet sich hier.

Fotos: Marko Knab

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